Beim Vorlesen in Rollen schlüpfen

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 Die Organisation des Vorlesetags lag in den Händen von Ludger Baum, Ulrike Schreiner-Luik und Jürgen Belgrad (von links). Schir
Die Organisation des Vorlesetags lag in den Händen von Ludger Baum, Ulrike Schreiner-Luik und Jürgen Belgrad (von links). Schirmherr der Veranstaltung war Minister für Soziales und Integration Manfred Lucha (dirtter von links). (Foto: Barbara Müller)
Schwäbische Zeitung

Gerade beim Vorlesen ist der schnelle Rollenwechsel, das Hineinschlüpfen in Rollen, eine ganz besondere Herausforderung. Kopf-Kino entsteht durch wörtliche Rede, durch Stimmanpassungen, Mundart, Gesten, Mimik, Ausdruck und Bewegung. Dies zeigte sich auch am vergangenen Freitag beim mittlerweile achten Vorlesetag an der Pädagogischen Hochschule Weingarten (PH), wie es in einer Pressemitteilung heißt.

Er freue sich sehr, dass die PH auch in diesem Jahr wieder ein „Ort des Vorlesens“ sei, sagte Bernd Reinhoffer, Prorektor für Lehre und Studium an der PH, der die zahlreichen Besucher begrüßte. Zu dem Vorlesetag eingeladen, hatten Jürgen Belgrad, Professor im Ruhestand und Leiter des Forschungsprojekts und Vereins „Leseförderung durch Vorlesen“, zusammen mit Ludger Baum, Leiter des Regionalen Bildungsbüros, und Ulrike Schreiner-Luik, Ehrenamtskoordinatorin und Leiterin der Lesewelten der Kinderstiftung Ravensburg.

Thema des Nachmittags war „In Rollen schlüpfen“. Die beiden Moderatoren, Schauspieler und Theaterpädagogen Jutta Klawuhn und Alexander Niess vom Theater Ravensburg stellten in ihren Intermezzos laut Mitteilung immer wieder anschaulich unter Beweis, wie sehr es beim Vortragen und Vorlesen neben Wort und Text auch um Ästhetik, Performance und Schauspiel, Emotion, Improvisation, Dynamik und Dramaturgie geht.

Er wisse aus eigener Erfahrung, dass das Lesen oder Vorlesen für die persönliche Entwicklung überaus wichtig sei, betonte der baden-württembergische Minister für Soziales und Integration Manfred Lucha. Er hatte nicht nur die Schirmherrschaft für den diesjährigen Vorlesetag übernommen, sondern begeisterte die Zuhörerinnen und Zuhörer auch mit seinem Vorlese-Ausflug in die Steiermark und das Landleben eines Steirers, indem er Passagen aus dem Roman „Aus dem Leben Hödlmosers“ von Reinhard P. Gruber vorlas und mit eigenen Erläuterungen garnierte. „Die Steiermark zerfällt aus Zufälligkeit, Österreich aus Notwendigkeit“, verlas er die Quintessenz des Werkes, das der Anti-Heimatliteratur zuzurechnen ist.

Der Landesminister stellte auch sein schauspielerisches Können unter Beweis, als er auf Bitte des Berufssprechers Peter Eilichmann die Rolle eines „stehenden Hahns“ übernahm, der Eier legt. Der als Sprecher für TV, Film, Rundfunk sowie von Hörspielen und Hörbüchern bekannte Eilichmann schlüpfte scheinbar mühelos in die unterschiedlichsten Rollen und zeigte, wie „die Stimme Stimmung“ macht und durch emotionales Sprechen und Vorlesen Bilder entstehen und Geschichten wachsen können – selbst beim Vorlesen einer nüchternen Gebrauchsanweisung.

Wie gut sich Mundart zu einem atmosphärischen Vorlesen eignet, zeigte die vielfach ausgezeichnete Autorin Claudia Scherer. Die Sprache sei ein Spielzeug. „Und sie spielt die Hauptrolle in meinem Leben“, sagte sie. Dem Appell der Schriftstellerin, das Kind in sich selbst nicht zu verleugnen, folgten die Vorlesetag-Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur zu gerne, als Ursula Gropper, Lehrkraft an der Kuppelnauschule Ravensburg, aus einem Kinderbuch von Manfred Mai, von einem Raben vorlas. Sie beherrschte die Kunst, jeder Figur ihre eigene Stimme zu geben.

Das spritzige Ratten-Paar des Figurentheaters PasParTout schaffte es zum Schluss mühelos, sein Publikum ohne lange Textpassagen, dafür aber mit live gespielter Ratten-Fanfare in ihren Bann zu ziehen und tierisches Vergnügen zu verbreiten.

Tipps für lebendiges Vorlesen erhielten die Besucherinnen und Besucher auch bei den anschließenden Workshops zu Themen wie „Improvisiertes Vorlesen“, „Wörtliche Rede als Herausforderung für Vorleser“, „Die Stimme macht die Stimmung“ , „Lasst Figuren sprechen“ oder „Mundart – aufs Maul geschaut“.

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