Der Weingartener Musikprofessor Franz Beyer (Mitte) im Jahr 1983 bei der Verleihung des Kulturpreises der Städte Ravensburg und
Der Weingartener Musikprofessor Franz Beyer (Mitte) im Jahr 1983 bei der Verleihung des Kulturpreises der Städte Ravensburg und (Foto: SZ-Archiv)
Schwäbische Zeitung
Anton Wassermann

Mit den diesjährigen Klosterfestspielen, die am vergangenen Wochenende zu Ende gegangen sind, ist in Weingarten das Mozart-Fieber entfacht. Regisseur Christof Küster hat bekanntlich das Stück „Amadeus – Aufstieg und Fall des Götterlieblings“ auf die Freilichtbühne im Akademiehof gebracht und verschiedene Schlüsselszenen mit Musik Mozarts untermalt, unter anderem auch mit Ausschnitten aus dem beim Tod des Komponisten unvollendet gebliebenen Requiems. Aufgeführt wird dieses Werk allerdings kaum noch in der von dem Mozart-Schüler Franz Xaver Süßmayr zu Ende geführten Fassung, sondern am häufigsten in der 1972 von Franz Beyer vorgelegten Version.

Und damit ist ein enger Bezug zu Weingarten hergestellt. Der inzwischen 92-jährige emeritierte Professor an der Musikhochschule München und Bratscher Franz Beyer ist nämlich in Weingarten geboren und aufgewachsen. Von ihm stammt übrigens auch das Heimatlied „Kränzel im Haar“, das viele Schülergenerationen zum Welfenfest (früher Schüler- und Heimatfest) gesungen haben.

„Zu der Neufassung des Mozart-Requiems hat mich der Dirigent Bruno Walter angestoßen“, erzählte Beyer nach einem seiner zahlreichen Gastkonzerte in seiner Heimatstadt. Damals war gerade der Film „Amadeus“ in die Kinos gekommen, mit dem der Regisseur Milos Forman für internationale Furore sorgte. Der Film erhebt selbstverständlich keinen Anspruch auf historische Authentizität, ebenso wenig wie das Theaterstück, auf dem er basiert und das nun bei den Kosterfestspielen viele Zuschauer begeistert hat.

Dennoch war Franz Beyer davon angetan: „Er macht deutlich, welch herausragendes Genie Mozart gewesen ist.“ In diese Genialität hatte sich Beyer zehn Jahre lang mit großer Intensität eingefühlt. Das Requiem war bei Mozarts Tod nur ein Fragment. Um seine Entstehung bildeten sich bald Legenden. Ein geheimnisvoller Bote hatte dazu den Auftrag überbracht. War es der Todesbote? Heute weiß man mit ziemlicher Sicherheit, dass der Graf von Waldegg diesen Boten geschickt hatte. Der Graf schmückte sich gern mit Kompositionen, die andere für ihn gefertigt hatten. Der von chronischer Geldnot geplagte Mozart konnte dem verlockenden Angebot kaum widerstehen, obwohl er zu dieser Zeit mitten in der Arbeit für die „Zauberflöte“ und eine Freimaurerkantate steckte.

Längst widerlegte Legende

Im Autograph finden sich nicht allzu viele Noten aus der Hand Mozarts. „Zum Glück hat er die Chorstimmen weitgehend komplett ausgeführt. Das ließ einigermaßen verlässliche Rückschlüsse zu auf die beabsichtigte Orchestrierung“, erinnert sich Beyer. Süßmayr hatte zwar bei Mozart Kompositionsunterricht genommen. Dass ihm aber der Meister auf dem Totenbett noch Anweisungen erteilt habe für die Fertigstellung des Werks, gehört zu den längst widerlegten Legenden.

Die zahlreichen satztechnischen Unzulänglichkeiten seiner Fassung sprechen ebenso dagegen wie die Tatsache, dass Mozarts Witwe mehrere andere Musiker für diese Aufgabe gewinnen wollte, ehe sie sich damit an Süßmayr wandte.

„Viele Dirigenten beklagten sich über die Süßmayr-Fassung. Auch ich konnte mich damit nie anfreunden. Da sagte Bruno Walter zu mir, ich solle mich an eine Revision machen. Zum Glück hatte ich nicht geahnt, worauf ich mich damit einlasse“, erinnerte sich Franz Beyer später. Er stützte sich dabei im Wesentlichen auf ein anderes sakrales Werk aus den letzten Lebensjahren Mozarts: die große Messe in c-Moll.

Als das Werk 1972 fertiggestellt war, sprach es sich in Musikerkreisen schnell herum. Die Tinte war kaum trocken, da wollte ein Freund Beyers die Noten für eine Aufführung in Salzburg haben.

Zeitnot zwang den Verfasser dazu, die Mappe in einer Autobahnraststätte zu hinterlegen, wo sie der Kollege abholte. „Wenn die jemand unbefugt mitgenommen hätte, wären zehn Jahre Arbeit futsch gewesen. Ich hatte weder eine Abschrift noch eine Kopie. Und ein zweites Mal hätte ich diese Arbeit nicht geschafft“, erzählte Beyer in geselliger Runde.

Es ranken sich noch viele weitere Anekdoten um Beyers Werk, für das er 1983 mit dem Wissenschaftspreis der Städte Ravensburg und Weingarten ausgezeichnet worden ist. Seine hoch betagte Schwester Marianne Weber und deren Tochter Luitgard Schmidt, die beide in Weingarten leben, erzählen gern darüber. Inzwischen existieren mehrere weitere Neufassungen des Mozart-Requiems. Am häufigsten aber ist die von Franz Beyer zu hören. Markiert sie doch einen Meilenstein in der heute üblichen historisch informierten Aufführungspraxis bei Mozarts Musik.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen