Begeistert von Deutschland - Spanischer Student wird Heilerziehungspfleger

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Der 22-jährige Spanier Miquel an einem seiner letzten Arbeitstage im IWO in Weingarten. Im September begann seine Ausbildung zu
Der 22-jährige Spanier Miquel an einem seiner letzten Arbeitstage im IWO in Weingarten. Im September begann seine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. (Foto: Sybille Glatz)
Sybille Glatz

Viele Studenten gehen während ihres Studiums einmal ins Ausland, um Erfahrungen in einem fremden Land zu sammeln und ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Auch im Lebenslauf macht sich so ein Auslandsaufenthalt gut. Das dachte sich auch der heute 22-jährige Spanier Miquel. Kurz vor seinem Studienabschluss entschied er sich für ein Freiwilliges Europäisches Jahr. Er kam nach Weingarten und arbeitete in den Integrations-Werkstätten Oberschwaben (IWO) mit behinderten Menschen. Nach Ablauf des Jahres wollte er ursprünglich nach Spanien zurückkehren und fertig studieren. „Das war der Plan“, sagt Miquel. Doch es kam anders. Die Arbeit und das Leben in Deutschland gefielen ihm so gut, dass er beschloss, hier zu bleiben und eine Ausbildung als Heilerziehungspfleger zu machen. Sie hat jetzt im September begonnen.

Drei Jahre lang hatte Miquel Casacuberta Vinyeta, wie er mit vollem Namen heißt, bereits an der Universität Girona in Katalonien Geografie, Planungs- und Umweltmanagement studiert. „Ein Jahr vor dem Abschluss habe ich überlegt: Was kann ich nach der Uni machen, soll ich weiterstudieren oder gleich arbeiten?“, erzählt er. „Ich wusste nicht, was ich machen wollte.“ Er ging in ein Jugendzentrum, um sich beraten zu lassen. Dort erfuhr er vom Europäischen Freiwilligendienst (EFD). Der EFD, auch Freiwilliges Europäisches Jahr genannt, ist ein Programm der Europäischen Union. Er bietet jungen Menschen in Europa die Möglichkeit, sich ein Jahr lang im Ausland an sozialen, ökologischen und kulturellen Projekten zu beteiligen. Für die Freiwilligen entstehen dabei keine Kosten. Miquel entschied sich für ein EFD, das Zielland war für ihn von vornherein klar: „Ich wollte nach Deutschland.“ Schon in der Schule hatte er Deutsch gelernt.

Aus einer Liste mit Firmen, die in Baden-Württemberg ein EFD anbieten, suchte sich Miquel mehrere aus und bewarb sich bei ihnen. Die IWO in Weingarten standen zwar auch auf der Liste, doch dort wollte er zunächst nicht hin. Warum nicht? „In den IWO arbeitet man mit Menschen mit Behinderung. Ich hatte Angst davor. Ich kannte damals niemanden mit Behinderung“, gibt er offen zu. Nach einiger Zeit fragte er beim zuständigen Vermittler nach, was mit seiner Bewerbung sei. Dieser ließ durchblicken, dass es bei den ausgewählten Firmen nicht klappen würde und legte Miquel die IWO ans Herz. „Ich habe mir dann die Website vom IWO noch einmal angesehen und sie mit anderen Augen gelesen“, erzählt Miquel. Am Schluss habe er sich gedacht: „Warum nicht?“

Was zunächst als Verlegenheitslösung begann, entpuppte sich als Glücksgriff. Miquel fühlte sich in den IWO sehr wohl, die Arbeit machte ihm Spaß: „Alles war wunderbar und gut.“ Das weckte in ihm den Wunsch, in Weingarten zu bleiben, am liebsten in den IWO. Im Dezember vergangenen Jahres stand für ihn fest: „Ich möchte hier arbeiten“, sagt er, wobei er das Wort „hier“ betont. „Aber ich wusste nicht, wie das geht.“ Er wandte sich an seine FSJ-Mentorin, die ihm die Ausbildung zum Heilerziehungspfleger vorschlug. „Das ist die Ausbildung für die Arbeit mit Menschen mit Behinderung“, habe sie ihm gesagt. Heilerziehungspfleger. Ein schwieriges Wort für einen Spanier. „Ich habe lange gebraucht, um es aussprechen zu können“, erzählt Miquel, der gut Deutsch spricht. Nach seiner Arbeit besuchte er abends Deutschkurse an der Volkshochschule in Weingarten. Vor kurzem nahm er an einer Deutschprüfung für Fortgeschrittene teil.

„Das System in Deutschland ist viel besser als Spanien“

„Ich wusste nicht, was eine Ausbildung ist. Wie funktioniert das?“, erzählt Miquel. Seine Vorgesetzten und Kollegen erklärten ihm, wie das deutsche Ausbildungssystem funktioniert. Der junge Spanier war überrascht: „Das System in Deutschland ist viel besser als Spanien. Ich werde Geld verdienen, um zu lernen. Wow!“, sagt er strahlend. Doch seine Familie sei zuerst skeptisch gewesen. „In Spanien zählt nur die Uni“, erklärt Miquel. Die Ausbildung dauert drei Jahre, die Theorie lernt er am Institut für Soziale Berufe in Ravensburg und die Praxis bei der Stiftung Liebenau. Miquel freut sich auf die Ausbildung und ist zuversichtlich, dass er danach eine Arbeitsstelle findet, und zwar hier in der Region. „Wenn ich die Möglichkeit habe, möchte ich in Deutschland bleiben.“ Von den Deutschen sei er positiv überrascht gewesen. „Die Leute sind sehr nett.“ In Spanien gebe es Vorteile gegenüber Deutschen, sie würden als arrogant, unfreundlich und unflexibel gelten. Diese Vorurteile kann Miquel nicht bestätigen: „Die Deutschen sind nicht so, wie wir denken.“

Im Landkreis Biberach sind zum Ausbildungsstart am 1. September noch 487 Lehrstellen unbesetzt.
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