Bedrückende und erschütternde Zeugnisse

Lesedauer: 5 Min
 Im „Hotel Silber“ war zur NS-Zeit die Gestapo-Zentrale für Württemberg untergebracht.
Im „Hotel Silber“ war zur NS-Zeit die Gestapo-Zentrale für Württemberg untergebracht. (Foto: Exkursion)
Schwäbische Zeitung

Bei einer Exkursion des Studentenwerks „Weiße Rose“ nach Stuttgart haben die Teilnehmer das „Hotel Silber“ besucht, in dem zur NS-Zeit die Gestapo-Zentrale für Württemberg untergebracht war.

In der dortigen Ausstellung werden laut Pressemitteilung des Studentenwerkes seit 2018 die Tätigkeitsbereiche der Gestapo dokumentiert. Dazu gehörte anfangs die Inhaftierung von KPD-Mitgliedern in den Konzentrationslagern Heuberg und Oberer Kuhberg (Ulm), die Bekämpfung von Widerstandsaktivitäten sowie die Verfolgung von Juden, Sinti, „Asozialen“ und Homosexuellen. Im Krieg war die Stuttgarter Gestapo an den Einsatzgruppen zu den Massenerschießungen von Juden im Baltikum beteiligt und hat die Deportation von Juden organisiert

Durch die Separierung und Überwachung der anwachsenden Zahl von nach der NS-Rasselehre „minderwertigen“ Zwangsarbeitern aus dem Osten und der Überwachung der deutschen Kriegsgesellschaft im Hinblick auf Sabotage und „wehrkraftzersetzende“ Äußerungen war die Behörde schließlich so überfordert, dass sie nur noch mit Hilfe der zahlreichen Denunziationen aus der Bevölkerung funktionierte, heißt es weiter.

Jüdische Immobilien versteigert

Bedrückend sei die Darstellung gewesen, wie sich das NS-System die stille Zustimmung der Bevölkerung zu den Judendeportationen erkaufte, indem sie die Immobilien, die die Juden auf Grund der kurzen Frist von sieben Tagen nicht verkaufen konnten, an die Bevölkerung versteigerte und diese so zu Profiteuren ihrer Verbrechen machte. Erschütternd auch die Dokumentation der gerichtlichen Aufarbeitung der Verbrechen des Gestapo-Mannes Anton Dehm, der bei Kriegsende die wegen ihrer jüdischen Herkunft inhaftierte Else Josenhans eigenmächtig erhängte, obwohl beim ersten Versuch der Strick gerissen war und Else Josenhans ihn um ihr Leben anflehte: „Da schlug ich sie aufs Maul, dann war sie ruhig, und dann habe ich sie vollends aufgehängt“, werde er in der Ausstellung zitiert. Doch trotz dieser Aussage gegenüber drei vernehmenden Polizeikommissaren, denen er im Jahre 1946 auch noch die Erschießung von 25 Zwangsarbeitern wegen sogenannter „Rassenschande“ gestanden hatte, schenkte der Staatsanwalt später im Gerichtsverfahren dem Widerruf von Dehm Glauben und stellte das Verfahren gegen ihn 1951 ein.

Landwirt krankenhausreif geschlagen

Den Bogen zu Oberschwaben schlug der Lokalhistoriker Wolf-Ulrich Strittmatter, indem er den Stuttgarter Gestapo-Mitarbeiter Engelbrecht als den späteren Leiter der Gestapo-Stelle in Friedrichshafen nannte, unter dem der berüchtigte Gestapo-Mannes Boger in Oberschwaben gewütet hat: So hat dieser zum Beispiel bei einem Verhör im Baienfurter Rathaus einen Landwirt krankenhausreif geschlagen.

Auch im Landtag wurde den Teilnehmern der Bezug zu Oberschwaben deutlich, etwa beim Blick in das Gedenkbuch, in dem der von den Nationalsozialisten verfolgten Parlamentarier gedacht wird. Dort wird neben dem Weingartener KPD-Landtagsabgeordneten Carl Müller (1920 bis 1928) auch der 1937 von den Nazis abgesetzte Weingartener Bürgermeister Wilhelm Braun als Mitglied der Beratenden Landesversammlung Württemberg-Hohenzollern (1946/47) aufgeführt. Ein Beispiel dafür, was man aus dieser Geschichte lernen kann, gab der Sozialminister Manne Lucha bei seinem Gespräch mit den Exkursionsteilnehmern: Darin lehnte er die Beteiligung des chinesischen Netzausrüsters Huawei beim Aufbau des 5-G-Netzes ab, da dieser kein „gesellschaftsadäquater Partner“ sei.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen