Barbara Baur: „Wir sollten eine soziale Rebellion starten“

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Julia Marre

Eines bringt Barbara Baur besonders auf die Palme: soziale Ungerechtigkeit. „Mein Sternzeichen ist Schütze“, sagt die 62-Jährige Grünen-Politikerin und lacht. „Ich habe einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.“ Und der sei schon oftmals auf die Probe gestellt worden. Zum Beispiel beim täglichen Lesen der Nachrichten.

Dass die deutsche Wirtschaft Rekorde einfährt, jedoch bei vielen Menschen kaum etwas davon ankomme, ärgere Baur maßlos. „Es gibt so viele Leute, die mit mir unzufrieden über dieses System sind“, sagt sie. „Deshalb denke ich oft, wir sollten eine soziale Rebellion starten.“ Mit 3718 Stimmen ist die sie Ende Mai erneut in den Gemeinderat ihrer Geburtsstadt Weingarten gewählt worden. Eine „menschengerechte und innovative Neuausrichtung für den Umgang mit Hartz IV“ war eine ihrer Forderungen vor der Wahl. Ebenso wie eine zielführende Asylpolitik im Landkreis. Barbara Baurs soziale Rebellion kann beginnen.

Viele Sorgen anderer kennt die 62-Jährige aus eigener Erfahrung: Wie es ist, allein die Verantwortung für zwei Kinder zu tragen, außerdem zu arbeiten und den Haushalt ohne jegliche Hilfe zu führen. „Alleinerziehend zu sein war damals ein Stigma“, sagt sie. Im Dezember 1956 in Weingarten geboren, besuchte Baur bis zur zehnten Klasse das Gymnasium, ehe sie sich im Allgäu zur Arzthelferin ausbilden ließ. Nach ihrer Heirat zog sie nach Bad Waldsee, kehrte 1984 zurück in ihre Geburtsstadt Weingarten. Sie lebt von ihrem Mann getrennt und alleinerziehend mit einem fünfjährigen Sohn.

„Meine Wohnung in Weingarten habe ich in den 80er-Jahren nur bekommen, weil mein Mann mit mir zusammen den Mietvertrag unterschrieben hat.“ Trotz all der Hindernisse und Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatte, habe sie die Zeit als junge Mutter sehr genossen. Gerade die ersten drei Lebensjahre ihrer Kinder seien wie bei vielen „so schön und interessant gewesen, dass ich sehr bedauere, dass Frauen heute arbeiten gehen müssen, weil die Lebenshaltungskosten so enorm gestiegen sind“. Sieben Jahre lang arbeitete Baur in der Psychiatrischen Klinik in Ravensburg als medizinische Schreibkraft, wechselte später in die Radiologie und bekam eine Tochter.

Vor 25 Jahren erstmals in den Gemeinderat gewählt

In den 80er-Jahren lernte Barbara Baur dadurch das Mutter-Kind-Programm kennen – eine Unterstützung alleinerziehender Mütter mit sonderpädagogischer Begleitung. So erzählt die Grünen-Politikerin nicht ohne Stolz von einer ihrer ersten Amtshandlungen, nachdem sie vor 25 Jahren erstmals in den Gemeinderat gewählt worden war: „Ich habe mich dafür eingesetzt, dass in den städtischen Gebäuden die Dachgeschosse ausgebaut und somit Wohnungen für Alleinerziehende angeboten werden konnten“, sagt sie.

Seit dieser Zeit engagiert sich Barbara Baur auch im baden-württembergischen Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) – „zeitweise als zweite, nun erneut als erste Landesvorsitzende“, wie sie sagt. Tagungen, Fortbildungen, aber auch Austausch und Anhörungen von Ministerien stehen in ihrem Kalender. Und wenn Alleinerziehende an ihrer Wohnungssuche verzweifeln, klingelt mitunter auch mal bei ihr Zuhause das Telefon.

Wenn Barbara Baur von ihren vielen Ideen erzählt, von all den Projekten, bei denen dringend helfende Hände gebraucht würden, überschlägt sich ihre Stimme. Ob sie sich seit 35 Jahren in der Flüchtlingsarbeit engagiert, im Integrationszentrum bei Hausaufgaben hilft, als Bürgerlotsin bürokratische Unterstützung anbietet, als Einkaufshilfe bei der Kinderstiftung agiert oder im Kontaktcafé Mittagessen für Bedürftige kocht – Langeweile kennt die 62-Jährige nicht. „Ich könnte mich sehr gut selbst beschäftigen, wenn mein Lebensunterhalt gesichert wäre“, sagt sie. Sie ist ausgebildete Pflegeassistentin, eine Fachkraft – und derzeit auf Jobsuche.

Hätte sie einen Wunsch frei, würde sie ihr Konzept eines Schenkladens in Weingarten „gerne ganz, ganz schnell realisieren. Und zwar die große Version“. Solch ein Schenkladen könne einen Leerstand in der Welfenstadt sinnvoll und langfristig beleben. „In einen Umsonstladen kann jeder bringen, was er nicht mehr braucht – und andere können sich dann aussuchen, was sie gebrauchen können“, erklärt sie das Prinzip. Weiterhin könne man in den Räumen Menschen betreuen, etwa diejenigen beschäftigen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt sonst nur geringe Chancen haben. Der Erfolg der von ihr initiierten Schenktage, die seit einigen Jahren regelmäßig im Schussental veranstaltet werden, gibt ihr Recht, dass der Bedarf an solch einem Laden durchaus vorhanden ist.

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