Abriss eines Klohäuschens mit Folgen

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Sybille Glatz

Im „Blauen Hort“ der ehemaligen Promenadenschule gibt es eine neue Kindergartengruppe, eingerichtet vom katholischen Kindergarten St. Lioba. Bis zu 25 Kinder ab drei Jahren können darin aufgenommen werden. Das Problem: In dem Hort, der gegenüber vom alten Schulgebäude liegt, gibt es nur eine Toilette. 

Deshalb sollten Kinder und Erzieherinnen die Außentoiletten der Promenadenschule benutzen. Diese waren in einem kleinen Gebäude zwischen Hort und Schule untergebracht.  Doch schon eine Woche nach dem Start der neuen Kindergartengruppe gab es das Toilettenhäuschen nicht mehr. Die Stadt hat es abgerissen.

„Großes Malheur“ am Montagmorgen

Diesen besonderen Montagmorgen im Herbst wird die Leiterin des Kindergartens St. Lioba nicht so schnell vergessen. „Ich war gerade auf dem Weg in den Kindergarten, da klingelt mein Handy. Meine Stellvertreterin war dran“, erzählt Ulrike Grund. „Sie sagt zu mir: ‚Hilfe! Wo bist du? Großes Malheur! Was sollen wir tun?‘ “. Als „großes Malheur“ stellt sich ein Bagger heraus, der vor dem Toilettenhäuschen des Kinderhorts steht und im Begriff ist, es abzureißen. „Haltet ihn auf! In einer halben Stunde bin ich da!“, antwortet Ulrike Grund. Während sie unterwegs ist, informiert ihre Stellvertreterin die Stadt Weingarten und die katholische Gesamtkirchengemeinde als Träger über die Situation. In der Zwischenzeit hält die Leiterin der Außengruppe nach Kräften die Abrissarbeiten auf. „Sie hat sich quasi vor den Bagger geworfen“, sagt Grund.

Als sie beim Hort eintrifft, sieht sie, dass alles für den Abriss bereitsteht. „Es waren alle da. Baggerfahrer, Bauleiter und Bauarbeiter der Abrissfirma“, berichtet sie. Grund spricht mit dem Bauleiter und droht ihm: „Wenn ein Stein fällt, bevor eine Lösung da ist, stell ich den Betrieb ein!“ Etwas anderes wäre ihr auch nicht übriggeblieben, erklärt die Kindergartenleiterin. „Die Toiletten waren Bestandteil der Betriebserlaubnis für die neue Gruppe.“ Eingerichtet wurde sie auf Vorschlag der Stadt Weingarten, um den zusätzlichen Bedarf an Kindergartenplätzen zu decken.

In zwei Tagen die Toilette auf Vordermann gebracht

Kurz vor der Eröffnung habe es eine Begehung mit dem Gesundheitsamt gegeben, erzählt Grund. „Innerhalb von zwei Tagen mussten wir die Auflagen des Gesundheitsamtes erfüllen. Die Putzmittel aus dem Hort wurden in die Außentoilette umgeräumt, ebenso die Außenspielgeräte. Eine Grundreinigung der Toiletten wurde durchgeführt, neue Seifenspender und Handtuchhalter wurden angebracht. Neue Desinfektionsspender haben wir zwar bestellt, aber sie waren nicht vorrätig. Zum Glück“, erzählt Ulrike Grund.

Strom und Wasser abgestellt

Denn wie sich an dem Morgen herausstellt, lässt sich der Abbruch des Toilettenhäuschens nicht aufhalten. „Nachdem ich mit dem Bauleiter gesprochen hatte, waren unsere Handys im Dauerbetrieb“, sagt sie. Der Architekt wird kontaktiert. Als Grund diesen auffordert, den Abriss abzublasen, erklärt er ihr: „Das bringt Ihnen nichts. Wir haben Ihnen schon Strom und Wasser abgestellt.“ Vonseiten der Stadt heißt es schlussendlich: „Der Abriss kann nicht aufgeschoben werden.“

Die Kindergartenleiter akzeptiert die Entscheidung „Okay, dann reißen Sie das Gebäude ab. Aber das hat Konsequenzen.“ Vor dem Abriss habe jemand „geistesgegenwärtig“ daran gedacht, die neuen Seifenspender und Handtuchhalter abzumontieren, erzählt Grund. Das kleine Gebäude wird ausgeräumt. Darin befinden sich nicht nur Putzmittel und Spielgeräte des Kindergartens, sondern auch Gegenstände, die der Stadt gehören, darunter eine funktionierende Waschmaschine.

Sanitärcontainer im Gespräch

Als klar ist, dass die Toiletten dem Erdboden gleich gemacht werden, wird auch klar, dass ein Ersatz für sie gefunden werden muss, und zwar so schnell wie möglich. „Wir brauchten dringend Toiletten“, erklärt die Kindergartenleiterin. Aus ihrer Sicht gab es zu diesem Zeitpunkt zwei Möglichkeiten: „Entweder den Betrieb einstellen oder einen Sanitärcontainer aufstellen.“ Ein Sanitärcontainer sei schon zuvor im Gespräch gewesen. „Die Toiletten sollten im Frühjahr 2019 abgerissen und dann ein Sanitärcontainer in der Nähe des Horts aufgestellt werden. So war es besprochen.“ In der Nähe des Hortes deshalb, damit der Weg zur Toilette für die Kinder kürzer wird.

Aber es kommt anders. Nachmittags kommen Vertreter der Stadt, der Gesamtkirchengemeinde und die Kindergartenleiterin zu einem „großen Vor-Ort-Termin“ zusammen. Bei der Besprechung schlägt die Stadt die WCs in der Turnhalle als Lösung vor. Die Damen- und Herrentoiletten werden mit festen Podesten ausgestattet, damit die Kinder sie benutzen können. Für das Personal sind die Behindertentoiletten vorgesehen. Als Lager für die Außenspielgeräte stellt die Stadt dem Kindergarten eine Hütte vom Weihnachtsmarkt zur Verfügung.

"Verzögerungen in der Kommunikation"

Auf Nachfrage der „Schwäbischen Zeitung“ erklärt die Stadt Weingarten, dass der Abbruch „des in die Jahre gekommenen Toilettenhäuschens“ aus Gründen des baulichen Ablaufs gleich zu Beginn der Baumaßnahme erforderlich gewesen sei. „Aufgrund von Verzögerungen in der Kommunikation konnte sich die Stadt mit dem Kindergartenträger leider erst kurzfristig zum Beginn der Abrissarbeiten abstimmen“, heißt es der Erklärung. Und weiter: „Die Toilettenversorgung der Kinder und des Personals war zu jeder Zeit gewährleistet.“ Gesamtkirchenpfleger Gerhard Walter betont, dass „die aufgetretene Kommunikationspanne der Stadt Weingarten mit uns umgehend geklärt werden konnte“. Die Kindergartenleiterin nimmt das Erlebte mit Humor: „Es bleibt spannend“, sagt sie und lacht.

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