70 Jahre Grundgesetz: Mike Jörg sinniert über die deutsche Nachkriegsgeschichte

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„Wir sind nochmal davon gekommen.“ An deutschen Kanzlern macht Mike Jörg 70 Jahre Geschichte der Bundesrepublik fest.
„Wir sind nochmal davon gekommen.“ An deutschen Kanzlern macht Mike Jörg 70 Jahre Geschichte der Bundesrepublik fest. (Foto: Margret Welsch)
Margret Welsch

Bürgerfeste, Sonderhefte, staatstragende Reden: Die Republik feiert sich und 70 Jahre Grundgesetz. Der Satiriker Mike Jörg würdigt diese Zeitspanne auf seine bekannte Blick-zurück-Manier. Packt nicht nur ein Jahr in einen Abend, sondern gleich sieben Jahrzehnte zur XXL-Rückschau – und das auf sehr persönliche Art. Ist doch der ehemalige Hochschulseelsorger auch ein Siebziger. Es ist ein pralles Programm voller Daten und Fakten, bei dem den gut 60 älteren Besuchen am Donnerstagabend in der Linse schon mal der Kopf rauchte. Die Volkshochschule Weingarten war Mitveranstalterin des Abends, der weniger Satire denn Nachdenklichkeit verströmte.

„70 Jahre Rückblick ist, wie wenn du aus sieben Tonnen Äpfeln zwei Flaschen Apfelkorn machst“, erläutert Mike Jörg den Verdichtungsprozess, den er im Vorfeld dieses Abends durchlaufen hat. Bei zweieinhalb Stunden Hochprozentigem aus sieben Jahrzehnten Politik und Gesellschaft, da kann einem schon mal schwindelig werden. Halt bietet da eine sieben Meter lange Wäscheleine, an der die acht bundesrepublikanischen Kanzler seit 1949 aufgereiht sind, von Konrad Adenauer über den „Riesen aus der Pfalz“ bis zur Dauerkanzlerin „Angie“.

Jörg macht an den Politikern anekdotenreich die großen Themen fest, die die Republik in Wallung und weiter brachten. Von den Rosinenbombern über das Wirtschaftswunder, für das Ludwig Erhard mit seiner qualmende Zigarre steht, über Studentenunruhen, Aufarbeitung der Nazizeit bis zur Wiedervereinigung, Hartz IV und die Bankenpleite, um nur einiges zu nennen. „Wir sind so durch die Jahrzehnte geschwappt, und es kam immer anders“, sagt Jörg, der Altachtundsechziger, der 1972 nach Weingarten kam. Der erst als Student die Pädagogische Hochschule aufmischte und dann als Hochschulseelsorger das konservative Weingarten mit linksliberalem politischen Diskurs – saurer Regen, Waldsterben.

Geschichtsfakten parat

„Wir dachten, dass im Jahr 2000 hier nur noch Stümpfe stecken.“ Es kam immer anders, was den altersabgeklärten Jörg auch für die Zukunft hoffen lässt, zumal Schüler wieder auf die Barrikaden gehen. Nicht immer sei man im Übrigen verbissen drauf und auf Demos gewesen. Erheiterung hätte beispielsweise der Sexualkundeunterricht mit 17 durch einen Pfarrer in der Berufsschule gebracht, wo er Schreiner lernte. Oder die gefälschten Hitlertagebücher, denen der „Stern“ auf den Leim ging und das Land darüber lachte.

Es ist unglaublich, wie Mike Jörg die geballte Geschichte parat hat ohne Spickzettel oder Teleprompter. Bis auf ein paar Wackler in den Jahreszahlen, reanimiert er Jahrzehnte deutscher Geschichte wie nebenbei. Natürlich gespeist aus seinen Jahresrückblicken. Sozusagen ein Best-of seiner Programme, was manchmal auch ermüdend ist. Auflockerung bringen die Einspieler, die Musik, Moden und Aufreger durch all die Jahrzehnte Revue passieren lassen. Der Schlüsselmoment, Satiriker zu werden, sei im Übrigen der Bericht des „Club of Rome“ 1972 gewesen. Dieser prognostizierte, dass, wenn die Menschheit so verschwenderisch weitermache, wir die Erde bald an die Wand fahren würden. Dass zu verhindern, und Kindern und Kindeskindern einen lebensfreundlichen Ort zu hinterlassen, treibt den Sohn eines Ökolandwirts bis heute an.

Das Sprichwort zur Hand: „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten“. Dabei setzt Jörg ganz auf die Jugend, „die Leute, die heute Abend nicht da sind“ und sich, wer weiß, für weitere „Fridays for Future“ wappnen. „Wir haben enorm viel erreicht in den 70 Jahren“, zieht Jörg am Ende eine positive Bilanz. Er sei zuversichtlich, ja, und gleichzeitig besorgt.

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