Überzeugend als Geiger wie als Dirigent

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Als Solist und Dirigent war der Violinist Thomas Zehetmair zusammen mit dem etwa 50 Köpfe zählenden Musikkollegium Winterthur,
Als Solist und Dirigent war der Violinist Thomas Zehetmair zusammen mit dem etwa 50 Köpfe zählenden Musikkollegium Winterthur, das er seit 2016 leitet, in Weingarten zu erleben. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Seit der Saison 2016/2017 leitet der 1961 in Salzburg geborene Thomas Zehetmair das Musikkollegium Winterthur, ein Orchester, das mit einem Gründungsdatum von 1629 aufwartet und mit rund 50 Mitgliedern zu den führenden Profiorchestern der Schweiz zählt. Zusammen spielten sie bei ihrem Konzert in Weingarten Schumann, danach die deutsche Erstaufführung eines Werkes von Daniel Glaus und als krönenden Abschluss Beethovens Violinkonzert: ein großer Abend in jeder Beziehung.

Schumanns „Rheinische“ in fünf Tempi ist sicher eines der lebensbejahendsten Werke des Komponisten. Der Grundton war jedoch trotz des stattlichen Bläsersatzes eher von den dunklen Streichern bestimmt und auch in den schönen Einzelpassagen von Hörnern und Fagotten atmete er nicht den sonst vertrauten emotionalen Schwung. Auch im Scherzo kam das Motiv wenig jubilierend daher und im dritten langsamen Satz entwickelte sich das Thema kaum gesanglich. Die musikalischen Linien arbeitete Zehetmair am besten im vierten Satz heraus und im letzten „lebhaft“ genannten Satz nahm das Orchester alle Kräfte zusammen für einen schwungvollen Abschluss.

Danach als deutsche Erstaufführung ein Auftragswerk des Orchesters von 2017: „Steinwellen“ nennt Daniel Glaus, 1957 in Bern geboren, die Komposition für großes Orchester, die neben den Streichern eine 17fache Bläserbesetzung, dazu Pauke und Schlagwerk umfasst. Mit dem Komponisten und Professor an der Zürcher Hochschule der Künste, so stand es im informativen Programmheft, verbindet Thomas Zehetmair und das Orchester eine seit 1993 bestehende Zusammenarbeit. Hinter der am 11. April in Winterthur uraufgeführten Komposition stehen Eindrücke eines Arbeitsaufenthaltes in London im Jahre 2017, erklärt der Komponist, dazu literarische Motive aus Rilkes erster „Duineser Elegie“ oder aus mystischer Literatur. Ein unscharfes Rauschen, durch trockenes Streichen über die Saiten zu Beginn, wird lauter und wilder, ein Bienen- oder Hummelschwarm brummt in der Luft, mehr Perkussion als Töne, dann mischen sich Blechbläser ein, sehr schnelle, minimalistische Passagen steigern sich zu einem tobenden „Inferno“, das plötzlich abbricht und in ein paar Klangfetzen harmonischer Melodik übergeht. So geschieht es mindestens sechs Mal in dem 20 Minuten dauernden Stück, das eine Art Kreisbewegung beschreibt und am Schluss logischerweise wieder zum Beginn zurückkehrt.

Zum Abschluss Beethovens Meisterwerk, das schon lange zu Zehetmairs Meisterrepertoire gehört. Der Dirigentenpodest war weggeräumt - und wie befreit schienen auch Ensemble und Solist. Relativ lange dauert ja die Einleitung, in der jener meistens sinnend daneben stehen muss - im Fall des dirigierenden Geigers erübrigt sich dieses Problem. Und wenn die künstlerische Gemeinschaft so eingeschworen ist wie bei diesem souveränen Ensemble und seinem Leiter, dann tut die intensive Kenntnis und die jahrelange Beschäftigung mit dem Werk ihr Übriges, um alles in einer Live-Aufführung glücklich zusammen zu bringen. Da ist Zehetmairs kontrastreicher, aber völlig unaffektierter Stil, der sich jede Übertreibung versagt, auch mal klitzekleine Webfehler zulässt und diese in eine zusätzliche Klangfarbe ummünzt. Sachte Paukentöne zur komplexen Kadenz im ersten Satz, leichthändige, wie hingetupfte Sequenzen, das Pianissimo im zweiten Satz zum grade noch Hörbaren minimalisiert. Eine Perfektion ohne kühle Glätte, durchblutet von der spirituellen Wärme der Musik, atemberaubende Technik ohne auftrumpfende Artistik. Der jubelnde Applaus im Saal zeigte, dass Zehetmairs Botschaft verstanden worden war.

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