Zwischen Demokratie und Antisemitismus

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 Der Bundestagsabgeordnete Axel Müller diskutiert mit Schülern zum Thema Demokratie im Rahmen der Ausstellungseröffnung.
Der Bundestagsabgeordnete Axel Müller diskutiert mit Schülern zum Thema Demokratie im Rahmen der Ausstellungseröffnung. (Foto: Carolin Steppat)
Carolin Steppat

„Höchstens 0,3 Prozent der deutschen Bevölkerung sind Juden. Was geht uns das also an?“ Das hat Felix Klein, der seit einem Jahr Antisemitismusbeauftrager der Bundesregierung ist, provokativ in die Runde der rund 70 Schüler gefragt. Sie waren der Einladung ins Foyer des Beruflichen Schulzentrums Wangen (BSW) zur Eröffnung der Bundestagsausstellung gefolgt, die sich mit der deutschen Demokratie beschäftigt.

Die Erklärung folgte sofort: Antisemitismus sei eine Form der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, in der die herrschenden Gruppen Minderheiten abwerten, indem sie ihnen negative Eigenschaften zuschreiben. Damit sei Antisemitismus nicht nur menschenfeindlich, er rüttele auch an den Grundwerten einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung: „Wer denkt, dass Juden demokratische Institutionen, wie die Regierung und Gerichte wie Marionetten führen und kontrollieren, der hat ein absolut gestörtes Verhältnis zu unserer Demokratie.“ Verschwörungstheorien würden es den Menschen seit jeher einfach machen, mit dem Finger auf andere zu zeigen und ihnen die Schuld zu geben. Damit drücke man sich jedoch vor der Verantwortung für sein eigenes Handeln, so Klein. Noch heute würden sich viele der über Jahrhunderte verbreiteten Denkmuster über Juden in der Gesellschaft halten. Zum Beispiel, dass „die Juden“ raffgierig oder unehrlich seien. Er stellte die Gegenfrage: „Sind denn alle Deutschen rechthaberisch oder pedantisch?“

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion meldete sich auch Oberbürgermeister Michael Lang zu Wort. Er erzählte von den 14 Wangenern, die jüdischen Glaubens waren und vor 1933 in der Stadt lebten und arbeiteten. Heute noch würden einige davon in Südamerika leben. Diese würden betonen, dass sie „Wangener jüdischen Glaubens sind“. Man spreche oft von „den Juden“, als handele es sich dabei um eine Nationalität. Dabei sei es eine Religion unter vielen. Auch Lang schlug anhand eines persönlichen Erlebnisses den Bogen zur modernen Demokratie.

Als 2015 im Zuge der Flüchtlingswelle auch 150 Menschen in der Erba-Halle untergebracht wurden, sei er mit dem Fahrrad dorthin gefahren, um sich einen Eindruck vor Ort zu verschaffen. Zunächst hätten sich die Flüchtlinge gefragt, was denn der Mann „im Anzug mit Krawatte auf dem Fahrrad“ da mache, bevor sich herumgesprochen habe, dass es sich um den Oberbürgermeister handle. Eine Woche später habe ihn dann ein Syrer im Rathaus besucht und ihm berichtet, dass er geschockt gewesen sei. Für ihn sei es völlig undenkbar gewesen, dass sich ein Bürgermeister ganz alleine, ohne Sicherheitskräfte in eine Halle traut, in der 150 Flüchtlinge leben. Er kenne Bürgermeister, die in gepanzerten Limousinen unterwegs seien, mit Sicherheitskräften, die bewaffnet sind. Doch als er den Bürgermeister auf dem Fahrrad gesehen habe, sei dem Mann klar geworden, dass Deutschland ein sicheres Land sei.

Patrick Well, Schulleiter am BSW, mahnte vor dem Hintergrund des Mordes am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke: „Es ist ein absolut bedenkliches Zeichen, wenn demokratisch gewählte Politiker, die sich für Menschlichkeit einsetzen, Angst vor Anschlägen haben müssen.“ Und der Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Ravensburg, Axel Müller, auf dessen Initiative die Ausstellung nach Wangen gekommen war, erklärte, dass Kritikfähigkeit keine Schwäche, sondern eine Stärke der Demokratie sei: „Demokratie lässt Kritik zu und setzt sich mit ihr auseinander.“ Das tat er im Anschluss auch direkt im Gespräch mit den Schülern.

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