Zwei Jahre „Wiesenstadt“ Wangen: Wie städtischer Lebensraum für Insekten entsteht

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 Der Lebensraum von Insekten ist bedroht. Wangen tut bereits einiges, um zu helfen. Kritiker sehen aber noch Luft nach oben.
Der Lebensraum von Insekten ist bedroht. Wangen tut bereits einiges, um zu helfen. Kritiker sehen aber noch Luft nach oben. (Foto: Oliver Berg/dpa)
Milena Sontheim

Blühende Wildwiesen und satte Graslandschaften sind für Insekten das Paradies. Doch es gibt immer weniger davon. Der Lebensraum der Insekten ist bedroht. Die Stadt Wangen hat deshalb im Jahr 2017 beschlossen, öffentliche Grünflächen und Blumenwiesen ökologisch zu bewirtschaften, um die Artenvielfalt zu schützen. Seitdem ist Wangen ausgeschriebene „Wiesenstadt“. Wie die Ziele umgesetzt werden und wo es noch Probleme gibt.

Der Hotspot für Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten sei massiv bedroht – vor allem die Graslandschaften werden immer weniger, sagt Heiner Miller vom Netzwerk „Blühende Landschaft“ Wangen. „Der Insektenschwund ist überall dramatisch“, sagt er. Das belegt eine Studie der Technischen Universität München. Über zehn Jahre hinweg, von 2008 bis 2017, hat das Forscherteam Insekten in drei Regionen an 290 Standorten in Deutschland gesammelt. Das Ergebnis: Die Zahl der Artenvielfalt ging um ein Drittel zurück – in Graslandschaften um 67 Prozent.

Miller als aktiver Imker sieht den Grund für das Verschwinden von kleinen krabbelnden und fliegenden Tieren bei den landwirtschaftlich intensiv genutzten Ackerflächen, der Wohnraumnot und dem fehlenden Bewusstsein der Gesellschaft. „Insekten finden keinen Winkel mehr, um sich zurückzuziehen.“

„Es fällt mit bloßem Auge auf“

Für den gebürtigen Wangener ist es ein offensichtliches Problem, das inzwischen nicht mehr mit Zahlen belegt werden müsse. „Es fällt mit bloßem Auge auf, wenn man die Natur beobachtet“, sagt er. Schmetterlinge und Falter, die nicht wie Bienen auf Blüten angewiesen sind, sondern auf bestimmte Futterpflanzen, sehe er fast gar nicht mehr. Folglich bedeute das für ihn vor allem, Düngemittel zu reduzieren und Wiesen sowie Grünland mit Bäumen wachsen zu lassen statt fünfmal pro Jahr zu schneiden.

„Für Landwirte ist das natürlich schwierig, weil die Tiere mit dem gemähtem Gras gefüttert werden – für öffentliche Flächen funktioniert das aber ohne Probleme“, so Miller. Bad Saulgau als „Landeshauptstadt der Biodiversität“ zeige beispielsweise die daraus resultierenden ökonomischen Vorteile für eine Stadt.

Der Fachmann kritisiert die „fehlende konsequente Haltung der Stadtverwaltung“. Die Maßnahmen für vielfältige Blumen und Gräser seien noch nicht ausreichend umgesetzt worden. „Wirklich traurig“ findet er, dass seiner Ansicht nach zu wenig Mittel und Personal bereitgestellt werden. „Außerdem sollte man den Bürgern mehr Möglichkeiten aufzeigen, sich für den Artenschutz zu engagieren.“

Die Natur zieht in die Stadt

Dass die Stadt zu wenige Maßnahmen für den Artenschutz umsetzt, hört Bauhofleiter Martin Blum nach eigenem Bekunden immer wieder. „Mehr geht immer, aber wir setzen dieses Leitbild täglich um“, sagt er. Mit mehr Mittel und Personal könnte man allerdings mehr bewirken, sagt er auch.

Bisher mähe man öffentliche Grünflächen nur, wenn es sein muss – und auf blühende Bestände werde Rücksicht genommen. Um Obstwiesen zu fördern, seien letztes Jahr außerdem verbilligt kleine Obstbäume ausgegeben worden, sagt Blum. Die Landwirtschaft sei im ländlichen Raum so intensiviert, dass die Natur in die Stadt zieht. „Das ist doch paradox“, so Blum. Urbane Grünflächen seien deshalb wichtig.

Die Argenbühler Landschaftsarchitektin und Mitinitiatorin der „Wiesenstadt“, Susanne Kern, hat das Gefühl, dass die nötigen Schritte nur „tröpfchenweise“ geschehen. „Dass Wiesenbereiche etwas länger stehen bleiben als sonst, fällt mir auf“, sagt sie. Trotzdem solle man weiter gehen und vor allem bei Neuanlagen mit nachhaltiger Wechselpflanzung und artenreichem Wiesensaatgut arbeiten. Das sei dann aber eine Frage an die Stadt: „Wie viel wollen die sich leisten?“

Frust über Kehrtwende

Frustriert ist Kern über Aktionen, die zurückgenommen werden: der Friedhofshang Sankt Wolfgang beispielsweise. Der mit heimischen Wildstauden bepflanzte Hang sei vor drei Jahren umgestaltet worden. Nun zierten sogenannte Bodendeckerrosen das Areal, obwohl die Pflege dafür aufwendiger sei, sagt Kern.

Martin Blum sieht den Aspekt komplexer. „Beim Friedhof muss man einen Kompromiss zwischen so natürlich wie möglich und traditionellem Kulturgut machen.“ Im Stadtrandbereich gebe es außerdem mehr extensiv bewirtschaftete Flächen als die Öffentlichkeit wisse. So sind laut Blum Fronwiesen, Epplings, der Wasserbuckel am Praßberg und der Bolzplatz im Waltersbühl insektenfreundlich bewirtschaftet. In diesen Gebieten werde jährlich zwei bis dreimal gemäht. „Wir geben der Vielfalt eine Chance – und das nicht erst seit gestern.“

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