Zauberhafte Stimmungen und rasante Tongewitter

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 Erschöpft und durchgeschwitzt: Die Schwüle machte Georg Enderwitz zu schaffen. Trotzdem lieferte er wieder eine erstklassige le
Erschöpft und durchgeschwitzt: Die Schwüle machte Georg Enderwitz zu schaffen. Trotzdem lieferte er wieder eine erstklassige leistung an der Rieger-Orgel ab. (Foto: Johannes Rahn)
Johannes Rahn

Die Sommerkonzerte 2019 auf der Riegerorgel haben traditionell mit einem Konzert des Gastgebers begonnen. Für Georg Enderwitz war es ein schweißtreibender Abend in der schwülen Luft, die sich in der St. Martinskirche staute. Er hatte sich auch Stücke ausgesucht, die vollen Einsatz erforderten.

Die Toccata und Fuge in d-Moll von Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist mit ihrem markanten Kopfmotiv das Orgelstück schlechthin. Georg Enderwitz gestaltete das harmonisch kühne Werk fast romantisch dicht, spielte mit den Tempi und setzte die Klangfülle der Riegerorgel präzise ein. So gelangen ihm perfekte Abstufungen in der Gestaltung und Stimmung, die das Faszinierende dieses Werks nuancenreich und mitreißend voll zur Geltung brachte. Bach erschien hier fast modern, ausdrucksstark und von starken Gefühlen geprägt, beinahe zornig im Ausdruck.

Völlig im Gegensatz dazu stand die Sonate in C-Dur von Sixtus Bachmann (1754-1825): licht und hell, silbrig und leichtfüßig. Die Fröhlichkeit und unbekümmerte Lebensfreude, die in dieser oberschwäbischen Barockmusik steckte, täuschte. Es war ein glänzend komponiertes und arrangierte Wechselspiel von Motiven und Themen, die organisch ineinander griffen und eine zauberhafte Stimmung verbreiteten. Die drei Sätze perlten dahin, schmiegten sich ans Ohr und auch an die Seele.

Für seine Improvisation hatte sich Georg Enderwitz eine eingängige Tanzmelodie aus der Renaissance ausgesucht. Aus der beschwingten schlichten Melodie entwickelte er eine veritable Orgelsinfonie im Stil der französischen Romantik mit rasanten Tongewittern, einer vorandrängenden Ruhelosigkeit und breit aufgefächerten Harmonien in den Ecksätzen und einem weichen versonnenen Mittelteil. Dabei schimmerte immer der Geist der Ursprungsmusik durch.

Ein massiver musikalischer Monolith war die Fantasie und Fuge „Ad nos, ad salutarem undam“ von Franz Liszt (1811-1886). Stehende Klangfelder von unerhörter Dichte, eine Kompromisslosigkeit im Ausdruck, furiose Ausbrüche und die Vielfalt und Intensität der dynamischen Bögen und Entwicklungen raubten einem förmlich den Atem. Schlag auf Schlag schritt das Werk vorwärts, gönnte den Ohr in seiner emotionalen Dichte kaum einen Ruhepunkt.

Auch die Fuge war in diesem exzessiven Stil komponiert und zeigte harmonische Auflösungstendenzen, die weit über die Zeit Liszts hinauswiesen: Ein musikalischer Meilenstein für die Orgel und die im Programm angesprochene „diabolische Virtuosität“ quoll aus jeder Note und jedem Akkord. Und doch schien der Schritt von Bachs Toccata zu Liszt gar nicht so groß. Es war Musik, die den Zuhörer völlig gefangen nahm und mit auf die emotionale Achterbahn setzte, die Liszt hier geschaffen hat. Das Zuhören erforderte Kraft, war aber ungemein befriedigend, wie die stehenden Ovationen am Ende bewiesen und die eindrucksvolle Leistung und Gestaltungskraft des Organisten angemessen würdigten.

Der Auftakt der Konzertreihe zeigte einmal mehr, wie gut und gekonnt Georg Enderwitz die Riegerorgel beherrscht und ihre Möglichkeiten zielgenau einzusetzen weiß.

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