Wie ein Wirbelwind über den Tasten

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 Spielte mit souveräner Leichtigkeit: Robert Neumann.
Spielte mit souveräner Leichtigkeit: Robert Neumann. (Foto: Johannes Rahn)
Johannes Rahn

Der 18-jährige Pianist Robert Neumann hat am Sonntagabend das zweite Altstadtkonzert in der Wangener Stadthalle bestritten und wurde seinem Ruf als Ausnahmetalent voll gerecht. Als pianistischer Wirbelwind fegte er über die Tasten – kraftstrotzend, selbstbewusst, mit einer explosiven Mischung aus Individualität und technischer Brillanz. Er hatte sich auch Werke und Komponisten ausgesucht, die dazu einluden, ausgetretene Pfade zu verlassen. Und er nahm diese Aufgabe dankbar und mit hoher Virtuosität an.

Bereits im ersten Satz der Klaviersonate Nr.34 in e-Moll von Josef Haydn handhabte Neumann die Tempi sehr frei, setzte zornigen Sturm und Drang neben perlende Klassik und versprühte emotionale und technische Virtuosität, die vom ersten Augenblick an fesselte. Dem Adagio verlieh er einen fast rezitativischen Charakter mit melismatisch wogenden Melodien, setzte Töne und Akzente sehr genau ein.

Das Finale erwies sich unter seinen flinken Fingern ebenfalls als hoch komplex. Und er griff tief in die technische Trickkiste, um auch diesem Satz einen mitreißenden, auf heftige Gegensätze gespannten Charakter zu verleihen. Jeder Ton passte perfekt und verlieh dem Stück einen eher romantischen, sehr emotionalen Anstrich statt klassischem Ebenmaß.

In seiner Klaviersonate Nr. 2 in d-Moll setzte der Komponist Sergej Prokofieff ebenfalls auf starke Gegensätze. In den beiden ersten Sätzen „Allegro ma non troppo“ und „Scherzo: Allagro marcato“ werden romantische angehauchte Sentenzen von modernen Elementen förmlich zersägt. Das Stück entwickelte seine emotionale Wucht aus dem brillanten Wechselspiel der Stilrichtungen, das sich zu einer ganz eigenen Tonsprache formte. Die verstörte, obwohl im Grunde der klassischen Harmonielehre verbunden, in ihrer Ausgestaltung dennoch zutiefst. Nichts war so harmonisch, wie es zunächst erschien.

Im Finale eroberte Neumann innerhalb weniger Augenblick den gesamten Tonraum des Klaviers und raste dann stürmisch und ungebremst durch das „Vivace“ – kompromisslos und wie mit einem Skalpell jede Note, jede Nuance sezierend.

Auch bei den 24 Preludes op. 28 von Frederic Chopin legte der Konzertpianist musikalische und emotionale Strukturen offen. Dabei musste Robert Neumann sämtliche Register der Spieltechnik ziehen und reihte die einzelnen Stücke oft fast übergangslos aneinander. Die unendliche Vielfalt der Stimmungen, die unerschöpfliche Erfindungsgabe des Komponisten ging Hand in Hand mit der technischen Brillanz und der gestalterischen Kraft des Pianisten. Ein ganzes Universum breitete sich aus, geschaffen von einer empfindsamen Seele. Es schmeichelte den Sinnen und fesselte in seiner Eleganz, doch auch seiner Klang-Wucht, ein wogendes Kontinuum, in sich gegensätzlich und zugleich rund.

Der Abend fesselte von Anfang an. Robert Neumann schaffte es, diese Spannung zu halten – eine souveräne Meisterleistung, die nach einer Zugabe verlangte. Es wurden dann zwei: Nochmals ein Prelude von Chopin und eine Etüde von Alexander Skrjabin, stimmungsvoll, elegant, und quicklebendig.

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