Wie ein Biolandwirt seine Hennen züchtet

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Hennen
Der Landwirt züchtet Hennen der Hybridlinie Lohmann Braun Plus. Sie legen Eier mit brauner Schale. (Foto: Sontheim)
Milena Sontheim

Er ist Bio-Landwirt aus Überzeugung. Suppenhühner, Bio-Eier und Geflügelwurst verkauft Jörg Endraß direkt im Umkreis von 50 Kilometern. Bei einem Besuch auf seinem Hof erzählt er, warum er seine Legehennen nicht nur artgerecht, sondern auch ökologisch hält und was das Tierwohl mit dem Verbraucherverhalten zu tun hat. Ein Thema, das seit dem Bad Grönenbacher Skandal um die Haltung von Rindern derzeit im Fokus steht – und das die „Schwäbische Zeitung“ in einer kleinen Serie beleuchtet.

Umgeben von grünen Wiesen liegt der Biohof von Bärbel und Jörg Endraß. Seit fast 20 Jahren halten sie dort Legehennen. „Alle Produktionsschritte, von der Junghennenaufzucht bis zur Schlachtung, passieren hier“, erklärt Endraß während seiner Betriebsvorstellung. Das macht die ökologische Legehennenhaltung aus, ergänzt er. Mithilfe der Biokreis-Beraterin Bernadette Albrecht und dem stellvertretenden Leiter des Landwirtschaftsamts, Franz Pfau, findet dieser Tage auf Endraß’ Hof eine Fachexkursion zum Thema Öko-Hennenhaltung und gemeinschaftliche Produktvermarktung statt. Die Familie wirtschaftet nach den ganzheitlichen Vorstellungen des Ökolandbaus und gehört zur Erzeugergemeinschaft des Anbauverbands Biokreis.

Der Biokreis-Verband hat gegenüber den Mindestrichtlinien der EU höhere Ansprüche. Das Tierwohl steht in besonderem Maße im Vordergrund. „Die Verbandsstruktur von Biokreis passt besser zu uns als die von anderen“, erklärt Jörg Endraß. „Biokreis beliefert keine Discounter, sondern vermarktet die erzeugten Produkte selber.“ 25 Prozent seiner Erzeugnisse vertreibt er über Biokreis. Den Großteil aber verkauft er direkt auf Wochenmärkten, in Naturkostläden, Bäckereien und Dorfläden. Außerdem betreibt seine Frau einen kleinen Hofladen. Für ihn sei es wichtig, glaubwürdig für die Verbraucher zu sein. Dazu gehöre auch, dass der Betrieb ganzheitlich ökologisch bewirtschaftet wird. „Da kann es nicht sein, dass ich einmal konventionell Gemüse anbaue und auf der anderen Seite Bio-Eier aus Freilandhaltung verkaufe“, erklärt der Landwirt an diesem Tag dem Fachpublikum.

Insgesamt hält die Familie 3000 Tiere, die in zwei Altersklassen unterteilt sind. Jedes Huhn hat zehn Quadratmeter für sich. Das entspricht einer Freilandhaltung mit einem Auslauf von insgesamt drei Hektar. Im Freilandauslauf fänden die Hennen Schatten unter Büschen und Hecken. Im Sinne einer artgerechten Haltung könnten die Zweibeiner auch sonnen- wie sandbaden und hochfliegen. In der eigenen Mischanlage stellt Jörg Endraß das Futter selbst zusammen. „Die einzelnen Komponenten sind natürlich regional“, wirbt er. Leinkuchen komme aus Bad Waldsee, Erbsen stammten aus Augsburg und einen Teil des Futters baut er selbst an. Gleichwohl profitiert der Biohof in Primisweiler auch von der Technik, die in industriell betriebenen Landwirtschaften eingesetzt wird. Zum Beispiel gibt es ein Band, das automatisch Eier aus dem Stall schnell und schonend abtransportiert. Dabei legt eine von Endraß’ Hennen am Tag maximal ein Ei – im Jahr sind es etwa 280 Stück.

Aus dem Fleisch macht der Landwirt Geflügelwurst oder verkauft es als Suppenhuhn. Bis es so weit ist, ist es aber ein weiter Weg: Immer im Februar und August werden jeweils 1500 Eintagsküken aufgezogen. So besetzt die Landwirtefamilie die zwei Ställe – einer für die Aufzucht der Tiere und einer für die Haltung – im halbjährlichen Zyklus neu. Und wenn die Althennen nach einem Jahr 1100 bis 1200 Gramm wiegen, geht es ans Schlachten. Das muss ein, aber dabei will Jörg Endraß ihnen weite Transportwege zum Lohnschlachter ersparen. „Sie werden in der Nacht, wenn sie schlafen, eingefangen. Das ist entspannter für die Tiere. Am selben Tag werden sie geschlachtet, verpackt und ausgeliefert.“ Die Industrie hingegen zieht seiner Auskunft zufolge heute alle Produktionsschritte auseinander. Davon distanziert er sich ganz bewusst: „Bei uns ist das Besondere, dass wir vom ersten bis zum letzten Tag alles selber machen.“ Das findet auch eine Teilnehmerin der Betriebsbesichtigung aus Bad Waldsee. Die Fachlehrerin für Landwirtschaftsmeister betreibt selber einen konventionellen Milchviehbetrieb, weiß aber, wie schwer die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft ist. „Ich finde es super, dass Jörg Endraß eine eigene Aufzucht hat. Das ist keine Normalität in der Hennenhaltung“, erklärt sie.

Etwas kritischer sieht ein anderer Teilnehmer die Angelegenheit – allerdings wegen der gemeinschaftlichen Vermarktung. Selbst Betreiber einer Landwirtschaft mit 20 Milchkühen, überlege er gerade, auf einen biologischen Öko-Betrieb mit Hennenhaltung umzustellen. Das Problem dabei sei das finanzielle Risiko. Er schildert, zuerst müssen der Stall und das Dach umgebaut werden. Da liege er schon bei Investitionen von über 100 000 Euro. Wenn er dann die erzeugten Bio-Eier allein durch die Erzeugergemeinschaft vermarkte, verdiene er gerade mal einen Cent pro Ei. Ein weiterer Landwirt wird bei diesem Aspekt ebenfalls neugierig und fragt Jörg Endraß ganz direkt, ob sich die gemeinschaftliche Vermarktung über Biokreis lohne. Die Antwort ist ernüchternd: „Wenn ich 100 Prozent meiner Eier über die Erzeugergemeinschaft verkaufe, habe ich im Jahr 10 000 Euro Gewinn.“ Die Erzeugergemeinschaft betrachtet er deshalb eher als zweites Standbein für den Hof. Bärbel Endraß hat dazu einen ganz konkreten Tipp parat: „Man sollte sofort in die Direktvermarktung gehen, solange man ein kleiner Betrieb ist und schauen welcher Markt bedient werden kann.“ Um zu ergänzen: „Wir würden es genauso wieder machen.“

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