Warum die Renzlers Biobauern aus Überzeugung sind

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Eine Kuh auf der Weide von Familie Gerhard und Andrea Renzler, die ihren Hof mit 60 Kühen auf biologische Art betreiben.
Eine Kuh auf der Weide von Familie Gerhard und Andrea Renzler, die ihren Hof mit 60 Kühen auf biologische Art betreiben. (Foto: Claudia Bischofberger)
Claudia Bischofberger

Im Zuge des Tierhaltungsskandals in Bad Grönenbach beleuchtet die „Schwäbische Zeitung“ derzeit in einer kleinen Serie Themen rund ums Tierwohl, die Landwirtschaft und das Verbraucherverhalten. Heute: ein Besuch auf dem Hof von Gerhard Renzler, der seinen Betrieb vor zwei Jahren umgestellt hat.

„Erst wenn wir die Vielfalt nicht mehr haben, werden wir merken, was uns fehlt.“ Diesen Satz hat sich der Biobauer Gerhard Renzler verinnerlicht und soll einst von Winfried Kretschmann gesagt worden sein. Nach den Skandalen in Bad Grönenbach werde auch er, Gerhard Renzler, von allen Seiten angesprochen, wie so etwas geschehen konnte. Der Biobauer misst auch der Politik einen großen Teil der Schuld daran zu.

Immer größere Betriebe

Der zwanghafte Drang zu immer größeren Betrieben sei die Folge solcher Missstände. Immer mehr würden die Milchpreise von den Großkonzernen gedrückt, was zur Folge habe, dass Milch billiger ist als Wasser, sagt Renzler. Er sei Bauer geworden, weil er stolz ist, Lebensmittel zu produzieren, weil er die Nähe zur Natur mag – und nicht zuletzt weil er seine Tiere liebt.

Renzler gehört mit seinem Betrieb der Erzeugergemeinschaft Milch Bodensee/Allgäu (Emba) an. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von circa 60 Milcherzeugern, die sich vereint haben, um ihre Milch selbstständig zu vermarkten und mit ihrem Produkt eigenständig am Milchmarkt agieren können. Die Emba ist eingetragen als nicht verarbeitende Molkerei. Entstanden sei dieser Zusammenschluss auf konventioneller Ebene. „Aber jeder muss selber wissen, wie er seinen Hof handhaben will“, sagt Renzler. Jedoch sei er sehr froh, dass er den Schritt in die Biohaltung gegangen ist.

Um dem Standard eines biologisch gestalteten Betriebs gerecht zu sein, muss man sich an verschiedene Auflagen halten. Der wichtigste Unterschied zur konventionellen Haltung ist laut Gerhard Renzler, dass jeglicher Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verboten ist. Die Kühe müssten die Gelegenheit haben, in den Sommermonaten Gras zu fressen. Im Winter bekämen sie entweder das Heu vom eigenen Feld oder aus der Region.

Futtergetreide von eigenen Feldern

Das Getreide, das Renzlers Kühe als Zusatzfutter bekommen, stammt ebenfalls von den eigenen Feldern, erklärt er. Allgemein dürfe ein Biobauer kein Futtermittel außerhalb von Europa zukaufen. Was das Tierwohl betrifft, so müsse hier für jede Kuh ein Liegeplatz vorgesehen sein. Die Anbindehaltung sei verboten. Ziel sei es, dass alle Kühe ohne Anbindehaltung leben dürfen. Biobetriebe werden mindestens ein Mal im Jahr von speziellen Verbänden kontrolliert. Dies geschehe ohne Voranmeldung. Im Speicher gelagertes Getreide werde im Labor untersucht.

Viele Leute seien sich nicht darüber im Klaren, dass eine Kuh einmal im Jahr ein Kälbchen bekommen muss, um überhaupt Milch geben zu können. Diese Kälbchen werden den Müttern in der Regel gleich nach der Geburt weggenommen. Bei Familie Renzler geht dies etwas humaner zu. Hier finde eine „Trennung auf Raten“ statt.

Noch ein paar Tage nach der Geburt dürften die Neugeborenen bei ihrer Mutter stehen. Dann folge die Unterbringung in die Nachbarbox, wo Kuh und Kalb noch immer Blickkontakt haben. Jedoch seien immer auch gleichaltrige Tiere mit in der Box, damit die Kleinen keine Langeweile bekämen. Etwas größere Kälbchen hätten die Möglichkeit, nach draußen zu gehen. Für heiße Tage sind in den Außenboxen Sonnenschirme gespannt, die Schatten spenden.

„Echte“ Bullen statt künstlicher Besamung

Die Kühe von Biobauern dürfen enthornt sein. Zwar seien Hörner erwünscht, jedoch nicht verboten. Hier geht bei Bauer Renzler der Tierschutz vor. Die Kälber dürfen nicht über sechs Wochen alt sein beim Enthornen und der Eingriff werde nur in Vollnarkose gemacht, so Renzler. Derzeit befände sich auch ein Bulle im Hof der Familie, der genetisch für eine hornlose Zucht vorgesehen sei. Auch das Decken der Kühe allgemein finde hier noch ganz „altmodisch“ mit „echten“ Bullen statt und nicht mittels künstlicher Besamung.

Die kleinen Bullen im Stall der Familie Renzler werden zwar biologisch groß gezogen, müssen jedoch an konventionelle Betriebe zur Mast weiter gegeben werden, da es kaum Mastbetriebe gebe, die biologisch weiter füttern, bis die Tiere im Alter von zwei bis drei Jahren dann geschlachtet werden. Diese Tatsache findet Andrea Renzler, die Bäuerin, sehr bedauerlich. Denn es gebe schlichtweg zu wenig Verbraucher, die bereit seien, den teureren Preis für das Biofleisch zu bezahlen, sagt sie – obwohl die Tiere viel gesünder ernährt würden.

Für die Zukunft, so ist sich das Ehepaar einig, müssen vor allem von der Politik große Veränderungen kommen. Und auch die Verbraucher müssen sich einmal mehr ins Bewusstsein rufen, dass Milch, Fleisch und andere Produkte von Tieren, von fühlenden Lebewesen stammen.

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