Timo Feistle: „Das Handy steht trotzdem nicht still“

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 Timo Feistle (hier im Jahr 2016 als damaliger MTG-Trainer) hat als neuer Sportlicher Leiter große Aufgaben vor sich.
Timo Feistle (hier im Jahr 2016 als damaliger MTG-Trainer) hat als neuer Sportlicher Leiter große Aufgaben vor sich. (Foto: Sascha Riethbaum)
Schwäbische Zeitung

Den Handball-Württembergligisten MTG Wangen hat die Unterbrechung wegen des Coronavirus inmitten einer Phase getroffen, in der sowieso schon einiges in Unordnung war. Erst kündigte Ausnahmespieler Aaron Mayer an, die MTG nach 15 Jahren in Richtung Söflingen verlassen zu wollen, dann ging auch noch das Spiel gegen den Tabellenletzten Altenstadt verloren, gegen den ein Sieg fest eingeplant war, um im Rennen um die Qualifikation für die eingleisige Württembergliga zu bleiben. Für den neuen Sportlichen Leiter Timo Feistle sind die ersten Wochen im Amt nicht gerade einfach gewesen – und nun muss er im Krisenmodus der Coronakrise die wichtigsten Fragen nach der Zukunft der MTG Wangen klären. Mit dem 35-jährigen Feistle sprach Michael Panzram.

Herr Feistle, wie haben Sie mit der MTG Wangen die Entscheidung aufgenommen, dass die Handballsaison zunächst bis 19. April wegen der Ausbreitung des Coronavirus ausgesetzt wird?

Als nach und nach größere Veranstaltungen abgesagt wurden, war uns eigentlich schon klar, dass es eine Frage der Zeit ist, bis es auch uns betreffen wird. Zudem arbeitet unser Sportvorstand Reinhard Geyer als Kardiologe und hat uns immer frühzeitig mit Informationen versorgt. Überraschend war für uns die Entscheidung am Donnerstagnachmittag nicht mehr. Wir haben abends zwar noch trainiert. Am Freitag hat dann der Gesamtverein erst beschlossen, dass zunächst der Trainingsbetrieb im Jugendbereich eingestellt wird. Später am Tag kam dann die Empfehlung des Württembergischen Landessportbunds, überhaupt nicht mehr zu trainieren. Dem haben wir natürlich entsprochen. Es gibt seither nicht einmal mehr kleinere Sitzungen.

Waren die Schritte für Sie immer nachvollziehbar?

Das Vorgehen unseres Verbands und unseres Gesamtvereins fand ich jederzeit konsequent und richtig. Wir wissen um unsere gesellschaftliche Verantwortung und unsere Vorbildfunktion. Deshalb tragen wir unseren Teil dazu bei, die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Dabei geht es gar nicht um die direkte, persönliche Gefahr, weil unsere Handballspieler durch die jüngere Altersstruktur nicht zur sehr gefährdeten Gruppe gehören. Die Gesundheit aller muss immer an erster Stelle stehen. Es gab und gibt niemanden, der das bei uns im Verein irgendwie in Zweifel gestellt hätte.

Mindestens bis 19. April ruht der Handball. Glauben Sie, dass die aktuelle Saison irgendwie regulär zu Ende gebracht werden kann?

Mein persönliches Gefühl sagt mir, dass die Unterbrechung viel, viel länger gehen wird. Ich kann zwar nicht einschätzen, wie lange solche Maßnahmen andauern. Aber ich gehe eher davon aus, dass in dieser Saison nicht mehr gespielt wird.

Für Sie als neuer Sportlicher Leiter kommt diese Zwangspause zur Unzeit. Was hat Sie dazu bewogen, den Posten bei der MTG Wangen zu übernehmen, für die Sie schon als Spieler und Trainer tätig waren?

Ich war immer nah dran an dem Verein; wenn nicht in einem offiziellen Amt, dann zumindest beratend. Ich wohne 200 Meter von der Halle weg, die ganze Familie interessiert sich für Handball. Ich habe schon immer gerne Verantwortung übernommen. Deshalb habe ich erst die Arbeitsgruppe geleitet, die ein neues sportliches Konzept für die MTG Wangen erstellen sollte. Und am Ende, als das Ergebnis feststand, habe ich gerne selbst eine Position übernommen, um das neue Konzept mit den anderen Verantwortlichen um den Abteilungsleiter Matthias Vetter und Sportvorstand Reinhard Geyer umzusetzen.

Was hat sich durch das neue Konzept geändert?

Einen Gesamtverantwortlichen für den Sport gab es davor nicht. Zuerst haben wir dafür eine einzelne Person gesucht, die Stelle war sogar ausgeschrieben. Aber in der heutigen Zeit funktioniert das wohl nicht mehr. Deshalb ging es für uns darum, das auf mehrere Schultern zu verteilen. Ich denke, wir haben eine gute Lösung gefunden.

Schon nach wenigen Wochen mussten Sie in den Krisenmodus schalten. Wie lebt es sich in diesem Zustand?

Es war für uns zunächst ein Start mit Vollalarm, weil vieles neu aufgestellt werden musste. Da sind einige Abende dafür draufgegangen. Dann kam das mit Aaron dazu. Allein das hat vier, fünf Tage ausgefüllt.

Sie sprechen Ausnahmespieler Aaron Mayer an, der den Verein nach sieben Jahren in der ersten Mannschaft überraschend verlassen wird und zur TSG Söflingen in die Baden-Württemberg-Oberliga wechselt. Was mussten Sie da vier, fünf Tage lang besprechen?

Da gab es lange Gespräche im Verein, mit Aaron, aber auch mit Söflingen. Intern wollten wir das schnell aufarbeiten. Wir waren einfach etwas überrollt von dieser Entscheidung. Vor allem zu diesem Zeitpunkt. Da wirft ihm aber niemand etwas vor. Aaron hat es sich auch selber nicht einfach gemacht. Jetzt hoffen wir alle, dass er noch einen richtigen Abschied mit einem Heimspiel in der „Hölle Süd“ bekommt.

Wie sehen im Moment die Planungen für die kommende Saison aus? Noch ist ja nicht abschließend geklärt, in welcher Liga die MTG Wangen spielen wird.

Unabhängig von Aaron müssen wir schauen, dass wir den bisherigen Kader zusammenhalten. Das gilt auch für unsere erfolgreiche A-Jugend, wo wir den Spielern eine attraktive Perspektive bieten wollen. Um Neuzugänge wird es aber auch gehen. Da kommt es uns entgegen, dass wir jetzt etwas mehr Zeit haben. Ein Nachteil ist, dass wir gerade niemanden zu einem Probetraining einladen können. So gut wie sicher ist, dass wir uns keinen Topspieler von außen holen werden, der Aaron ersetzt, weil wir dazu nicht die finanziellen Mittel haben.

Langweilig wird es Ihnen also nicht, oder?

Auf keinen Fall. Das Handy steht trotzdem nicht still.

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