Stiftungen aus der Region Wangen kämpfen gegen Niedrigzinsen

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 Die Niedrigzinsen bereiten Stiftungen Sorgen.
Die Niedrigzinsen bereiten Stiftungen Sorgen. (Foto: Symbol: Marijan Murat/DPA)
Paul Martin

Ein erfolgreicher Unternehmer oder ein vermögendes Paar ist kinderlos. Das Eigentum wird in eine Stiftung übertragen und je nach den Vorstellungen des Stifters werden die Zinserträge für gemeinnützige Zwecke – meistens in der Region – eingesetzt. So war es über Jahrzehnte hinweg ein gängiges Modell: Das Kapital der Stiftungen konnte seinen Wert stets erhalten oder sogar steigern, die üppigen jährlichen Zinsausschüttungen kamen sozialen Einrichtungen oder Bedürftigen zugute. Nun aber, bei dauerhaften Niedrigzinsen durch die europäische Zentralbank, könnte dieses System ins Wanken geraten.

Walter Braun von der Kreissparkasse in Wangen und Leutkirch bewertet die Situation von Stiftungen, die nur mit Zinserträgen ihren Stiftungszwecken nachkommen müssen, als schwierig. Es gebe derzeit praktisch keine Erträge bei mündelsicheren Anlagen. Mündelsicher sind alle Anlageformen, bei denen ein Wertverlust des Kapitals mit hoher Wahrscheinlichkeit auszuschließen ist. Grundsätzlich empfehle es sich allerdings auch heute noch, Stiftungen zu gründen.

„Wir hoffen ja, dass das Zinsniveau auch mal wieder steigt“, sagt Braun mit Blick auf die Zukunft. Es sei in jedem Fall ratsam, auch einen Teil des jeweiligen Stiftungsstocks in sicheren Aktien oder Fonds anzulegen. Ansonsten mindere sich, wenn man den Realverlust miteinbeziehe, das Kapital, sagt Walter Braun: „Wie bei allen Sparern.“

Die „Schwäbische Zeitung“ hat bei Stiftungen in der Region nachgefragt, wie es um ihre Zukunft und das Erfüllen der Stiftungszwecke steht. „Klar ist, wir finanzieren unsere Projekte aus Spenden“, so der Vorsitzende der Wangener Bürgerstiftung, Volker Leberer. Ergänzt werden die Spenden durch Mieteinnahmen.

„Wangener Bürger, die verstorben sind, haben uns insgesamt drei Wohnungen hinterlassen“, sagt Leberer. Dadurch sei man abgesichert und könne laufend Projekte für Kinder, Senioren und Integration in der Wangener Kernstadt und den dazugehörigen Ortschaften finanzieren.

„Wir haben früh umgestellt auf Immobilien und erzielen durch Mieteinnahmen unsere Erträge“, sagt Dietmar Schiele von der Geschwister-Mayer-Keckeisen-Stiftung. So könne die Stiftung auch weiterhin etwa in Not geratene Personen oder die Instandhaltung sakraler Gebäude finanziell unterstützen.

Die Franz-Xaver-Bucher-Stiftung hat ihren Stiftungszweck in der finanziellen Unterstützung der Schüler an der Jugendmusikschule württembergisches Allgäu und vergibt auch Stipendiate für die musikalische Aus- und Weiterbildung von Kindern. Der Leiter der JMS, Hans Wagner, sieht in den Erträgen aus dem Stiftungskapital (rund 800 000 Euro) einen eindeutigen Trend: „Es geht nach unten.“ Man habe im Moment zwar noch Investments im Portfolio, die „gut was abwerfen“, wenn diese allerdings auslaufen, werde es schwierig dem Stiftungszweck noch gerecht zu werden. Klar ist für Wagner: „Als Stiftung kann man nicht anfangen zu zocken.“

Deshalb habe man auf andere, wie der Musikschulleiter es nennt, „Mosaiksteinchen“ gesetzt. Ein solches sind beispielsweise Spenden, die nicht dem Stiftungskapital zugeführt, sondern direkt ausgeschüttet werden. So könne man das Schmälern der Ausschüttung durch geringe Zinsen abfedern.

Mit der Aktion „Herz und Gemüt“ engagiert sich mit der Friedrich-Schiedel-Stiftung auch eine große deutsche Stiftung in Wangen. „Wenn man noch Erträge generieren will, muss man mit Vorsicht Aktien kaufen“, sagt der Stiftungsvorstand Dietrich von Buttlar. Man müsse dabei auf Papiere setzten, „die eine lange Wertstabilität aufweisen“. Dies seien beispielsweise spezielle Vehikel für Stiftungen, sogenannte Stiftungsfonds. Letztere versuchen, wie von Buttlar erklärt, das Risiko nach unten zu begrenzen. „Da gibt es dann nach oben bei der Rendite halt auch nicht unbegrenzt Spielraum“, so der Stiftungschef.

„In guten Zeiten werfen diese zwischen zwei und vier Prozent ab, in schlechten Zeit geht es etwa im gleichen Bereich nach unten.“ Abseits des Zinsgeschäfts hat die Schiedel-Stiftung allerdings mit einer Vielzahl an Immobilien noch ein Ass im Ärmel. „Die Stammen noch aus einer Zeit, als die Einstandspreise auch noch nicht so hoch waren, wie heute.“

Da man ein Gesamtkapital von mehreren Millionen verwalte, habe man bei der Schiedel-Stiftung auch noch eine gewisse Flexibilität, sagt von Buttlar. Er wisse allerdings von kleineren Stiftungen, „die überlegen, eine Verbrauchsstiftung zu werden“.

Soll heißen, man geht den Stiftungszwecken nicht nur durch Kapitalerträge, sondern durch das Aufbrauchen des Kapitals an sich nach.

Es sei sehr schade, wenn Stiftungen so ihren Stiftungsstock „verfrühstücken“, wie von Buttlar es nennt, aber: „Herr Draghi lässt uns zurzeit einfach damit rechnen, dass wir Stiftungen in den nächsten Jahren damit leben müssen - auch wenn es sicher einige an den Rand der Existenz treibt.“

Von der Oskar-und-Elisabeth-Farny-Stiftung mit Sitz in Dürren bei Kißlegg sind, wie es das Ehepaar Farny wollte, die Universität Hohenheim, die Ortschaft Waltershofen, die Kirchengemeinde Ratzenried und bedürftige Personen in den jeweiligen Wohngebieten begünstigt.

Zur Stiftung gehört neben der „Edelweißbrauerei Farny“ und dem Hofgut Dürren auch Land- und Forstwirtschaftlicher Besitz. Durch die Wirtschaftsbetriebe sei es machbar, „den Stiftungszwecken über alle Jahre immer satzungskonform nachzukommen“, erklärt Brauerei-Chef Elmar Bentele.

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