Stadtkapelle präsentiert sich in Topform

Lesedauer: 5 Min
Zwischen ezessiven und ausdrucksstarkem Tastengewiiter und Barpiano: Natascha Saybal als Solistin in Gershwins „Rhapsoday in Blu
Zwischen ezessiven und ausdrucksstarkem Tastengewiiter und Barpiano: Natascha Saybal als Solistin in Gershwins „Rhapsoday in Blue“. (Foto: Johannes Rahn)
Johannes Rahn

In einem fast ausverkauften Festsaal der Waldorfschule servierte die Stadtkapelle ein hochkarätiges Frühjahrskonzert. Das Programm, das Stadtmusikdirektor Tobias Zinser zusammengestellt hatte, hielt, was es versprach: ein Blasorchester in Topform mit außergewöhnlichen Musikstücken, gespielt auf höchstem Niveau.

Über die musikalische Präzision, das perfekt inszenierte Klangbild und die gestalterischen Fähigkeiten der Stadtkapelle ist so oft berichtet worden, das einem langsam die Adjektive und die sprachlichen Vergleiche dafür ausgehen. Dass ein Ensemble quasi „in der Provinz“ eine solche Spitzenqualität erreicht, ist schon bemerkenswert genug. Dass es dieses Niveau über Jahrzehnte hält und unter wechselnder Leitung immer weiter ausbaut, spricht Bände über die musikalische Ausbildung in unserer Region.

Die Stadtkapelle ist die Spitze eines Eisbergs von guten und sehr guten Kapellen und Blasorchestern, die sich im Allgäu und ganz Oberschwaben tummeln. Und da kann Tobias Zinser natürlich musikalisch aus dem Vollen schöpfen. Den Huldigungsmarsch von Richard Wagner setzte die Stadtkapelle als Klangorgie in Szene, wuchtig, breit, mit einem Schuss Pathos. In Gustav Holsts „First Suite“ legte sie dann diese vielfältigen Klangkombinationen offen, ohne die moderne Blasmusik nicht möglich ist, von kammermusikalischer Intimität bis zu weit ausgreifenden, den Raum sprengenden Klangstrukturen.

Geniales Kombinationsspiel

Die „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin reihte sich hier nahtlos ein mit ihrer Mischung aus Jazz, Big-Band-Sound, Ragtime, Broadway-feeling und europäischer Kunstmusik Hier war höchste Flexibilität gefordert, allgemein, wie auch im Zusammenspiel mit dem Solopart, den Pianistin Natascha Saybal aus Tscheljabinsk fulminant und facettenreich. Das geniale kompositorische Kombinationsspiel Gershwins fand sein adäquates Gegenstück im nicht weniger genialen Kombinationsspiel von Solistin und Stadtkapelle.

Die „Second Sinfonietta“ von Thiemo Kraas ist brandneu und erst das zweite Mal überhaupt zu hören. Motivsplitter fügen sich langsam zusammen, verdichten sich, kristallieren aus zu sinfonischer Tiefe und die Stadtkapelle schälte jeden dieser Splitter konturiert heraus, wie mit dem Skalpell, jeder Ton trat klar und deutlich in seinem Zusammenspiel mit den anderen hervor und die Wirkung war ungemein dicht und mitreißend.

Seine „Symphonic Ouverture“ hat James Barnes mit kräftigen musikalischen Farben gezeichnet und die Stadtkapelle lies das Werk prächtig und ebenso kraftvoll aufblühen. „Extreme Beethoven“ von Johann de Meji schickte Beethoven-Zitate durch ein Sägegitter von Clustern und Rhythmen, löste sie in Bruchstücke auf und setzte sie neu zusammen bis hin zum Einmarsch einer kleinen Kapelle, die völlig losgelöst vom Hauptensemble agierte. Bekanntes wurde durch furiose Klangwirkungen verfremdet und doch war das Ganze so energiegeladen und elektrisierend, dass es irgendwie zu Beethoven passte. Zahllose Nuancen, dynamische Vielfalt und technische Brillanz bildeten wieder die Grundlage für die durchschlagende Wirkung des Stücks.

„Music for a Festival“ von Philip Sparke war spritzig und voran drängend, der Mittelteil butterzart und der Schlussteil rasant und vom selben ungebremsten Lebensgefühl geprägt wie der „Optimisten-Marsch“ von Miroslav Juchelka.

Die erste Zugabe war eine Hommage an Tscheljabinsk, das die Stadtkapelle dieses Jahr wieder besuchen wird: Der etwas wehmütige Marsch „Abschied der Slavin“ und dann, spätromantisch-klangmächtig der Ausschnitt aus dem Finale von Brahms 1. Sinfonie, der auf einer Alphorn-Melodie basiert: „Also blus das Alphorn heute“, rund, weich, satt im tiefen Blech und den Hörnern gegründet.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen