So ist Kißlegg rettungsdienstlich versorgt

 Nach Berechnungen des Johanniter Rettungsdienst erreicht der Rettungswangen in Kißlegg seinen Einsatzort in überdurchschnittlic
Nach Berechnungen des Johanniter Rettungsdienst erreicht der Rettungswangen in Kißlegg seinen Einsatzort in überdurchschnittlichen 98,5 Prozent der Fälle binnen 15 Minuten. (Foto: Symbolbild: obs/Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.)
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Seit 2001 haben die Johanniter in Kißlegg beim Strandbad eine Rettungswache. Ihr Rettungswagen dort ist an 365 Tage stets 24 Stunden einsatzbereit. Was es bei der Strukturdebatte rund um das Wangener Krankenhaus, den Hilfsfristen und Notarztstandorten sowie beim Thema Bahnschranke in Kißlegg zu bedenken gibt, hat der Regionalvorstand der Johanniter, Stefan Dittrich, jüngst im Kißlegger Gemeinderat erläutert.

Hält der Kißlegger Rettungswagen die Hilfsfrist ein?

Eins vorne weg: Es gibt keine offizielle Hilfsfrist für den Kißlegger Rettungswagen. Die 15-Minuten-Frist, bis ein Rettungswagen nach Alarmierung beim Patienten eintrifft, ist laut Rettungsdienstplan eine formale Messgröße, die sich nur auf den Schnitt des gesamten Rettungsdienstbereichs Bodensee-Oberschwaben bezieht – in diesem Fall also auf die Landkreise Ravensburg, Sigmaringen und Bodenseekreis. Erst wenn die 15 Minuten auf dieser Ebene bei weniger als 95 Prozent der Fälle eingehalten werden, wird Handlungsbedarf gesehen. Trotzdem haben die Kißlegger Johanniter für ihren Rettungswagen die Einhaltung der Hilfsfrist ermittelt, um einen Ansatzpunkt zu haben. Betrachtet wurden die ersten elf Monate des Jahres 2021. Heraus kam: Ist der Kißlegger Rettungswagen in der Gemeinde Kißlegg unterwegs, schafft er es in überdurchschnittlichen 98,5 Prozent in mindestens 15 Minuten. Betrachtet man das gesamte Gebiet, in dem die Kißlegger standardmäßig im Einsatz sind, schafft er es in knapp 96 Prozent der Fälle. Allerdings fahren auch Rettungswagen anderer Wachen, etwa aus Wangen oder Leutkirch, Kißlegg an, zum Beispiel, wenn der Kißlegger Wagen bereits im Einsatz ist. Betrachtet man alle Rettungswagen, die in Kißlegg unterwegs waren zusammen, schafften es nach der Auswertung der Johanniter 93,3 Prozent binnen 15 Minuten am Einsatzort zu sein.

Wie sind die Ergebnisse zu werten?

Für die Rettungswagen zieht Dittrich den Schluss, dass Kißlegg als Rettungswagenstandort „goldrichtig ist“. Dittrich gibt allerdings – auch mit Blick auf Standzeiten an der Bahnschranke – zu Bedenken, dass der Blick auf die Hilfsfrist hinkt. „Ein Rettungswagen, der nach 15 Minuten ankommt und der Patient ist tot, ist im Sinne der Hilfsfrist-Statistik ’erfolgreich’, einer der nach 16 Minuten ankommt und der Patient lebt, ist nicht erfolgreich“, veranschaulicht er.

Wie sieht es aus, wenn der Notarzt kommen muss?

In Kißlegg selbst ist kein Notarzt stationiert. Notärzte kommen aus Wangen, Leutkirch, mit dem Helikopter oder in Randgebieten von Ravensburg, Bad Waldsee oder Isny aus. In der Gemeinde Kißlegg errechneten die Johanniter, dass der Notarzt in den 169 Einsätzen in den ersten elf Monaten des Jahres 2021 in gut 76 Prozent der Fälle innerhalb von 15 Minuten vor Ort war. Im gesamten Gebiet des Kißlegger Rettungswagens (358 Einsätze) nur in rund 65,3 Prozent der Fälle. Zum Vergleich: im gesamten Rettungsdienstbereich lag man bei 87,4 Prozent.

Wie sind die Notarzt-Ergebnisse zu werten?

Die notärztliche Hilfsfrist wird auf Kißlegg bezogen weniger oft erreicht, als im Zielschnitt. „Da haben wir eine gewisse Not“, stellt Dittrich fest. Das gelte indes im ganzen Land. Die Hilfsfrist bei Notärzten schaffe man höchstens in Ballungsräumen. Und auch wenn Kißlegg nach Berechnungen der Johanniter ein guter Notarztstandort wäre, weil sich von dort in vielen Fällen die Hilfsfrist in Leutkirch, Wangen und Kißlegg hätte einhalten lassen, sieht Dittrich dafür schwarz. „Mehr Standorte gehen nicht, weil es keine Notärzte gibt.“

 Der Rettungswagen der Kißlegger Rettungswache ist im Schnitt 130 Mal im Monat im Einsatz. Am Standort gibt es auch eine ehrenam
Der Rettungswagen der Kißlegger Rettungswache ist im Schnitt 130 Mal im Monat im Einsatz. Am Standort gibt es auch eine ehrenamtliche Bereitschaft, etwa die Helfer-vor-Ort-Gruppe. Das Bild entstand noch vor Corona-Zeiten. (Foto: Archiv: Johanniter)

Welche Lösungsansätze gibt es?

Dittrich verweist auf den Notfallsanitäter, der heute eine dreijährige Ausbildung absolviert. Fachlich könne der mehr alleine machen, aber vom Gesetz her dürfe er etwa keine Medikamente geben. Die Hoffnung sei, dass sich dazu nach Einigung auf Bundesebene in Baden-Württemberg noch im ersten Halbjahr 2022 etwas tue. Beim Blick in die Zukunft denkt Dittrich das Modell Gemeindenotfallsanitäter. Das wären sehr erfahrene Sanitäter mit einer Zusatzausbildung in einer Hausarztpraxis. Ausgestattet mit einem Notfallfahrzeug könnten sie zum Patienten fahren, die Diagnostik beginnen und an eine Arzt schicken, mit dem dann das weitere Vorgehen besprochen werde.

Welche Änderungen bei den Hilfsfristen stehen an?

Das Land Baden-Württemberg will die Hilfsfristen neu strukturieren, die der Rettungsdienstplan regelt. Dittrich sieht Signale, dass die notärtzliche Hilfsfirst, die es nur in einem weiteren Bundesland gibt, abgeschafft wird. Ziel werde wohl eher sein, Patienten in adäquater Zeit in eine Klinik zu bringen. Bei dieser Prähospitalzeit spricht das Land von „nicht mehr als 60 Minuten“. In diesem Zug werde auch eine Verkürzung der Hilfsfrist für den Rettungswagen auf 12 Minuten diskutiert.

Welche Bedeutung hat die Notaufnahme im Wangener Krankenhaus?

„Die Notaufnahme im Wangener Krankenhaus ist sehr gut ausgestattet, wir bringen dort sehr gerne Patienten hin“, findet Dittrich. „Was passiert, wenn Wangen keine Notaufnahme hätte, kann ich nicht sagen. Es ist heute schon so, dass wir in viele Fälle nach Ravensburg fahren.“ Schädelhirntraumata etwa müssten zwingend nach Ravensburg, dort sei man dafür ausgestattet. Allerdings weist Dittrich auch darauf hin, dass der Weg nach Ravensburg je nach Einsatzort und Wetterlage in einer Stunde knapp zu erreichen sei.

Welchen Vorschlag gab’s für die Debatte zur Krankenhausstruktur?

„Sollte es so kommen, dass man Wangen nicht mehr oder nur noch selten anfährt, wird der Kißlegger Rettungswagen, wie auch der Waldseer, viel nach Ravensburg fahren – und wieder zurück. Da werden Fahrzeuge fehlen, das muss man mitplanen.“ Auf Anregung aus den Reihen der Räte, die Johanniter sollten bei dem anstehenden Gutachten zur Strategie der Obrschwabenklinikgehört werden, verwies Dittrich auf den Bereichsausschuss des Rettungsdiensts. Er wünsche sich, dass die Politik diese Verbindung mitdenke: „Man wird nicht umhinkommen, Gutachten über die Krankenhäuser mit Gutachten über Rettungsdienste zu verknüpfen.“

Wie geht es dem Rettungsdienst mit der Bahnschranke in Kißlegg?

Seit mehr Züge auf der Strecke rollen, „merken wir, dass wir viel öfter und länger warten müssen als bisher“, bestätigt Dittrich. Noch allerdings sei der Zeitraum zu kurz, um einzuschätzen, ob deshalb Patienten litten. Die Standzeiten und der Rückstau an der Bahnschranke in Kißlegg bremst die Helfer der Johanniter aus. Wie Bereitschaftsleiter Andreas Buck berichtet eben nicht nur auf Einsatzfahrten, sondern auch bei Anfahrten der Helfer zur Wache. Bei der Bewertung der Konsequenzen ist Dittrich zurückhaltend. Das Stehen an der Schranke sei zwar ärgerlich, und ohne Schranke sei man sicher schneller im Kernort, Kißlegg sei aber insgesamt und auch im Vergleich zu anderen Gemeinden nicht schlecht versorgt.

Wie sind die Johanniter in Kißlegg aufgestellt?

Der Kißlegger Rettungswagen rückt monatlich im Schnitt zu rund 130 Einsätzen aus – und ist je Einsatz rund eineinhalb Stunden unterwegs. Leiter der Rettungswache ist Harald Stehmer. Zum Bereich des Kißlegger Rettungswagens gehören auch Wolfegg, Alttann und Vogt. Allerdings wird der Rettungswagen, wie alle anderen auch, von der Leitstelle aus auch von unterwegs zum Einsatz geschickt, wenn er gerade in der Nähe ist. Auch im Südwesten von Leutkirch, im Norden Wangens sowie in Bergatreute und Bad Wurzach hilft er öfter aus, wenn die Wagen dort bereits unterwegs sind. Probleme bereitet der Rettungswache derzeit ihre Garage. Sie ist zu klein für heutige Fahrzeuge. Außerdem fehlen eigene Umkleiden für Frauen sowie Lagerräume.

Neben dem hauptamtlichen Rettungsdienst sind bei den Johannitern in Kißlegg auch 35 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in der Bereitschaft aktiv. Dazu gehören etwa seit 2002 die Schnelleinsatzgruppe und die Helfer vor Ort, die etwa gewährleisten, dass niemand alleine auf den Rettungsdienst warten muss, wenn es länger dauert. Auch im Katastrophenschutz, etwa bei Hilfseisätzen im Ahrtal, sind die Kißlegger Johanniter dabei. Die Bereitschaftsführung haben Andreas Buck und Sandra Müller. Die Kißlegger Johanniter unterstützten bei Corona-Testungen, stellen den Schulsanitätsdienst, bieten Erste Hilfe Kurse, einen Hausnotruf und eine Jugendgruppe mit 25 Mitgliedern.

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