So geht es Wangener Reisebüros in der Krise

Aufgrund der weltweiten Pandemie stecken auch die Wangener Reisebüros in der Krise. Reisen sind derzeit kaum gefragt.
Aufgrund der weltweiten Pandemie stecken auch die Wangener Reisebüros in der Krise. Reisen sind derzeit kaum gefragt. (Foto: Peter Zimmermann)
Bastian Schidt

Lockdown, Homeoffice und durchwachsenes Wetter – nachdem der Urlaub für viele pandemiebedingt bereits im vergangenen Jahr ausfallen musste, ist die Sehnsucht nach einer erholsamen Auszeit vom aktuell auf so vielfältige Weise stressigen Alltag im Land des ehemaligen Reiseweltmeisters Deutschland groß.

Noch größer scheint trotz verschiedener Buchungsanreize durch die Veranstalter aber die Verunsicherung der Kunden zu sein, ob überhaupt - und wenn ja wo und unter welchen Bedingungen - im Jahr 2021 ein Urlaub möglich sein wird. Bislang lassen die Buchungszahlen jedenfalls kaum auf eine Entspannung der Lage schließen.Trotzdem ist die Hoffnung auf eine Besserung der Situation groß. So schätzen Wangener Reisebüros die Lage für das Jahr 2021 ein.

Die Kunden sind sehr interessiert an Reisen im Jahr 2021.

Leona Heine

„Die Kunden sind sehr interessiert an Reisen im Jahr 2021“, konstatiert Leona Heine, die Leitung der Touristik bei der Benedikt Heine GmbH, die unter anderem das Alltours-Reisecenter Heine in Wangen betreibt. Ihr Team stehe aktuell mittels einer groß angelegten Telefonaktion in Kontakt mit den Kunden des Reisecenters, informiere über die Aktionen und „überaus großzügigen Stornobedingungen“ vieler Reiseveranstalter, die es beispielsweise ermöglichen, bis zu zwei Wochen vor der Reise kostenlos umzubuchen oder zu stornieren.

Trotzdem bleiben die Buchungen aus, was die Gesamtsituation „sehr schwierig“ mache. Potenziell Reisewillige seien völlig verängstigt „durch das willkürliche Hin und Her der Politik“, wie es Heine ausdrückt. Für die Verbraucher müsse es verlässliche politische Rahmenbedingungen geben. Auf diese würden auch diejenigen noch warten, die sich grundsätzlich eine Reise vorstellen könnten.

„Die Veranstalter, Reisebüros, Hotels und Airlines haben hier ihre Pflicht erfüllt und ihren Service und ihre Konditionen der Situation angepasst. Nun liegt es an der Politik“, so Heine.

Die Verbote sind und waren teils vollkommen ungerechtfertigt. 

Leona Heine

Auch die Rückmeldung von Kunden, die jüngst im Urlaub waren, lassen ihrer Meinung nach diesen Schluss zu. „Viele Kunden haben uns gesagt, dass sie sich im Urlaub sicherer gefühlt haben als in Deutschland.“

Laut Heine berichten diese von durchgängigen, stimmigen und gut durchdachten Hygienekonzepten, um jedes ausschließbare Risiko einer Infektion zu vermeiden. Jeder Einzelne in der Reisekette habe viel investiert, um Reisen während einer Pandemie sicher und möglich zu machen. „Die Verbote sind und waren teils vollkommen ungerechtfertigt“, ärgert sie sich daher.

Zwar bedrohe die aktuelle Situation nicht die Existenz des Gesamtunternehmens Heine, durchaus aber den Touristikbereich mit etwa 20 Angestellten. Und auch beim Blick über das eigene Unternehmen hinaus in die Zieldestinationen schwant ihr Übles, sollte sich die Situation nicht zeitnah ändern.

Denn dort seien durch das Wegbleiben der Touristen Millionen Arbeitsplätze bedroht und die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen oftmals noch dramatischer als in Deutschland. „In den wenigsten Ländern werden die Menschen so aufgefangen wie in Deutschland“, erklärt sie, weshalb eine Saison ohne Einkommen vor Ort die Existenz ganzer Familien bedrohe.

95 Prozent Umsatzeinbruch

Für Ekkehardt Harald Kaifel, Geschäftsführer des Wangener Reisebüros Ihre Reisewelt, stellt sich die Situation bereits direkt Existenzbedrohend dar. Zwar steht auch er in Kontakt mit seinen Kunden und berate diese über die flexiblen Buchungsmöglichkeiten der Reiseanbieter, konkrete Reisebuchungen seien jedoch auch bei ihm die Ausnahme.

Laut eigenen Angaben verzeichnet er aktuell einen Umsatzeinbruch von 95 Prozent zur Vorcoronazeit und der sonst für Reisebüros so wichtige Monat Januar sei komplett verloren gewesen, da das Ladengeschäft geschlossen ist und das Geschäft per E-Mail und Telefon nur „auf ganz kleinem Niveau“ laufe.

Vor allem der immer weiter verlängerte Lockdown und die Abschottung ganzer Länder tragen seiner Meinung nach zur Verunsicherung der Kunden bei. Allerdings nimmt er in diesem Zusammenhang auch die Fluggesellschaften und Reiseanbieter in die Pflicht, die durch ihre „vermasselte Rückzahlungspolitik im vergangenen Jahr viel Vertrauen zerstört haben“. Daran würden auch die neuen Buchungsanreize der Unternehmen nichts ändern. Diese sind seiner Ansicht nach „eher PR-Maßnahmen, um zu evaluieren, ob die Menschen momentan überhaupt reisewillig sind.“

Wer in Kurzarbeit ist, macht heuer keinen Urlaub.

Ekkehardt Harald Kaifel

Denn auch diese zum Teil sehr günstigen Angebote können laut Kaifel in der momentanen Situation kaum helfen. „Wer in Kurzarbeit ist, macht heuer keinen Urlaub. Bei Familien mit Kindern, die womöglich Probleme mit dem Fernunterricht in der Schule haben, werden viele Eltern die Zeit lieber nutzen, um diese Defizite aufzuholen“, blickt er voraus.

Und die die Gruppe der über 60-Jährigen, die sowohl Zeit als auch Geld haben, gehöre nun mal zur Risikogruppe und sei verständlicherweise sehr verunsichert. Deshalb hofft er auf eine zügige Impfung dieser vulnerablen Gruppe, denn erst wenn das geschehen ist, „werden diese Menschen wieder reisen.“

Wir wollen seriös beraten. 

Carola Schmid

Auch für Carola Schmid, Inhaberin von Moni´s Reisetreff in Wangen, hängt Wohl und Wehe des Unternehmens von der weiteren Entwicklung der Pandemie ab. Zwar erhalte sie immer wieder Buchungsanfragen, zumeist für das angesprochene „risikofreie Buchen“, jedoch liegt das Hauptaugenmerk der Arbeit auch bei ihr auf der telefonischen Beratung und der bestmöglichen Aufklärung.

„Was wir momentan verkaufen, sind Pauschalreisen, weil der Kunde da auf der sicheren Seite ist“, so Schmid. Von vielen anderen Buchungen rate sie ihren Kunden aktuell aber sogar ab. „Wir wollen seriös beraten, und wo das risikolose Buchen nicht möglich ist, besteht nun mal die große Gefahr, dass das Geld weg sein kann“, so Schmid.

Trotzdem lässt sie sich ihre positive Grundeinstellung noch nicht nehmen. Vor allem, weil sie in den Gesprächen mit ihren Kunden spürt, dass diese grundsätzlich gerne verreisen wollen. Für all diese Menschen möchte sie da sein und die bestmögliche Lösung finden.

„Sie wollen. Wir wollen. Und wir sind für sie da“, sagt sie und appelliert bei den Reisewilligen daran, sich nicht nur im Reisebüro beraten zu lassen, sondern eine mögliche Reise anschließend auch dort zu buchen. „Ich kann es jedem nur raten. Wir sind in der gesamten Pandemiezeit Ansprechpartner für alle Sorgen, Nöte und Fragen und haben immer alles Menschenmögliche versucht, um zu helfen.“ Dafür habe sie von ihren Kunden bislang auch ein sehr positives Feedback bekommen, welches sie und ihre Kollegen bestärkt, auf diese Art und Weise weiter zu machen.

Ohne Rücklagen geht es nicht mehr

Aber natürlich zehrt die Situation auch bei ihr an mehr als nur den Nerven. Dass ihre Existenz noch nicht direkt in Gefahr ist, liege vor allem an den Rücklagen, die sie in der Vergangenheit habe bilden können. Ohne dieses Polster würde es wohl schon nicht mehr gehen. Außerdem hoffe sie weiter auf Überbrückungshilfen, von denen nach eigenen Angaben „ein bisschen was“ bereits gekommen ist.

So bleibt den Wangener Reisebüros nur, ihre Kunden weiterhin über die bestehenden Möglichkeiten zu beraten und darauf zu hoffen, dass sich die Pandemielage mit dem nahenden Frühling und Sommer weiter verbessert. „Wir haben Hoffnung auf einen Aufschwung und geben auch nicht so schnell auf. Wir wissen aber auch, dass in den nächsten ein bis zwei Monaten Buchungen mit verlässlichen Rahmenbedingungen und Aussagen seitens der Politik möglich sein müssen, um ein Kollabieren der gesamten Reisebranche abzuwenden“, fasst Leona Heine die Situation zusammen.

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