So überzeugt die Festspiel-Premiere in Wangen das Publikum

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Babette Caesar

Peter Raffalt hat sich getraut und die diesjährigen Festspiele Wangen, wie er selbst sagt, nicht mit einem „Schenkelklopfer“ besetzt. Mit dem Klassiker „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist ist ihm und seinem achtköpfigen Ensemble ein Volltreffer gelungen. Das Lustspiel aus Ernst und Tragik unter Einsatz gezielter Komik feierte am Donnerstagabend Premiere im Zunfthauswinkel und konnte das Publikum überzeugen. Mit einem besonderen Bühnenbild und darstellerischen Höhenflügen.

So schwierig der Anfang gewesen sei, die Festspiele haben sich in ihrem neunten Jahr mit ihrer Energie durchgesetzt, bekundete Petra Olschowski als geladene Staatssekretärin für Kultur im Ministerium für Wissenschaft und Kunst des Landes Baden-Württemberg vor Spielbeginn. Sie betonte die besondere Atmosphäre von Freilichtaufführungen und die Chancen, sich an solchen Abenden real statt digital austauschen zu können. Dass die Festspiele jetzt im neunten Jahr definitiv in Wangen angekommen sind, darin waren sich alle einig – Manfred Wolfrum und Christoph Morlok, Vorstände des Vereins Festspiele Wangen, und Oberbürgermeister Michael Lang, der die „großartige Leistung eines kleinen Vereins“ würdigte.

Statt biederer Amtsstube ein luftiger Hochstand

„Aus einer Kleinigkeit so ein Gewebe heraus zu spinnen, das sich vor unseren Augen bald mehr und mehr verwickelt, bald wieder schnell zu lösen scheint“, schrieb Ludwig Tieck dereinst über das Charakterstück, in dessen Mittelpunkt die Rolle des Dorfrichters Adam steht. Dieser, verkörpert von Lukas Kientzler, stolpert und poltert halb angekleidet auf die Bühne. Kopf und Schienbein blutig geschlagen. Wer hier jetzt eine biedere Amtsstube erwartet hat, wurde enttäuscht. Ein gewaltiges, silbrig glänzendes Rohr zieht sich bis hoch zum Wehrgang. Unterhalb aufgestapelte Akten, daneben ein Hochstand, zu erreichen über zwei Leitern. Oben der richterliche Stuhl, darunter das Pult für Schreiberling Licht (Dirk Hermann). Raffalt habe etwas Offenes vorgeschwebt, das die Phantasie der Zuschauer beflügeln soll. Die von Bühnenbildnerin Jenny Schleif inszenierte Architektur erweist sich dabei als überaus funktionstüchtig, wenn im späteren Verlauf sich die Verwicklungen zu überschlagen drohen. Es verspricht eine durchgehende Leichtigkeit bei zunehmender Dramatik. Auf diesen Kontrast setzt die Inszenierung von der ersten Spielminute an. Denn sobald oben vom Wehrgang das von Amadeus Mozart in „Die Zauberflöte“ vertonte Lied „Üb’ immer treu und Redlichkeit“ in zartesten Farben erklingt, rauscht in ohrenbetäubendem Lärm eine Ladung Müll durch das Rohr. Georg Brenner lässt diesen fanfarenartigen, zunehmend disharmonisch gestalteten Effekt immer wieder aufflammen. Denn um nichts weniger als viel verlogenen richterlichen Mist geht es in diesem Stück, das sich im niederländischen Dorf Huisum in der Zeit um 1685 zuträgt. Schauspieler, Bühnenbild und Kostüme (Elke Gattinger) sind derart eng miteinander verzahnt, dass die Frage gar nicht erst aufkommt, ob alt oder neu, ob klassisch oder modern. Beides kommt hierin zur Sprache, wenn Raffalt und Assistentin Magdalena Mikesch sich zwar auf die Kleistsche Ursprungsfassung von 1808 beziehen, diese dann aber zugleich in einen heutigen Kontext rücken, ohne den Bogen zu überspannen.

Dorfrichter Adam ist in seinem Element

Es ist eine große Lust, Kienzler über zwei Stunden lang zu beobachten, wie er sich windet, um seiner Strafe zu entgehen. Wie nicht nur er, sondern alle – sein Gegenspieler Gerichtsrat Walter (Frank Deesz) und die Kläger Frau Marthe Rull (Stefanie Smailes), ihre Tochter Eve (Magdalena Oettl) und ihr Verlobter Ruprecht (Steffen Happel) – das Blaue vom Himmel lügen. Ihr gegenseitiges sich Hintertreiben überzeugt mit einer Dynamik, die kaum noch Luft nach oben bietet. Bei Oettls Rolle der Eve gehe Raffalt das Herz auf angesichts der von ihr dargestellten Naivität gen Schluss, aber genauso in den Szenen aufgeladener Verzweiflung inmitten eines sie negierenden Umfeldes. Fantastisch sind die Schlagabtäusche zwischen Adam und Walter. Wie der eine den anderen einwickelt, ihn bloß stellt, maßregelt, um für den Moment gemeinsame Sache zu machen. Deesz mimt dabei den erst noch loyal erscheinenden Gerichtsrat, während Adam schon lange auf Abwegen in der Handhabung seines Amtes wandelt. Das bekommt er von Frau Marthe um die Ohren geschlagen. Smilies gibt die giftige und ehrversessene, mit null Toleranz ausgestattete Mutter, die Zeter und Mordio schreit, über ihren zerdepperten Krug. „Dass man das Unbedeutende der Sache selbst vergisst“, fuhr Tieck fort. Das erlebten die Zuschauer spätestens nach der Pause mit einem meisterhaft gespielten Adam in seiner horrenden Widersprüchlichkeit aus korruptem Genussmenschen und einsamen Charakter, der sich mit einem saloppen „Verzeiht Ihr Herren, ich bin dann mal weg!“ sein teuflisches Gewand abstreift und jeglicher Verantwortung entzieht. Das, nachdem Zeugin Brigitte (Lesley Jennifer Higl) auf die Barrikaden geht, die missliche Perücke in der Hand, und auspackt. Sympathisch ist er einem durch und durch – trotz und wegen allem – ebenso wie Wagner, der wider Erwarten nichts Menschliches im Schilde führt. Will er doch von Evchen nicht nur ein Küsschen für die 20 Gulden. Großes Kompliment von Raffalt an das Ensemble und kaum endender Applaus von den Zuschauerreihen.

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