Neubau-Bilanz: So leben behinderte Menschen im Herzen Wangens

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 Beim offenen Singtreff waren 18 Teilnehmer dabei.
Beim offenen Singtreff waren 18 Teilnehmer dabei. (Foto: Milena Sontheim)
Milena Sontheim

Severin und Thomas wohnen im neuen St.-Stefanus-Haus der Behindertenhilfe St.-Jakobus im Aumühleweg. Im Juni sind die Beiden mit zwölf weiteren Menschen mit Behinderung von Haslach nach Wangen gezogen. Im Herzen der Stadt können sie ein selbstbestimmtes, betreutes Leben führen. Was die Bewohner an der neuen Heimat schätzen und wie sie sich eingelebt haben, erzählen Severin und Thomas.

Die Bewohner fühlen sich im neuen Haus wohl und sind begeistert, sagt die Mitarbeiterin und Betreuerin Angelika Unfug „Sie wollen ihre neue Heimat allen Besuchern zeigen.“

So wie der 32-jährige Severin, der stolz sein eigenes WG-Zimmer präsentiert. „Wangen ist das Größte, das ich je erlebt habe“, sagt er, während er die Hände in die Luft reisst. Ihm gefalle es hier fantastisch. Seine Leidenschaft für Musik kann er in Wangen im Jugendzentrum Tonne ausleben. Da gibt es manchmal Konzerte und eine Inklusionsdisco, erklärt Unfug.

„Ich gehe gerne einkaufen und bummeln“

Auch Thomas, der sein Alter nicht verraten möchte, ist zufrieden mit der neuen Heimat. Sein Wohnhaus liegt jetzt stadtnah, so dass er schnell und einfach einkaufen kann, wenn er seinen Lieblingskuchen, die Donauwelle, backen möchte. „Ich gehe gerne einkaufen und bummeln“, erzählt er.

„Das neue Wohnhaus sollte dazu führen, dass die Menschen was vom Stadtleben haben“, sagt Unfug. Vor allem am Wochenende können Bewohner an Veranstaltungen in Wangen teilnehmen. Laut Unfug gehen die Menschen jetzt zu Fußballspielen, auf Konzerte oder integrieren sich im Sportangebot der MTG. Weder abgeschottet noch ausgeschlossen von der Gesellschaft sollen die Bewohner ein normales, selbstbestimmtes Leben führen, sagt Unfug im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“. Das heißt: Die Menschen versorgen sich selbst. Sie gehen morgens um 8 Uhr zur Arbeit und kommen abends um 17 Uhr nach Hause. Sie waschen ihre Wäsche, gehen einkaufen und kochen. „Manche brauchen etwas mehr Unterstützung, manche weniger“, sagt sie.

„Angemesseneres Verhalten als mancher Schüler“

„Uns ist es auch wichtig, dass wir den Menschen mit Behinderung zeigen, wie man in der Gesellschaft lebt“, so Unfug. Die angrenzenden Nachbarn im Aumühleweg hätten die Bewohner positiv aufgenommen. „Unsere Bewohner lernen zwar, dass sie Grenzen respektieren müssen, aber teilweise zeigen sie dennoch ein angemesseneres Verhalten als manche Schüler“, erklärt sie.

Die Eröffnung der Außenwohngruppe der St. Jakobus/St. Konrad- Behindertenhilfe in Haslach war bereits im Mai. Seit Juni leben dort 14 Frauen und Männer mit Behinderung zwischen 30 und 69 Jahren. Ein separater Raum im Erdgeschoss dient als inklusiver Treffpunkt für Bürger mit und ohne Behinderung. Es gibt regelmäßig offene Programme, zu denen jedermann eingeladen ist. „Die inklusive Beteiligung der Bürger fängt so langsam an“, sagt Unfug. „Fast ein halbes Jahr nach dem Einzug werden die Projekte bekannter in der Öffentlichkeit.“ Eines davon ist beispielsweise der offene Singtreff von Anita Diatta. Sie leitet einmal im Monat das gemeinsame Musizieren. „Bisher waren auch immer Menschen ohne Behinderung dabei“, sagt sie. Meistens seien es ungefähr zwei – aber nicht immer dieselben. Man sollte Geduld und viel Offenheit mitbringen, sagt sie. „Es kommt aber ganz gut an.“ Die Bewohner machen es auswärtigen Besuchern leicht, weil sie sich sehr freuen und ziemlich offen seien.

Kein Bus mehr nötig

Diatta arbeitet seit 30 Jahren für die Einrichtung und sie findet, dass die Bewohner in der neuen Lage selbstständiger leben als zuvor. Dass die Menschen nicht mehr auf die Busverbindung in Haslach angewiesen sind, „die immer schlechter als besser wurde“, verbessert die Freizeitgestaltung enorm, so Diatta.

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