Das Drama nach der Tragödie: Familie hat bei Brand in Leupolz fast alles verloren

 Markus Stemmer steht vor den Resten seines einstigen Wohnhauses in Leupolz. Derzeit weiß die Familie des Leupolzer Ortschaftsra
Markus Stemmer steht vor den Resten seines einstigen Wohnhauses in Leupolz. Derzeit weiß die Familie des Leupolzer Ortschaftsrates nicht, wie es weitergehen soll und wird. (Foto: Susi Weber)
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Handys, Brillen, ein Teil der Autoschlüssel, der Geldbeutel der Mutter und das, was sie am Leib trugen: Das ist alles, was Familie Stemmer noch geblieben ist. Alles andere wurde vergangene Woche am frühen Montagmorgen ein Raub der Flammen. Bei dem Großbrand in Leupolz verlor die Familie Hab und Gut, und ihr Zuhause. Jetzt ist sie dringend auf Hilfe angewiesen.

Video Brand Leupolz

Mit einem freudigen „Miau“ begrüßt Mino ihre Familie. „Sie ist eine von drei Katzen, die derzeit von den Nachbarn Futter bekommt“, erzählen Markus und sein Sohn Philipp Stemmer, als sie am Freitagabend das Auto am Parkplatz des Rathauses verlassen. Noch sind sie wenige Meter vom Ort des Grauens entfernt, freuen sich über die Schmuseeinheiten, die Mino mitbringt und einfordert. Vorübergehend wohnen Sylvia und Markus Stemmer mit ihren Söhnen Steffen, Philipp und Jannik bei ihrer Tochter Corinna in Kißlegg und beschäftigen sich von dort aus mit ihrer Zukunft. Noch läuft die Ursachensuche des Brandes durch Sachverständige.

Vor dem Brandhaus stapeln sich verbrannte Möbelreste

Markus Stemmer rückt den Bauzaun, der Unbefugte daran hindert, das Gelände des abgebrannten Gebäudes zu betreten, zur Seite. „Das hier ist noch der beste Teil“, sagt er. Es riecht nach kaltem Rauch. Vor dem Haus stapeln sich Bretter, Dämmmaterial, verbrannte Möbelreste, Brandschutt. Vor der Giebelseite steht das verbrannte Auto des Großvaters. Ein paar verkohlte Dachstuhlbalken recken sich einsam zum Himmel.

Innen ist alles schwarz, das Betreten nach wie vor verboten. Man ahnt das Ausmaß. Auch die Rückseite des ehemaligen Bauernhofes und Markus Stemmers Elternhaus lässt einen unweigerlich an die Kriegsbilder aus der Ukraine denken. Dass überhaupt jemand dieser Katastrophe entkommen ist, grenzt schon fast an ein Wunder.

Der vermeintliche „Starkregen“ war das Prasseln des Feuers

„Ich bin so gegen vier Uhr morgens aufgewacht und dachte, es regnet“, erzählt Steffen Stemmer. Das, was der 26-Jährige im ersten Moment als „Starkregen“ interpretierte, war das Prasseln des Feuers: „Als ich den Rollladen hochzog, standen da schon vier, fünf Meter hohe Flammensäulen.“ Er wählte den Notruf.

Mutter Sylvia, die am Abend zuvor auf dem Sofa eingeschlafen ist, wurde etwa zeitgleich von Hund Enjo geweckt: „Zu diesem Zeitpunkt sind bereits die Funken übers Dach geflogen.“ Alle aufzuwecken, den pflegebedürftigen Großvater anzukleiden und ihn mitsamt Rollator aus dem Haus zu bringen, war gemeinsam mit ihrem 16-jährigen Sohn Jannik ihre Aufgabe.

 Ein Raub der Flammen wurde das Gebäude, hier von der Giebelseite betrachtet, bei dem verheerenden Brand am Montag vergangener W
Ein Raub der Flammen wurde das Gebäude, hier von der Giebelseite betrachtet, bei dem verheerenden Brand am Montag vergangener Woche. (Foto: Susi Weber)

Intuitiv fuhren Steffen Stemmer und seine Eltern ihre Autos weg – bis auf jenes des Opas. Im zehn Kilometer entfernten Kißlegg ging etwa zu dieser Zeit der Piepser der bei den Johannitern ehrenamtlich tätigen Corinna Stemmer herunter: „Ich sah auf dem Display meine Adresse und dachte in dem Moment, dass meine ganze Familie tot ist.“ Tränen. Entsetzen. Schockstarre. Zum Einsatz fuhr eine Kollegin, die der Tochter der Familie versprach, sich sofort zu melden, sobald sie mehr weiß. Erst danach machte sich Corinna Stemmer auf den Weg.

Die Nachbarin gibt ihm ein Paar Schuhe

Auch im Haus der Familie in Leupolz meldeten die Piepser der beim DRK ehrenamtlich tätigen Sylvia und Philipp Stemmer Alarm: „Das hat uns später ein Feuerwehrmann erzählt.“ Die Piepser verbrannten wie ihre DRK-Schutzkleidungen, die Berufskleidung und Schulsachen, Dokumente und überhaupt alles. Wie sehr der Aufbruch aus dem Haus drängte, macht ein Beispiel von Markus Stemmer deutlich: „Ich bin in Schlappen raus. Die Schuhe, die ich jetzt trage, hat mir eine Nachbarin gegeben.“ Eigene besitzt er nicht mehr.

Ein Stück weit Erleichterung machte sich breit, als klar war, dass allen sechs Familienmitgliedern die Flucht nach draußen geglückt ist. Unweigerlich legt Jannik am Freitagabend den Arm um seine Mutter, als sie erzählt und mit den Tränen kämpft: „Wir haben uns erst einmal auf eine nahe Bank gesetzt und ich habe nur gedacht: Jetzt ist auch das noch weg und das noch weg. Es sind Gefühle, die man nicht wiedergeben kann.“

Gehofft, dass sich „noch irgendwas verheben“ lässt

Markus Stemmer hatte zu dieser Zeit noch Hoffnung, dass sich „noch irgendwas verheben“ ließe. Doch als die zweite Drehleiter aus Leutkirch bereits hinter dem Haus löschte, rollte ein Feuerball über das Haus: „Da habe ich verstanden, auch dieser Teil des Hauses ist verloren. Es war wie in einem schlechten Film.“

Seither ist nichts mehr, wie es war. Versicherung, Sachverständige, auch die immer in solchen Fällen ermittelnde Kriminalpolizei, die Bestellung eines Baggers und von Containern für den Teilabbruch, und, und, und – ein Termin jagt den nächsten. „Es gibt aber auch viele, die dich drücken wollen. Man kommt nicht zum Runterfahren, steht ständig unter Strom“, sagt Sylvia Stemmer.

Am Mittwoch durfte die Familie nach Freigabe zumindest in die Wohnung des Großvaters: „Wir haben noch Gläser, Geschirr und Besteck herausgeholt. Auch die Nachbarn sind gekommen und haben geholfen.“ Ob der „gerettete“ Schrank noch brauchbar sein wird, ist momentan nicht klar: „Wir haben beispielsweise noch Bau-Dokumente gefunden, sie mit nach Kißlegg genommen und im Hausgang von Corinnas Wohnung ausgelegt“, erzählt Sylvia Stemmer. Auch dort hat der Brandgeruch daraufhin Einzug gehalten. „Es ist etwas, was einen verfolgt. Sobald ich mit dem Hund spazieren gehe und Kamingeruch in die Nase bekomme, rast mein Herz.“

Familie will nach Leupolz zurückkehren

Am Samstag hat der Familienrat getagt, sich darüber ausgetauscht, wie es weitergehen soll. Langfristig möchte die Familie, einschließlich Großvater, wieder zurück nach Leupolz, auch wenn der Wiederaufbau mit Sicherheit zwei Jahre dauern wird. Erst einmal werden Eltern und Kinder in ein Ferienhaus zur Überbrückung ziehen. Der Opa, der zwischenzeitlich bei seiner Tochter gewohnt hat und dort stürzte, ist vorerst noch im Krankenhaus.

Gesamter Hausrat muss neu angeschafft werden

Was die Familie deutlich bewegt, ist die ungewisse Zukunft. Sie hatte keine Hausratversicherung und ist daher auf die Unterstützung anderer angewiesen. Benötigt wird ein gesamter Hausstand, angefangen von Möbeln bis hin zu Töpfen oder anderen Küchenutensilien. Das Rathaus hat der Familie in Leupolz einen Raum zur Verfügung gestellt, in dem sie die gespendeten Utensilien unterstellen kann, bis hoffentlich bald etwas Längerfristiges gefunden ist.

Die „Schwäbische Zeitung“ sammelt unter der E-Mail-Adresse susi.weber@schwaebische.de oder der Telefonnummer 07522/9168246 Angebote und leitet sie an die Familie Stemmer weiter.

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