Leo Hiemer erzählt die Geschichte von Gabi, die mit sechs Jahren in Auschwitz stirbt

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 Hinter dem Autor Leo Hiemer sieht man das letzte Bild der kleinen Gabi. Im Kornhaus Wangen hat Hiemer sein Buch „Gabi (1937 bis
Hinter dem Autor Leo Hiemer sieht man das letzte Bild der kleinen Gabi. Im Kornhaus Wangen hat Hiemer sein Buch „Gabi (1937 bis 1943) – geboren im Allgäu, gestorben in Ausschwitz“ vorgestellt. (Foto: Claudia Bischofberger)
Claudia Bischofberger

Am Ende ist die große Betroffenheit der zahlreich erschienenen Besucher in der Bücherei im Kornhaus in Wangen zu spüren. Der Autor und Regisseur Leo Hiemer las ihnen gerade Ausschnitte aus seinem Buch „Gabi – geboren im Allgäu, ermordet in Auschwitz“ vor. Darin geht es um das Schicksal eines Mädchens, das mit sechs Jahren dem Naziregime zum Opfer fiel.

Es waren Millionen Unschuldige, die wegen ihrer Herkunft und ihrer Religion dem menschenverachtenden Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Leo Hiemer gibt einem dieser Menschen ein Gesicht, einen Namen und ein Schicksal. „Ich habe eine Geschichte zu erzählen“, beginnt Hiemer in seinem Vorwort. Viele Jahre, ja fast sein halbes Leben lang, hat Hiemer recherchiert, Dokumente gesammelt und mit Zeitzeugen gesprochen. Sein mehr als 400 Seiten starkes Buch enthält neben den sorgfältig recherchierten Berichten auch zahlreiche Bilder und Dokumente, die die Ereignisse und das Schicksal der kleinen Gabi belegen.

1936 wird die Jüdin Lotte Schwarz aus Augsburg von einem Mann, dessen Namen sie nie bekanntgab, schwanger. Sie geht völlig auf sich allein gestellt nach Marktoberdorf und kommt dort bei der ehemaligen Haushaltshilfe ihrer Eltern, Rosalia Häringer unter. Ihre kleine Gabi erblickte am 24. Mai 1937 das Licht der Welt. Wie schon Lotte kurz vor der Geburt wurde auch das kleine Mädchen katholisch getauft. Da Gabi aber ein uneheliches Kind war, musste sie den Geburtsnamen ihrer Mutter annehmen und hieß Gabriele Schwarz. Nach Inkrafttreten der „Nürnberger Gesetze“ im Jahr 1935 waren jedwede körperlichen Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden verboten. Da Lotte den Vater nicht preisgibt, gilt Gabi als „Volljüdin“. In ihrer Geburtsurkunde bekommt sie den Zweitnamen Sara.

Als Gabi erst drei Wochen alt ist, kommt sie auf den Aichele-Hof in Stiefenhofen. Dort wird sie von Therese und Josef Aichele als Pflegekind aufgenommen. Sie lieben die kleine Gabi, wie ihr eigenes Kind. Mutter Lotte geht schon bald ins Ausland. Ihr Versuch, Gabi später nach England zu retten, scheiterte mit Beginn des Zweiten Weltkriegs. 1941 wird Lotte selbst verhaftet und ein Jahr später ermordet.

Der Sommer 1942 soll für Gabi der schönste ihres Lebens werden – und der letzte. Im Rahmen der „Kinderlandverschickung“ kommt die siebenjährige Elisabeth Walch aus Augsburg, genannt Elise, auf den Hof der Aicheles. Die beiden Mädchen verbringen einen unbeschwerten Sommer auf dem Lande. Mit der Viehscheid heißt es dann Abschied nehmen. Elise muss zurück nach Augsburg.

Kurz danach entdeckt Landrat Ferdinand Waller auf der Karteikarte von Gabriele Sara Schwarz ein großes rotes „J“. Er ordnet an, das Mädchen unverzüglich abholen zu lassen. „Ob Bürgermeister Seelos Genugtuung darüber empfindet, dass der ,Fremdkörper’ endlich aus der Gemeinde entfernt wird“, schreibt Leo Himer in seinem Buch. Jedenfalls führt ihn der nächste Weg zum Aichele-Hof. Die Familie ist entsetzt und kann es nicht fassen. Dennoch holt Josef Aichele einen kleinen Koffer und füllt ihn mit Gabis Lieblingssachen. „Gell Mama, Du betest für mich, und ich bete für Euch“, soll die kleine Gabi vor ihrer Abfahrt noch zu ihrer Pflegemutter Therese gesagt haben. Alle Rettungsversuche Gabi zurückzuholen scheitern. „Gabi ist fort. Der Zug ist abgefahren, wir wissen nicht wohin“, war die Meldung nach Stiefenhofen.

Am 13. März 1943 werden die letzten Münchner Juden ins „Jüdische Sammellager Berg am Laim“ gebracht, das kurz vor der Auflösung steht. Von dort geht es für 220 Menschen, die vom Regime als „klassifizierte Juden“ bezeichnet wurden, weiter nach Auschwitz. Unter ihnen die kleine Gabi. Im neu in Betrieb genommenen Krematorium II verkündet SS-Hauptscharführer Hirsch kurz vor Feierabend, das Sonderkommando müsse noch im Krematorium bleiben. „Es gibt noch Arbeit.“

Mit gerade einmal sechs Jahren stirbt Gabi schließlich im Konzentrationslager in Auschwitz.

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