Krankenhaus-Debatte: Was der ehemalige Wangener Gynäkologie-Chefarzt rät

 Andreas Grüneberger war lange Chefarzt der Frauenklinik am Wangener OSK-Krankenhaus.
Andreas Grüneberger war lange Chefarzt der Frauenklinik am Wangener OSK-Krankenhaus. (Foto: Susi Weber)
Redaktionssekretariat

25 Jahre lang ist Professor Andreas Grüneberger Chefarzt der Wangener Frauenklinik an der Oberschwabenklinik gewesen. Mit ihm hat sich die Schwäbische.de darüber unterhalten, wie er die derzeitige Lage einschätzt und warum er nicht nur die Gynäkologie und Geburtshilfe, sondern auch die Allgemeinchirurgie für das Wangener Klinikum als absolut erhaltenswert erachtet. Zudem gibt er eine Einschätzungen zu möglichen bundespolitischen Veränderungen. Sein Rat an die Entscheidungsträger des Kreistags: „Erst einmal abwarten!“

Herr Grüneberger, wie ist denn grundsätzlich Ihre Haltung zum Wangener Krankenhaus und Ihre Einschätzung zu seiner Zukunft?

Andreas Grüneberger: Nicht nur mich, auch das Personal und die Bevölkerung macht die mögliche Schließung des Westallgäu-Klinikums betroffen. Das Personal dort behandelt nach meinem Dafürhalten jeden Patienten so, als würde es sich um einen eigenen Verwandten handeln. Ich fände es sehr schade, wenn das Wangener Krankenhaus, auch in Teilen, wegfallen würde. Zu Beginn meiner Tätigkeit 1987 gab es bei uns in der Region mit Lindenberg, Lindau, Tettnang, Isny, Leutkirch und Bad Waldsee in der Region noch sieben Geburtshilfen. Heute sind es mit Lindau, Tettnang und Wangen gerade noch drei, bei Zweien mit ungewissem Ausgang. Ich glaube aber nicht mehr, dass Wangen als Grund- und Regelversorger einschließlich Gynäkologie und Geburtshilfe tatsächlich geschlossen wird. Das BAB-Gutachten lässt meinem Eindruck nach viele Türen offen.

Dennoch bemängeln Sie am vom Kreistag in Auftrag gegebenen Gutachten des BAB-Instituts, dass es sich auch teilweise widerspricht. Wo denn zum Beispiel?

Das Gutachten kommt einerseits zum Ergebnis, dass der Marktanteil im Bereich Frauenklinik nach Einschätzung des Instituts in der dezidierten Versorgungsregion gering sei, andererseits sagt es, dass das Angebot an geburtshilfreichen Leistungen mit 800 Geburten 2021 grundsätzlich durchaus ein relevanter Versorgungsteil sei. Ja, wie jetzt?

Was genau stellen Sie am Gutachten in Frage?

Die Einschätzung, andere Geburtshilfen können Wangen mit 800 Geburten ersetzen, ist für mich nicht nachvollziehbar. Tettnang schließt eventuell, Lindau ist – mit um die 400 Geburten im Jahr – viel zu klein, als dass es sehr viel auffangen könnte. Die Kliniken in Ravensburg und Memmingen sind zu drei Tageszeiten im allerbesten Fall in einer Fahrzeit von 28 beziehungsweise 34 Minuten erreichbar. Meist sind es allerdings 32 und 45 Minuten – und dies auch nur außerhalb der Ferienzeit und ohne Schneelage. Diese Fahrzeit ist viel zu lange.

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund empfiehlt – auf die Größe von Wangen für die regionale Versorgung bezogen – für die Innere Medizin, die Chirurgie, Gynäkologie und Pädiatrie, dass 90 Prozent der Bevölkerung das regionale Zentrum innerhalb von 20 Minuten erreichen können. Genau das sehen im Übrigen auch die Pläne für die Krankenhausreform in Nordrhein-Westfalen vor. Der Marburger Bund spricht sich auch für eine, so wörtlich, „auskömmliche Finanzierung für Pädiatrie, Notfallversorgung und Geburtshilfe“ aus. Das ist auch absolut richtig so.

Auch aus anderen Gründen bemängeln Sie lange Fahrstrecken…

Ja, ich halte sie für die gebärenden Frauen nicht für zumutbar. Warum? Die gefährlichste Zeit für Mutter und Kind beginnt mit den Wehen, dem Beginn der Geburt. In dieser Zeit ist es möglich, dass die Herztöne des Kindes schlechter werden, was mit den entsprechenden Gerätschaften im Krankenhaus schnell feststellbar ist. Als Facharzt am Krankenhaus muss man immer, auch an Sonntagen oder an Weihnachten, innerhalb von zehn Minuten am Kreißbett sein. Aus guten Gründen. Wie kann es da sein, dass eine Frau schon mehr als eine halbe Stunde benötigt, um überhaupt in ein Krankenhaus zu kommen?

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) arbeitet derzeit an Plänen zur Krankenhaus-Reform. Was ist da zu erwarten?

Lauterbach hat eine Kommission mit 15 Wissenschaftlern, darunter Gesundheitsökonomen, Juristen, Betriebswirten, auch einem Mitglied der Ethik-Kommission, gegründet. Nicht mit dabei sind Lobbyisten. Die Kommission arbeitet derzeit an einem Entwurf, der voraussichtlich Ende Mai vorgestellt wird. Ziel ist, dass der Bund die Versorgungsgüte im Gesundheitswesen steigern und eine größere Rolle dabei spielen möchte. Angekündigt ist auch eine Veränderung der diagnosebezogenen Fallpauschalen. Sie stammen noch aus der Seehofer-Zeit (Anm. d. Red: CDU-Gesundheitsminister 1992/93).

Die Fallpauschalen sind nicht analog zu den Löhnen gestiegen und die Erlöse daraus zu gering. Mit einfachen Leistungen kann kein Krankenhaus überleben, es braucht kompliziertere Fälle. Auch Lauterbach hat gesagt, dass die Fallpauschalen in vielen Fällen nicht ausreichen. Das bisherige System soll durch ein differenziertes System erlösunabhängiger Vorhaltepauschalen ergänzt werden. Kleinere Kliniken erhielten dann für ihre Arbeit mehr Geld und/oder auch einen Sockelbetrag für das Personal.

Das hieße auch, dass sich für das Westallgäu-Klinikum einiges zum Besseren wenden könnte…

Ja, durchaus. Was deutlich gesagt werden muss, ist, dass sich Lauterbachs Pläne, die Empfehlung des Marburger Bundes und die Pläne für die Krankenhausreform in NRW sehr ähneln – und alle drei nicht Basis des BAB-Gutachtens waren, da sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt gewesen sind. Zumindest Lauterbachs geplante Reform sollten die Kreisräte meiner Meinung nach in jedem Fall abwarten und erst danach entscheiden.

Trotzdem sollten wir noch kurz den Blick über die Landesgrenze und auf das Krankenhaus in Lindau wagen…

In Lindau hilft das Land Bayern jährlich mit 1,2 Millionen Euro und Stadt und Landkreis mit zusätzlichen 200 000 Euro. Einfach zur Daseinsvorsorge. In Baden-Württemberg bezahlt das Land nicht die notwendigen Investitionskosten. Sie müssen von den Kliniken erwirtschaftet werden.

Sehen Sie dennoch auch Positives an Veränderungen und was halten Sie von einer Kooperation mit den Fachkliniken?

Ja, man muss dem Landes-Gesundheitsminister Manfred Lucha (Bündnis 90/ Die Grünen) zugutehalten, dass er Weingarten geschlossen hat. Dort gab es tatsächlich eine Doppelstruktur auf nahem Raum, die unnötig ist. Wangen und Ravensburg haben im großen Flächenlandkreis Ravensburg allerdings andere Entfernungen und auch ihre Berechtigung. Eine Zusammenarbeit zwischen OSK und Fachklinik ist meiner Meinung nach längst überfällig. Allein schon wegen des OP-Bereichs.

Sie machen sich nicht nur für den Erhalt der Geburtshilfe, sondern auch für die generelle Grund- und Regelversorgung stark. Warum?

Die Geburtshilfe geht nicht ohne Allgemeinchirurgie. Eine Frauenklinik benötigt für die Operationen im Bauchraum immer wieder die Chirurgie. Gesundheit, Sicherheit durch Rettung, die Polizei oder Feuerwehr gehören zu den wichtigsten, menschlichen Grundbedürfnissen und sind Teil der Daseinsvorsorge. Das muss berücksichtigt werden.

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