Immer mehr haben verstanden – leider immer noch nicht alle

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 Jan Peter Steppat
Jan Peter Steppat (Foto: bee)
Schwäbische Zeitung

Zwei, vielleicht drei Jahre ist es her, da löste der Frühling von einem Tag auf den anderen den langen Winter ab. Es war ein herrlicher, sonniger Tag. Die Menschen schwärmten aus, füllten Plätze und Straßen, machten es sich in den Außengastronomien gemütlich, gingen spazieren oder fuhren Rad. Es war ein Sonntag, an den ich mich gut und gern erinnere, weil meine Familie und ich selbst mit dem Drahtesel in Wangens Umgebung unterwegs waren.

Es ist Krisenzeit

Heute denke ich an den Tag besonders häufig zurück. Denn das Wetter ist seit Tagen endlich wieder schön, und eigentlich müsste es so sein wie an jenem Sonntag. Doch stattdessen: Straßen, Plätze, Wege, Spielplätze und Wiesen haben sich in dieser Woche zusehends geleert, immer weniger Menschen sind unterwegs. Und die wenigen, die man sieht, sollten triftige Gründe dafür haben. Denn es ist die Zeit der Corona-Krise.

Doch haben das wirklich schon alle begriffen? Sicher, die Mehrheit von uns garantiert, siehe die beschriebene und zusehends deutlicher werdende Leere. Aber eben nicht alle – leider. Und gerade das ist in Zeiten des hochansteckenden Virus’ gefährlich.

Menschlich nachvollziehbar – leider falsch

Es sind also tatsächlich immer noch Menschen anzutreffen, die ganz offensichtlich nicht nur Dringliches zu erledigen haben, sondern anschließend noch zum Plausch mit Freunden und Bekannten beisammen sitzen, zu oft auch dicht an dicht. Das ist menschlich zwar absolut nachvollziehbar und wäre ihnen in normalen Zeiten von Herzen zu gönnen. Doch es sind keine normalen Zeiten, es herrscht Krise. Und in der lautet das oberste Gebot: Bleibt möglichst daheim! Und wer doch unterwegs ist oder sein muss, sollte Abstand wahren. Auch zu jenen, die einem sympathisch oder lieb sind, so bitter das ist.

Jeder Einzelne ist gefragt

Es ist also das Handeln jedes Einzelnen gefragt, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren und die Verbreitung des Coronavirus’ zumindest hinauszuzögern. Das gilt auch für jene, die in den vergangenen Tagen noch ein Schlupfloch zwischen den Paragrafen eilig gestrickter Rechtsverordnungen gefunden haben, um ihr Angebot aufrecht erhalten zu können. Die Rede ist von zwei Eisdielen, eine in Wangen und eine in Kißlegg, die öffneten, obwohl ihre Betriebe genauso zu schließen hatten wie zum Beispiel Büchereien oder Bäder. Allerdings fielen sie unter einen besonderen Paragrafen, der verschiedene Auslegungen zuließ. Ausnahmen für sie zuließ.

Logisch: Mit dem am Freitag vom Land verhängten und ab Samstag geltenden kompletten Öffnungsverbot für Gaststätten hat sich dieses Thema erledigt. Dennoch sorgte es in den vergangenen Tagen nicht nur im Netz für jede Menge Aufregung.

Verzicht wäre besser gewesen

Einerseits mag man die Betreiber gern verstehen: Sie ächzen unter den Einschränkungen und bangen um ihre wirtschaftliche Existenz – wie so viele kleinere und kleine Geschäftsleute. Anderseits ist zumindest der Kern der Kritik an ihnen völlig berechtigt. Denn wo jeder Einzelne zum Handeln aufgefordert ist, gilt dies auch für sie. Zumal sie noch mehr in der Verantwortung stehen: Denn wer Angebote zum Verweilen und Genießen schafft, sorgt dafür, dass Menschen zusammenkommen. Der – sicherlich schmerzhafte – Verzicht wäre die bessere Lösung gewesen. Menschen zum Zusammenkommen einladen ist in diesen Zeiten fatal.

„Es geht um Größeres“ – eben!

Die Stadt Wangen – gerade in der derzeitigen Krise mit Augenmaß agierend und durch eine offene Informationspolitik bestechend – hat in diesem Fall nicht die allerbeste Figur abgegeben. Sie hätte schnell eine klare Linie vorgeben müssen – sich widersprechenden Paragrafen zum Trotz.

OB Lang will das Thema nicht zu hoch gehängt wissen. Er sagt: „Es geht nicht um eine Kugel Eis, es geht um Größeres.“ Eben drum! Und deshalb sind die Eisdielen nur ein Lehrbeispiel für die kommenden Wochen oder möglicherweise Monate.

In diesem Sinn: Bleiben Sie gesund – und möglichst daheim!

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