Genaues Alter von St. Martin bleibt offen

Lesedauer: 5 Min
 Die Geschichte des Wangener Wahrzeichens ist noch nicht vollständig ergründet.
Die Geschichte des Wangener Wahrzeichens ist noch nicht vollständig ergründet. (Foto: Archiv: Joachim Dempe)
Schwäbische Zeitung

Beim Tag des offenen Denkmals am vergangenen Wochenende hat Wangens Ortsheimatpfleger Stephan Wiltsche den zahlreich erschienenen Besuchern in seinem Vortrag einen tiefen Einblick in die Kirchengeschichte von St. Martin gegeben. Der mehr als 1000 Jahre alte Sakralbau wird momentan saniert und renoviert.

Zur Kirchengeschichte von St. Martin wisse man nicht viel, so Wiltsche in seinem Vortrag, da vieles liege noch im Dunkeln liege. Das Patrozinium weise auf eine fränkische Gründung und fränkisches Königsgut hin. 815 wird St. Martin erstmals in einer St. Gallener Urkunde erwähnt, ein erster Kirchenbau dürfte daher schon früher vorhanden gewesen sein.

Stephan Wiltsche erklärt, dass Kirchen im Bau normalerweise immer am Patronatstag nach Osten (Jerusalem) ausgerichtet wurden, doch keine Kirche ganz genau auf Jerusalem ausgerichtet sei. Die Abweichung St. Martin in Wangen belaufe sich auf 16 bis 18 Grad. Solche Abweichungen könnten Aufschlüsse zu Errichtungszeiträumen der Kirchen geben. So würde die Ostung der Martinskirche auf 15. August 600 bis 700 nach julianischer Zeitrechnung hindeuten.

Die letzte Generalsanierung der Kirche habe 1981/82 stattgefunden - doch leider sei diese teilweise mit derart brachialer Gewalt ausgeführt worden, dass historische Auswertungen unmöglich wurden. Aus dieser Zeit existieren lediglich 34 Bilder des Denkmalamts, das erst im Laufe eines fortgeschrittenen Bauabschnitts begonnen hatte. Vermutlich ist laut Wiltsche einiges aufschlussreiches unter den bereits fertig gestellten Arbeiten verborgen geblieben. Bei Grabungen haben man alte Bandfundamente gefunden und vermutlich wären bei tieferen Grabungen sogar noch Holzfundamente oder ähnliches zum Vorschein gekommen. Auch die gefundenen Streifenfundamente wiesen auf eine sehr alte Kirche hin.

Beim Vergleich der Architektonik müsse St. Martin laut Wiltsche aufgrund vom Alter mit gallischen Kirchen verglichen werden. Er zeigte die allgemeine Entwicklung dieser Gebäude aus dem 8. und 9. Jahrhundert wie beispielsweise St. Gotthart. So dürfte auch St. Martin bereits einen Marienaltar und Kapellenmalungen besessen haben.

1386 sei der Turm neu errichtet errichtet worden und ersetzte den wesentlich kleineren Viereckschor. Der Chorraum stelle damit einen sichtbaren Umbruch in Kunst und Architektur von der Romanik hin zur Gotik dar. Die Balken im Dachstuhl blieben erhalten. Auch die Putzkanten eines romanischen Daches sind noch vorhanden. Der Kirchturm, auch „Wendelstein“ genannt, war in der ursprünglichen Befestigungsgeschichte ein zentraler Eckpunkt der Verteidigungslinien. Es wird heute vermutet, dass der Kellhof insgesamt als geschützer Bereich hochgezogen wurde, um vor Einfällen gefriedet zu sein.

Die ganze Kirche sei nicht symmetrisch, da immer wieder Änderungen vorgenommen werden mussten. Laut Wiltsche seien Abweichungen von bis zu 1,20 Meter feststellbar. Die Kirche musste erweitert werden, um Platz zu schaffen, denn auch rund 100 Bürger kam ein Pfarrer. Aus dieser Zeit seien auch alte Chorgesänge vorhanden. 1468 wurde die Kirche denn auf ihre volle Größe gebracht und hatte einen um 15 Meter höheren Kirchturm als heute. Einen sehr guten Einblick in die Baugeschichte der Kirche stellt die Rauch’sche Stadtansicht von 1611 dar. Darin ist eine alte Rüstkammer zu erkennen, die später auf den Turm aufgebaut wurde. Die Kirche hatte damals noch kein Seitenschiff. Die maßstabsgetreue Darstellung von Rauch stimme zudem mit heutigen Messungen nahezu exakt überein. Bei der Verbreiterung der Kirche mussten die Wände um 1,80 Meter angehoben werden, um die Fenster einzubringen, die Seitenschiffe entstanden.

Aufgrund eines Blitzeinschlages im Jahre 1739 kam St. Martin zur heutigen barocken Haube. 1843 wurde die Kirche schließlich auf ihre komplette Breite gebracht. In dieser Zeit wurden die Altäre „rausgeworfen“, der Zürn-Altar gar vernichtet, weil dieser damals nicht modern waren. Vermutlich fand in dieser Zeit der Anbau der Sakristei statt, die damals noch offen war.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen