Endspurt bei der Reaktivierung des NTW-Wasserkraftwerks

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Der Hochwasserdamm im Überblick: Die großen Steinbrocken (rechts) kommen nach der Baustelle wieder weg. Trotz Abzwackung müssen
Der Hochwasserdamm im Überblick: Die großen Steinbrocken (rechts) kommen nach der Baustelle wieder weg. Trotz Abzwackung müssen mindestens 800 Liter Wasser pro Sekunde in die Argen fließen. (Foto: Milena Sontheim)
Milena Sontheim

Nach 20 Jahren, einer Verzögerung beim Bau und höheren Kosten produziert das Wasserkraftwerk auf dem ehemaligen NTW-Areal in zwei Monaten wieder Strom. Im Februar soll die erste Kilowattstunde eingespeist werden. Stadtwerke-Leiter Urs Geuppert und OB Michael Lang haben Bürger am Montagnachmittag über die Baustelle geführt.

Vor 20 Jahren hat ein Hochwasser das NTW-Wasserkraftwerk zerstört – jetzt ist die Reaktivierung der Anlage nach neun Jahren Planung und Bau in der Endphase. Oberbürgermeister Lang blickt bei der Baustellenführung zurück: „Nach vielen Gesprächen mit dem ehemaligen Geschäftsführer der NTW und Behörden über Wasserrechte konnte die Stadt Wangen Ende 2012 die Anlage erwerben.“ Das ehemals brachliegende Werk neben dem Herzstück für die Landesgartenschau, wie Lang das Grundstück nennt, habe damals rund eine Millionen Euro gekostet. Dazu kommt bis zur Wiederinbetriebnahme eine Investitionssumme von 3,5 Millionen Euro.

Die Kosten seien am Ende höher als geplant gewesen, weil „es schwierig war, Firmen für den Rohbau zu finden“, sagt Geuppert. Bei der ersten Ausschreibung hätte nur eine Firma ein Angebot abgegeben. Denn: „Bauen im und am Gewässer ist schwierig“, sagt er. Für diesen Spezialtiefbau sei nicht jede Firma qualifiziert. Deshalb habe es eine Verzögerung gegeben.

Auf dem Weg zur Epplingser Wehr sind die aufmerksamen Zuhörer am Kanal zwischen Wehr und Argenbrücke entlang spaziert. „Dort wurde die letzten Wochen der oberirdische Bachlauf angelegt“, sagt Geuppert. Wieso der kerzengerade verlaufe, fragt sich nicht nur eine Bürgerin bei der Begehung. Das Denkmalamt habe bei der Angelegenheit mitgeredet, sagt Geuppert. „Unser erster Plan eines geschwungenen Gewässers wurde abgelehnt.“ Man müsse den linearen Verlauf des Gewässers erhalten, da es ein Industriedenkmal ist.

Die Meinungen darüber sind einvernehmlich. „Besonders hübsch ist es nicht“, findet auch Geuppert. Um das zu kaschieren und damit zugleich eine ökologische Ausgleichsmaßnahme zu schaffen, werden am Bachrand Böschungen, Bäume und eine Streuwiese angepflanzt, die nur ein bis zwei Mal pro Jahr extensiv bewirtschaftet werde. „Der öffentliche Weg wird noch aufgeschottert“, so der Leiter der Stadtwerke.

800 Liter pro Sekunde müssen in die Argen fließen

Am Staudamm angekommen sieht man das jüngste Bauteil des Wasserkraftwerks – der sogenannte Stauschlauch ist kurz vor Weihnachten eingebaut worden. „Die Gummimembran kann je nach Bedarf aufgepumpt werden, damit Wasser in den Kanal fließt.“ Bei Hochwasser sei das nicht nötig. Da laufe es von selbst in den Kanal. Trotz Wasserentnahme „geht die Argen immer vor“, sagt Geuppert. Deshalb müssen nach rechtlichen Vorschriften 800 Liter pro Sekunde in die Argen fließen. Wenn es in heißen Monaten mal zu wenig Wasser gebe, dann werde das Kraftwerk abgeschaltet. „Das sind schätzungsweise 20 bis 30 Stillstandstage pro Jahr.“

Wie viel Wasser in die Rohrleitungen und schließlich in die Turbine kommt, regelt das Einlaufbauwerk. Die Elektrik und Hydraulik wird beim Hochwasserdamm in einen Art Regulierschrank eingebaut. „Das sieht dann aus wie eine kleine Garage“, so Geuppert. Wie der Wasserdurchfluss gemessen wird? „Auf einem Außendisplay kann künftig jeder den Stauspiegel ablesen.“ Die Steuerschächte mit Pumpen und Rechenschieber werden laut Geuppert ebenfalls als nächstes fertiggestellt. Der Fischaufstieg und Fischabstieg werde voraussichtlich im Frühjahr abgeschlossen.

1,8 Millionen Kilowattstunden an erneuerbarer Energie pro Jahr

Weiter führte die Baustellentour zum eigentlichen Haus, in dem der Strom erzeugt wird. Die Turbine im Krafthaus ist schon eingebaut. Direkt darüber wird bald der Generator eingebaut. Der werde laut Geuppert Mitte Januar geliefert. „Ziemlich optimistisch“, hört man aus den Reihen der rund 60 Interessierten bei der Führung. „Einen Monat hin oder her macht jetzt auch nichts mehr aus, denn das Kraftwerk ist in 40 Jahren amortisiert“, sagt Geuppert dazu. Die doppelt geregelte Turbine sei die gleiche, wie bereits auf dem Erbegelände eingebaut wurde. „Sie sieht aus wie ein Schiffpropeller mit fünf Flügeln“, sagt Geuppert. Als allererstes werde aber noch das Saugrohr eingebaut, das sich von der Turbine zum Unterwasserkanal zieht. Das Wasser fließe mit vier Meter pro Sekunde durch den Kanal und werde durch das Saugrohr verlangsamt. Die Außenanlagen sind laut OB „bis zum Sigmannser Straßenfest“ im Sommer fertig.

Voraussichtlich ab Februar produziert das Wasserkraftwerk T4 pro Jahr 1,8 Millionen Kilowattstunden an erneuerbarer Energie, sagt Geuppert. Davon werden 80 Prozent der kommunalen Liegenschaften versorgt. Das macht im Wangener Jahresverbrauch von 120 Millionen Kilowattstunden hochgerechnet circa vier Prozent aus, sagt Lang.

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