Ein „Schmuckstück“ mit viel Charme und Biss

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Babette Caesar

Das französische Autorenduo Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy zählt zu den bekanntesten Dramatikern des Boulevardtheaters. Mehr als 30 Komödien stammen aus ihrer Feder, darunter das überaus erfolgreiche Stück „Die Kaktusblüte“ und nun „Das Schmuckstück“. Mit letzterem gastierte die Badische Landesbühne Bruchsal am Samstagabend in der gut besuchten Stadthalle in Wangen. Die Inszenierung von Carsten Ramm verhandelt unter einer komischen Oberfläche ein ernstes Thema.

Er ist „Herr Wichtigmann“ und schleift seine mindestens genauso wichtigen Kunden bis in die Nacht von einer Bar zur anderen, um die Geschäfte am Laufen zu halten. René Laier spielt diesen unflätigen, immerfort gegen alles und jeden polternden Widerling. Und er lebt die Rolle des Robert Pujol nach Lust und Laune aus. Madame Suzanne (Evelyn Nagel) ist seine Gegenspielerin, die auch nach 30 Ehejahren nicht die Nase voll hat. Über ihren Köpfen rotieren die Regenschirme, die in Roberts Fabrik, an die er durch Einheirat gelangt ist, produziert werden. Im Hintergrund hat Bühnenbildnerin Ines Unser eine Band mit Mario Fadani an Kontrabass und Gitarre, Oliver Taupp am Piano und Lömsch Lehmann an Tenorsaxofon und Klarinette platziert. Ihr Instrumentarium begleitet die von den Darstellern gesungenen Chansons, die dem Stück auch einen Hauch von Musical verleihen.

Deftig startet die morgendliche Szenerie am Frühstückstisch, wenn Dauernörgler Robert seine Madame herumkommandiert. Wenn der vom Papa ungeliebte Sohn Laurent (Tim Tegtmeier) sich zum Joggen aufmacht und Tochter Joelle (Vivien Prahl) kurzerhand die Trennung von ihrem Mann verkündet. Auf der gegenüberliegenden Bühnenhälfte bringt Sekretärin Nadège (Cornelia Heilmann) ihre Schreibmaschine in Anschlag. Und nicht nur das, ist Robert doch ein ausgemachter Schürzenjäger, der kein Pardon kennt. Manchmal fühlt man sich an die Boshaftigkeiten des französischen Komikers Louis de Funès erinnert, wenn sich Robert nach seinem Zusammenbruch sofort wieder in die Seile wirft. Schließlich kann nur er die marode Fabrik, in der zu seinem Verdruss ein Arbeiterstreik tobt, retten. Nur hat er die Rechnung ohne Madame, ohne sein „Schmuckstück“ gemacht. Dieser Wandel vollzieht sich langsam, aber doch mit Nachdruck und treffsicheren Pointen. Zum Lachen komisch ist dieses Stück nicht, geht es doch hinter den Kulissen um ein ernstes Thema. Ist Suzanne, die einer gut situierten bourgeoisen Familie entstammt, wirklich glücklich? Mit diesem Ekelpaket von Mann, der ihr gerade mal die Luft zum Atmen lässt. Nein.

Das Schicksal, der Aufstand in der Fabrik, hilft ihr aus der Misere heraus. Im türkisfarbenen Tüllkleid und behangen mit allem Schmuck, den sie besitzt, macht sie sich auf, die Wogen zu glätten. Albern wirkt das – albern, weil man es im Stillen besser zu wissen glaubt. Doch Suzanne traut sich und steht ihre Frau. Evelyn Nagel meistert dieses über sich hinaus Wachsen vor allem nach der Pause. Nunmehr im adretten Kostüm hält sie die Fäden in der Hand, während Robert nach verlorener Schlacht auf Kur ist. Die Schirme sind nicht mehr Einheitsschwarz, sondern jetzt kommen leuchtend farbige Kollektionen zum Zuge. Doch wäre die Komödie keine Komödie, wenn nicht schon neue Verwicklungen anstünden. In Gestalt von Bürgermeister Maurice Babin (Stefan Holm), der auf Seiten der Gewerkschaften steht und dessen Jugendliebe ausgerechnet Suzanne ist.

Hin und her gehen die Interessenskonflikte, bis sie in einer Versammlung der Anteilseigner an der Fabrik gipfeln. „Wer ist hier der Chef?“, plustert sich Robert auf. „Ich“, kontert Madame, die kurzerhand überstimmt und „ab nach Hause!“ delegiert wird. Suzanne versprüht ihren Charme, mit dem sie alle um den Finger wickelt. Von wegen „Mama muss weg!“, wenn der Arbeiterchor erneut lauthals aus dem Off skandiert. Der Zug ist abgefahren. Sie gewinnt locker die Wahl zur Abgeordneten und damit ein ganz neues Profil. Keine Zeit mehr für den Gatten, der dann doch wieder das letzte Wort hat, wenn Suzanne den Erhalt der Demokratie beschwört – „Moskau hört mit!“, feixt er sich einen.

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