Die Wirtschaft im Raum Wangen setzt auf Vielfalt

Dem Unternehmen AVL SET ist sein erst 2017 fertiggestellter Sitz schon zu klein. Deshalb führt auch dessen Weg zur Erba.
Dem Unternehmen AVL SET ist sein erst 2017 fertiggestellter Sitz schon zu klein. Deshalb führt auch dessen Weg zur Erba. (Foto: AVL SET)
Redaktionsleiter

Wangen und der Region geht es wirtschaftlich gut. Weil dies schon lange der Fall ist, klingt diese Feststellung zunächst wie eine Binsenweisheit.

Die vergangenen Jahre und zwei Jahrzehnte zeigen dennoch eines: einen lang anhaltenden Boom – trotz der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren. Auch gegen die Folgen der aktuellen Pandemie halten die hiesigen Unternehmen momentan stand. Allerdings gibt es auch Probleme.

Zahl der Beschäftigten gewachsen

Die nackten Zahlen lesen sich auf den ersten Blick beeindruckend: Im Jahr 1999 haben 9600 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Wangen gearbeitet. 20 Jahre später sind es 12.400.

In der Stadt beheimatete Unternehmen zahlten im Jahr 1995 an die Stadt Gewerbesteuern in Höhe von 5,9 Millionen Euro. 2019 war mit 17,4 Millionen ein neuer Spitzenwert erreicht worden. Parallel dazu sank die Arbeitslosigkeit, ehe sie kurz vor Beginn der Pandemie eine Zahl von etwa 350 erreichte. Die Quote sank teilweise deutlich unter drei Prozent – ein historisch guter Wert.

Aus diesen Daten lässt sich ablesen: Unternehmen und Menschen in Wangen geht es in großer Mehrzahl wirtschaftlich gut. Und natürlich stehen die Zahlen in einer zunehmend vernetzten und mobilen Welt auch stellvertretend fürs Umland. Die Gründe werden von den Verantwortlichen in den hiesigen Rathäusern immer wieder benannt. Der Raum Wangen ist nicht abhängig von einer einzigen oder wenigen Branchen und schon gar nicht von wenigen Großunternehmen.

Wirtschaftliche Vielfalt hilft gegen Krisen

Stattdessen ist Vielseitigkeit buchstäblich Trumpf. Das bedeutet: Hüstelt ein Unternehmen oder eine Branche, erkrankt nicht gleich die ganze Region wirtschaftlich. Zudem spielen zuletzt kriselnde Bereiche, wie etwa die Automobilindustrie, im Württembergischen Allgäu nur eine untergeordnete Rolle.

Während der weiterhin grassierenden Corona-Pandemie hat sich nach Einschätzung von Wangens Oberbürgermeister Michael Lang zudem die Innovationskraft hiesiger Firmen herausgestellt. Einige von ihnen sattelten kurzerhand bei der Produktion um und erschlossen sich damit neue Geschäftsfelder – beispielsweise in der Herstellung des derzeit von jedem Bürger benötigten Mund-Nasen-Schutzes.

Die Firma Candor zieht bald in das Carderiegebäude im Erba-Areal, der ehemaligen Baumwollspinnerei.
Die Firma Candor zieht bald in das Carderiegebäude im Erba-Areal, der ehemaligen Baumwollspinnerei. (Foto: Rack/bee)

Apropos Corona: Zwar bringen die Folgen der Pandemie auch im Raum Wangen viele Geschäftsleute an die Grenzen ihrer finanziellen Belastbarkeit, vor allem in der Gastronomie und im Handel. Eine Frühjahrsumfrage des Wangener Wirtschaftskreises offenbarte zudem, dass zahlreiche Unternehmen zu diesem Zeitpunkt Kurzarbeit anmelden mussten.

 Arbeitslosenzahlen halten sich in Grenzen

Sicherlich auch deshalb kletterten die Arbeitslosenzahlen nicht in schwindelerregende Höhen, sondern pendelten sich zwischen drei und vier Prozent ein. Dass die Wirtschaft hierzulande weniger leidet als anderswo, ist auch an den kommunalen Gewerbesteuereinnahmen ablesbar. Beispielsweise in Wangen: Die Einnahmequelle sprudelte 2020 nicht mehr so reichlich wie im rekordverdächtigen Vorjahr. Statt der damals erreichten 17,4 Millionen Euro dürften es am Jahresende aber immer noch etwa 14 Millionen sein.

Firmenchefs klagen über Entwicklungshemmnisse

Ist also alles gut in wirtschaftlicher Hinsicht? Vieles ja, aber längst nicht alles. Denn unabhängig von Finanzkrisen und Pandemiefolgen klagen Firmenchefs über Entwicklungshemmnisse – und das hat vor allem mit den in diesem Punkt konträren Zielen wirtschaftlicher Wachstumschancen und dem Maßhalten beim Landschaftsverbrauch zu tun. Im Ergebnis kommt dabei ein deutlicher Mangel an Gewerbeflächen heraus.

Politisch und juristisch eskalierte dieser Streit vor Jahren beim Interkommunalen Gewerbegebiet Waltershofen (Ikowa). Die Planungen werden deshalb gerade neu aufgerollt, Widerstände sind aber erneut erkennbar.

Erba-Gelände als Positivbeispiel

Doch es gibt auch Positivbeispiele, wie Flächen für Industrie und Gewerbe erschlossen werden können: auf bereits bebauten Gebieten oder Brachen. Das Erba-Gelände ist ein gutes Beispiel dafür. Dort entsteht im Zuge der Landesgartenschau 2024 nicht nur quasi ein neues Stadtviertel, in dem Menschen leben. Zugleich ist hier Platz für Firmenansiedlungen. Die beiden wachsenden Hidden Champions AVL SET und Candor haben dort ihren künftigen Platz gefunden.

Noch in ferner Zukunft liegt die Realisierung der Investorenpläne für das ehemals industriell genutzte NTW-Gelände. Dort könnte es ebenfalls Raum für Unternehmensansiedlungen geben – dazu noch in deutlich größeren Dimensionen als in der Erba. Geht es nach den Vorstellungen der Entwickler, soll dort alles bis zur Landesgartenschau in trockenen Tüchern sein. Angesichts eines komplizierten Planungsverfahrens sieht es danach zwar nicht mehr aus. Ganz grundsätzliche Widerstände gegen das Projekt mitsamt der Erschließung der Brunnenwiese für Wohnraum sind bis dato aber nicht erkennbar.

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