Das Wangener Schaudepot nimmt Gestalt an

Lesedauer: 6 Min
Schwäbische Zeitung

Unterstützt wird die Stadt Wangen für ihre Bemühungen mit Fördergeldern der Landesstelle für Museumsbetreuung mit insgesamt 25 000 Euro sowie mit Geldern der EU über das Leader-Projekt „Schaudepot“.

Rund ein Jahr ist vergangen, seit das Haus Titscher in Primisweiler fertiggestellt und als Museumsdepot bezogen wurde. Viel hat sich seither getan, teilt die Stadt mit. Auch das Schaudepot nimmt immer mehr Gestalt an. Ein Besuch.

Wer die Eingangshalle betritt, glaube in einer Allgäuer Stube zu sein. Eine Bank mit Kissen, ein alter Schrank und ein derzeit weihnachtlich geschmückter Tisch laden zum Verweilen ein.

„Wir wollen das Museumsdepot künftig auch Besuchern zeigen. Das heißt, der Vorraum dient dann auch dem Ankommen und der Begrüßung der Gäste“, sagt Irina Leist, die in Diensten der Stadt gemeinsam mit Stadtarchivar Rainer Jensch, Bauhofmitarbeitern und freiwilligen Helfern einen großen Teil der Arbeiten im Depot erledigt.

 Im Quarantäneraum lagern Gegenstände, bevor sie ins Depot genommen werden. So soll gesichert werden, dass keine Schädlinge ins
Im Quarantäneraum lagern Gegenstände, bevor sie ins Depot genommen werden. So soll gesichert werden, dass keine Schädlinge ins Museums-Magazin gelangen. (Foto: Stadt Wangen/Irina Leist)

Der nächste, große Raum im Erdgeschoss wird künftig als Schaudepot dienen. In den Raum sind schmale Zwischenwände eingezogen worden, die drei kleinere Räume voneinander trennen. Dort können laut Stadt künftig Objekte zu unterschiedlichen Themen aus dem Lagerbestand, der sich im ersten Stock des Gebäudes befindet, gezeigt werden.

Dass in diesem Raum auch richtig gearbeitet wird, verrate nicht nur der Computer, an dem die einzelnen Objekte inventarisiert werden können. Zwei dunkle Wände trennen einen geschlossenen Raum vom Schauraum. „Das ist der Schwarzraum. Dort werden neue Gegenstände in Quarantäne genommen und gegebenenfalls behandelt, um Schädlinge zu beseitigen“, sagt Irina Leist. So solle vermieden werden, dass Motten, Silberfischchen oder anderes Getier in das Depot eingeschleppt werden.

Alte Schätze werden schockgefrostet

Besonders glücklich sei die Restauratorin über die von der Landesstelle für Museumsbetreuung geförderte Gefriertruhe, denn sie ermögliche durch Schockfrosten bis minus 45 Grad eine schnelle und nachhaltig wirksame Bearbeitung alter Schätze. Seien sie in einem lagerfähigen Zustand, würden diese mit einer Inventarisierungsnummer und dem zugehörigen Jahr fotografiert und könnten dann ins System eingepflegt werden.

An die 5000 Fotodateien seien so in kurzer Zeit entstanden, allein 2019 seien 2534 Objekte inventarisiert worden. Dabei würden dem Gegenstand möglichst alle bekannten Zusatzinformationen mitgegeben – etwa Herkunft, Entstehung, Künstler oder Nutzen.

Ziel sei es, diese Daten irgendwann online zur Verfügung zu stellen, damit auch andere Museen, interessierte Laien oder Wissenschaftler darauf Zugriff haben können. Ein weiterer Arbeitsraum ist im Erdgeschoss des Gebäudes untergebracht. Derzeit liegt eine der vielen Wangener Schützenscheiben auf dem Tisch, an dem Restauratorin Irina Leist arbeitet.

 Viele Möbel, die in interessanten Wangener Familien und Häusern ihren Dienst taten, sind im Depot gelagert.
Viele Möbel, die in interessanten Wangener Familien und Häusern ihren Dienst taten, sind im Depot gelagert. (Foto: Stadt Wangen/Susanne Müller)

Eine ganze Menge mehr davon hängen im großen Raum im ersten Stock an hohen Gittern und zeigen laut Mitteilung eine große Vielfalt an Motiven, die teilweise städtische Geschichte(n) festhalten. In großen Schränken und auf langen Regalen lagern in der ersten Etage auch unzählige Gegenstände – vom Esszimmerschrank über Spinnräder bis hin zur Mühlsteinzange, mit der die schweren Steine bewegt werden konnten.

In geschlossenen Schränken lagern Gegenstände, die wiederum – auch bei bester Behandlung – Ziel von Schädlingen sein könnten. „Dazu zählen vor allem Stücke aus Stoff oder Leder“, sagt Irina Leist und zieht eine Schublade auf, in der Feuerwehrhelme und Ledergurte lagern. Das Leder in den Helmen könnte befallen werden. Deswegen würden sie eingeschlossen, ebenso wie beispielsweise die Hutschachteln im Schrank nebenan.

 Mit schweren Eisenzangen sind die Mühlsteine bewegt worden.
Mit schweren Eisenzangen sind die Mühlsteine bewegt worden. (Foto: Stadt Wangen/Susanne Müller)

Wer glaubt, nur perfekt erhaltene Stücke würden aufbewahrt, der habe sich getäuscht. Auch ein schadhaftes Objekt könne bleiben, wenn es eine interessante Geschichte zu erzählen hat. Zum Beispiel die Hutschachtel, auf der der Name von Heinrich Isaak vermerkt ist. Dass sich bei „Wangen i. Algäu“ der Druckfehlerteufel eingeschlichen hat, sei dabei nachrangig.

 Die Hutschachtel aus dem Hause Isaak wird aufbewahrt, obwohl sie kaputt ist. Sie ist mit der Geschichte eines Mordes verbunden.
Die Hutschachtel aus dem Hause Isaak wird aufbewahrt, obwohl sie kaputt ist. Sie ist mit der Geschichte eines Mordes verbunden. (Foto: Stadt Wangen/Susanne Müller)

Als Irina Leist und Rainer Jensch überlegten, was mit der Schachtel geschehen sollte, habe der Stadtarchivar nachgeforscht, welche Rolle Heinrich Isaak früher spielte. Tatsächlich sei der Mann in die Wangener Geschichte als Mörder seiner Frau eingegangen.

Er habe auf die am offenen Fenster stehende Frau geschossen, sodass sie in die Tiefe stürzte. Um sicher zu gehen, dass sie aus seinem Leben verschwinden würde, habe er sich mit seiner Waffe aus dem Fenster gelehnt und noch einmal abgedrückt, erzählt Irina Leist. „Durch die Hutschachtel ist die Geschichte mit einem Objekt verbunden und bleibt präsent“, sagt sie.

Unterstützt wird die Stadt Wangen für ihre Bemühungen mit Fördergeldern der Landesstelle für Museumsbetreuung mit insgesamt 25 000 Euro sowie mit Geldern der EU über das Leader-Projekt „Schaudepot“.

Meist gelesen in der Umgebung

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen