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Schwäbische Zeitung

Die Lage im Kampf gegen das Coronavirus hat sich am Montag erneut zugespitzt: Schulen und Kindergärten schlossen, Verwaltungen reagierten mit weiteren Einschränkungen, und die Tafeln für Bedürftige stellen ihren Betrieb ein. Unterdessen kritisieren Lebensmittelhändler das Kundenverhalten – aber es bilden sich auch erste Initiativen zur gegenseitigen Hilfe für besonders Betroffene – so zum Beispiel in Amtzell. Eine Übersicht.

Wie hoch ist der Betreuungsbedarf von Schülern?

Ruhig ist am Montag an Wangener Schulen die Vorbereitung zur Notfallbetreuung von Kindern mit Eltern aus so genannten systemrelevanten Berufen über die Bühne gegangen. Das ergab eine stichpunktartige Befragung der „Schwäbischen Zeitung“. Von einem „geordneten Übergang“ sprach Petra Dreier, Leiterin der Berger-Höhe-Schule. Insgesamt sei für zehn Kinder Bedarf angemeldet worden, für die laufende Woche spricht sie von drei bis fünf. Allerdings glaubt sie, dass sich die Zahl noch erhöhen werde. Die Stadt geht nach ihr gemeldeten Zahlen von einem durchschnittlichen Betreuungsbedarf von zwei bis drei Kindern pro Grundschule aus.

Wangens mit 262 Kindern größte Grundschule auf der Berger Höhe bietet in verschiedenen Modellen Betreuung bis maximal 17 Uhr an. Es haben sich laut Petra Dreier genügend Lehrer zur Betreuung gefunden. Die beinhaltet auch die Bearbeitung der am Montag allen Schülern mit auf den Weg gegebenen Wochenpläne mit Lerninhalten und Aufgaben. Daheim bleibende Kinder beziehungsweise deren Eltern können laut Dreier deshalb per Mail Kontakt zu den Lehrkräften aufnehmen.

Nach einem ähnlichen Lernprinzip verfährt in den nächsten Wochen auch die Realschule, die auf der Homepage entsprechendes Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt hat. Wegen der Betreuung sind laut Schulleiter Heiko Kloos die in Frage kommenden Schüler der Klassenstufen fünf und sechs informiert worden, außerdem habe es ein Rundschreiben an die Elternvertreter gegeben.

„Die Resonanz ist bisher Null“, so Kloos am frühen Montagabend, der damit gerechnet hatte, eine Minigruppe einzurichten. Kloos glaubt, der bislang nicht gegebene Bedarf liegt an den schon älteren und damit selbstständigen Schülern, aber auch an privaten Initiativen in Form von Nachbarschaftshilfen.

Grundsätzlich steht er hinter dem mit der Stadt vereinbarten Prinzip, dass jede Schule selbst eine Notfallbetreuung organisiert – und dies nicht, wie zum Beispiel in Friedrichshafen, zentral über die Stadtverwaltung geregelt werde: „Das ist organisatorisch machbar.“

Und wie sieht es damit an den Kindergärten aus?

Dort haben die Eltern nach Angaben der Stadt ebenfalls „sehr verständnisvoll“ auf die auch dort ab Dienstag geltenden Schließungen bis zum Ende der Osterferien reagiert. Zudem bleibt die Betreuungsnachfrage offenbar ebenfalls überschaubar. Gemäß vorläufigen städtischen Zahlen hätten Eltern von insgesamt 34 Kindern Bedarf angemeldet. Sie beziehen sich – mit Ausnahme von vier – auf alle öffentlichen, kirchlichen oder privaten Einrichtungen. „Spitzenreiter“ seien der Kindergarten Am Gottesacker und die Kita Haid.

Wie steht es mit der Lebensmittelversorgung aus?

Die Frage in der Metzgerei, ob die Kunden anders einkaufen als vor Corona, wird am Montag zögerlich bejaht. Es gebe solche und solche. Manche hätten sich durchaus mit Dauerwaren wie Konserven und haltbaren Würsten eingedeckt. Das Regal sei schon gut leer. „Aber die meisten kaufen ganz normal ein“, stellt die Verkäuferin eines Geschäfts im Raum Wangen fest.

Ein paar hundert Meter weiter im Discounter findet man gähnende Leere bei Milch, Klopapier und Nudeln. Das Geschäft ist eher dafür bekannt, sparsam mit der Anzahl der Mitarbeiter umzugehen. Doch am Montag räumen mehr Menschen als sonst Regale ein. Eine Palette mit Küchenrollen wird zum Eingangsbereich gefahren. Kaum steht sie, schnappen die ersten Kunden zu, frei nach dem Motto „Wenn schon kein Klopapier, dann eben Küchenrolle“. Eine Mitarbeiterin witzelt mit der anderen, Bekannte würden sie schon ansprechen, „ob sie ein paar Packungen Klopapier zur Seite legen könne“. Aber bei ausverkauften Regalen sind selbst diejenigen, die an der Quelle sitzen, machtlos. Und so steht eine Frau ratlos vorm leeren Regal, in dem sonst das Toilettenpapier liegt. „Na toll!“ entfährt es ihr, und sie läuft kopfschüttelnd davon.

Wenige Meter weiter in der Bäckerei. Die Regale sind noch gut gefüllt, auch die Kühltheke mit Vesper hat mehr Inhalt als sonst. Keine Frage, die Kunden bleiben aus. Wer nicht zur Arbeit geht, braucht auch kein Pausenbrot, so scheint es. Auch hier die Frage, ob sich das Kaufverhalten der Kunden geändert hat. Während am Sonntag innerhalb kürzester Zeit die Brote ausverkauft gewesen seien, sieht es heute deutlich besser aus.

Diese Kritik kommt von Lebensmittelhändlern

Derweil wendet sich Hans-Peter Heiling an die Redaktion. Der Leiter der Metzgerei-Joos-Filiale im Waltersbühl appelliert: „Die Menschen sollen an der Bedientheke bitte Abstand halten. Es geht um den Schutz des Personals einerseits und der Kunden untereinander andererseits.“ In den letzten Tagen habe es große Menschentrauben und ein dichtes Gedränge gegeben. Man wolle nun versuchen, mit einer Markierung auf dem Boden für mehr Abstand zu sorgen.

Herbert Esslinger, der unter anderem den Neuravensburger Edekamarkt betreibt, kritisiert ebenfalls: „Die Kunden sind unvernünftig. Denn es gibt genug Lebensmittel.“ Trotzdem können seine Kunden in den Edeka-Läden nicht mehr nach Lust und Laune einkaufen. Jeder Kunde bekomme nur noch, wie Esslinger sagt, „eine vernünftige Menge“. Denn: „Wenn jeder zehn Kipf Brot kauft und in die Gefriertruhe steckt, dann langen die Schwächeren beziehungsweise die Langsameren zu einem bestimmten Moment ins Leere. Auch wenn eigentlich genug Mehl und alles da ist.“ Die Branche sei prinzipiell gut aufgestellt, glaubt der Geschäftsmann – aber eben nur, „solange alle normal tun“. Esslinger sagt: „Bei den Lebensmitteln geht es genau darum, worum es bei der Ausbreitung der Krankheit selber auch geht: Alles muss sich verlangsamen, dann schaffen wir das gemeinsam.“

Darum stellen die Tafeln ihren Betrieb ein

Die Tafeln im Altkreis Wangen stellen ab Dienstag ihren Betrieb bis auf Weiteres ein. Betroffen sind die Standorte in Wangen, Leutkirch, Isny und Bad Wurzach. „Viele Kunden und Ehrenamtliche der Tafeln gehören zur Risikogruppe des Coronavirus“, erklärten die beiden Tafel-Geschäftsführer Christopher Schlegel und Wolfgang Stockburger am Montag per Mitteilung. Eine Wangener Tafelmitarbeiterin sprach von „einem Hilferuf unserer Mitarbeiter“, bei denen es sich zum ganz überwiegenden Teil um ältere Ehrenamtliche handelt. Teilweise seien sie von ihren Familien darum gebeten worden, nicht mehr in den Läden helfen zu müssen.

Alternative Wege der Versorgung finanziell Schwächerer mit Lebensmitteln gibt es noch nicht, erklärte Wolfgang Stockburger im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“. Lieferungen zum Beispiel seien logistisch nicht möglich.

Wie läuft die Versorgung von Corona-Betroffenen?

Darum kümmert sich grundsätzlich das Landratsamt, weil es einen Überblick hat, wer infiziert ist oder unter Quarantäne steht. Auch bekundeten am Wochenende in sozialen Netzwerken mehrere Bürger, Hilfe anzubieten oder dies in der Nachbarschaft schon zu tun, vor allem wenn es um ältere Menschen geht. Am Montag gründete die Gemeinde Amtzell die Aktion „Amtzeller helfen Amtzellern“. Anlass, laut Bürgermeister Clemens Moll: Zahlreiche Bürger hätten sich mit Hilfs- und Unterstützungsangeboten an die Gemeindeverwaltung gewendet, und dazu sagt er: „Ich bin überwältigt.“

Jetzt will die Gemeinde Hilfsbedarf und -angebot koordinieren, unterstützt vom Verein „Füreinander-Miteinander“. Dazu schreibt Moll auf der Amtzeller Internetseite: „Wir suchen Menschen, die sich einbringen möchten, und rufen alle Personen zur Mitteilung des individuellen Bedarfs auf.“

Zu Bedürftigen, für die zum Beispiel Einkäufe erledigt werden können, zählt er Corona-Infizierte, deren in Quarantäne lebenden Kontaktpersonen, Menschen, die älter als 60 Jahre sind oder ein schwaches Immunsystem beziehungsweise eine Immunerkrankung haben.

Im Internet hat die Gemeinde dazu zwei Formulare eingestellt, eines für Hilfsbedürftige, eines für Hilfswillige. Sie können per E-Mail an die Adresse info@amtzell.de geschickt werden oder in den Rathausbriefkasten in der Waldburger Straße eingeworfen werden.

Wie funktionieren jetzt öffentliche Verwaltungen?

Die Stadt Wangen meldete am Montagabend: „Wegen der Corona-Thematik sind die Gebäude der Stadtverwaltung ab Dienstag nicht mehr frei zugänglich. Die Stadtverwaltung bleibt aber zu den üblichen Zeiten im Dienst.“ Die Bürgerinnen und Bürger werden gebeten, Termine mit den entsprechenden Ämtern zu vereinbaren. Telefonnummern und E-Mail-Adressen sind auf der Homepage der Stadt Wangen unter www.wangen.de/kontakt zu finden. Besucher werden des Weiteren gebeten, die Hinweise an den jeweiligen Türen zu beachten, wenn Sie in die Dienststellen kommen wollen. Das gilt auch für das gut frequentierte Bürgerbüro.

Von den Schließungen kultureller Einrichtungen ist bis auf Weiteres jetzt auch die Galerie in der Badstube betroffen.

Auch die Gemeinde Kißlegg veröffentlichte eine ganze Reihe an Maßnahmen. Bürgermeister Dieter Krattenmacher teilte unter anderem mit, dass die Kißlegger Verwaltung zwar weiterarbeite, die Türen jedoch geschlossen bleiben und Besuche nur noch nach individueller Vereinbarung unter 07563 / 9360 oder info@Kisslegg.de möglich sind. Die Ortschaftsverwaltungen in Waltershofen und Immenried bleiben bis 19. April geschlossen. Einen Fahrkartenverkauf, wie bisher im Gäste- und Bürgerbüro, gibt es bis auf Weiteres nicht mehr.

Alle weiteren von der Gemeinde bis zum 19. April geplanten Veranstaltungen werden laut Mitteilung nicht durchgeführt und, wenn möglich, zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt. Davon betroffen ist auch der Neubürgerempfang, das Gemeindejubiläum mit Ausstellungseröffnung und der „Tag der offenen Tür“ am 25. April.

Sämtliche kommunale Gebäude seien ab sofort geschlossen. „Dies betrifft Hallen, Bäder, Jugendhäuser, Kindergärten und Schulen, wie auch den Kleiderladen im Löwen“, so der Bürgermeister. Das Freizeitgelände bleibe ebenfalls geschlossen. Für Kinder von Eltern, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, werde nach den Landesvorgaben eine Notbetreuung eingerichtet. Dabei handele es sich um neun Schul- und Kindergartenkinder.

„Zur Sicherung der Lebensmittelversorgung“ werde der Wochenmarkt wie gehabt an den Samstagen weitergeführt. Aber, so Krattenmacher: „Wir bitten die Marktbesucher Abstand zu wahren und keine Lebensmittel anzufassen.“

Wie geht jetzt das politische Leben weiter?

Sehr eingeschränkt. So findet die Gemeinderatsitzung am Mittwoch, 18. März, findet laut Bürgermeister Dieter Krattenmacher „auf Wunsch vieler Räte“ nicht statt. Die Verwaltung werde dringend erforderliche Baubeschlüsse, Vergaben, Baugesuche sowie die Kindergartenbedarfsplanung aber „im Rahmen eines Umlaufverfahrens“ zur Entscheidung stellen.

Die Ortsverwaltung Schomburg sagte die für Dienstag, 17. März, geplante Ortschaftsratssitzung ebenfalls ab. Die auf Montagabend angesetzte Gemeinderatssitzung in Amtzell wurde um eine Woche verschoben. Dann soll sie in der Mehrzweckhalle stattfinden. „Dort steht genügend Platz zur Verfügung, um die Sitzung unter Beachtung der Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen durchführen zu können. Die teilnehmenden Personen haben die Möglichkeit, genügend Abstand einzuhalten.“

Was den Wangener Gemeinderat angeht, ging OB Michael Lang, Stand Montagmittag, davon aus, dass die nächste Sitzung am 30. März über die Bühne geht: „Der Staat muss handlungsfähig bleiben, um notwendige Beschlüsse zu fassen.“ Offen sei aber, ob dies weiter im Sitzungssaal des Rathaus geschieht oder woanders. Auch denkt die Stadt darüber nach den Sitzungsturnus in nächster Zeit zu strecken.

Was ist mit der Kirchengemeinderatswahl der Katholiken?

Hierzu gab Pfarrer Claus Blessing am Montagabend bekannt: Sie findet jetzt ausschließlich per Briefwahl statt. Wahllokale werden nicht geöffnet. „Allen Wählerinnen und Wählern wurden die Briefwahlunterlagen zugestellt. Die Abgabefrist für die Wahlbriefe endet am Sonntag, 22. März, 16 Uhr. Sie müssen in den Briefkasten des jeweiligen Pfarramts eingeworfen werden. Weitere Informationen: www.katholische-kirche-wangen.de

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