Bildhauer Joseph Michael Neustifter spricht über sein Werk und die Figur der „Maria Neff“

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 Joseph Michael Neustifter mit seiner zweiten Leidenschaft: italienischen Violinen.
Joseph Michael Neustifter mit seiner zweiten Leidenschaft: italienischen Violinen. (Foto: Neustifter)
Babette Caesar

Am 11. September wird die von Joseph Michael Neustifter geschaffene Maria-Neff-Skulptur auf dem Podest vor dem Eingang des Museums an der Eselmühle enthüllt. Neustifter hat in den vergangenen 50 Jahren als freiberuflich tätiger Bildhauer ein umfangreiches Werk geschaffen. Seit Jahren ist er auch im Allgäu und in Wangen vertreten. Babette Caesar sprach mit ihm über sein Schaffen.

Die „verdruckten“ Allgäuer beim Ratloch, die 1997 eingeweiht wurden, die Gedenktafel an die Opfer des Nationalsozialismus in Wangen und die Würdigung der Mohr-Schwestern sind von Ihrer Hand. Wie ist der Kontakt damals zu Wangen entstanden?

Das war eine kleine Geschichte. Der damalige Landrat Guntram Blaser hat in Regensburg meinen „Gänsepredigtbrunnen“ gesehen. Er stellt eine satirische Abhandlung über die Scheinheiligkeit dar. Im Bischofshof kommt ihm eine interessante Positionierung zu mit dem Hinweis darauf, dass Bischof Rudolf Graber der Auftraggeber war. Ich wurde anschließend zu einem Wettbewerb nach Ravensburg eingeladen, hatte aber keine Zeit. So kamen Guntram Blaser und der damalige Oberbürgermeister Jörg Leist nach Eggenfelden und befanden, dass sie mich auch im Allgäu gebrauchen können. Von Augsburg bis Saulgau habe ich in dieser wunderbaren Landschaft bis heute viele künstlerische Projekte gemacht.

Der Spuckbrunnen als Geschenk der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW) an die Stadt Wangen und die Bürger, bei dem der unterste Allgäuer so verdruckt sei wie der oberste, gehört zu den beliebtesten in Wangen. „Ein Denkmal wider Humorlosigkeit“ soll es sein. Was ist darunter zu verstehen?

Es gibt viele Brunnen, die bespucken. Die „Verdruckten“ sind satirisch-allegorisch gemeint. Es sollte eine kleine Pointe sein, die über das Denkmal hinausgeht.

Sie haben in den letzten Jahren bedeutende Werke im öffentlichen Raum platziert. Darunter mehrere Benediktsäulen, die Brunnenstele „Shrines of Europe“ und das Denkmal für Papst Benedikt XVI. in Altötting. 2018 den Stifter-Brunnen für die Brauerei Farny in Dürren und jetzt der Bronzeguss der einstigen Mühlenbesitzerin Maria Neff. Wie geht es Ihnen mit dieser eigenwilligen und etwas schrulligen Dame, der Wangen das heutige Stadtmuseum Eselmühle verdankt?

Es ist eine schöne Plastik geworden und eine Bereicherung für die Stadt. Im Moment steht sie noch hier im Atelier. Man musste sich in sie hineinversetzen, in ihre Besonderheiten und ihren Charakter, dazu gehört auch ihre Liebe zu den Katzen, ihrem „Bohle“, und ihre mit Wolle ausgestopfte Haube.

Was macht die Figur als Denkmal aus?

Sie muss ein eigenes Milieu darstellen, darf nicht langweilig sein in der Gestaltung, und sie muss in ihrem Umfeld gut eingebunden sein, die einzige Lösung, wie man ein figürliches Denkmal gestalten kann. Sie bekommt einen prominenten Platz, der aus städtebaulicher Sicht ein Traumeck ist. Wir haben die Verpflichtung, das Alte zu bewahren und zumindest zu sanieren. Das ist der Grundakkord - und wir müssen dafür sorgen, dass die Architektur und die Skulptur aus der Zeit dazu klingt, auch wenn der neue Ton oft ein bisschen schräg ist.

Das führt mich zu der Frage, wie Sie den Arbeitsprozess gestalten. Was sind die ersten Schritte, um sich einer Figur, einem Brunnen zu nähern?

Ich bin ein Bildhauer, der nicht zeichnet. Das heißt, es gibt kein Papier, auf dem Skizzen entstehen. Ich erarbeite meine Ideen mental und arbeite direkt vom Kopf über die Hand in die Form, immer in der direkten Auseinandersetzung mit dem Material wie Holz, Gips, Ton oder Wachs. Der Bronzeguss entsteht im Wachsausschmelzverfahren als ein Kunstgussverfahren, das einzig Unikate zulässt. Es langweilt mich, wenn ich etwas wiederholen muss. Spannender ist es, neue Sichtweisen zu entdecken wie ich ein Thema bearbeiten und umsetzen kann. Einen Gedanken sichtbar werden lassen, die Auseinandersetzung mit der sich weiterentwickelnden Form sind Prozesse, die mich reizen. Das kostet die volle Energie und Leidenschaft, gerade auch in der Gießerei. Man glüht sozusagen mit, wenn der Schamottkern nach dem Guss zerschlagen wird und ich erst dann sehe ob die Form gelungen ist. Jedesmal total spannend und aufregend und geht ganz tief rein.

Sie sind Bildhauer in der fünften Generation und waren schon früh gestalterisch tätig. Was treibt Sie bis heute an?

Die Neugier und die Forderung unserer Zeit. Ich habe das Glück, dass mich alles interessiert. Alles was mich berührt, kommentiere ich sozusagen plastisch. Ich mag es, wenn es schwierig wird. Rund 100 alte und neue Kirchenräume durfte ich ausgestalten. Ferner 250 große Brunnen und Kunst-am-Bau-Werke im öffentlichen Raum. Ich bin sehr glücklich, dass ich bis heute so viel aus mir herausholte und das Unsichtbare in mir sichtbar machen konnte.

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