Betrugsopfer fährt Täter mit dem Auto an

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 In Wangen ist ein Mann verurteilt worden.
In Wangen ist ein Mann verurteilt worden. (Foto: DPA/Volker Hartmann)
Carolin Steppat

Dass eine Kurzschlussreaktion das Leben eines bis dahin unbescholtenen Bürgers zerstören kann, musste diese Woche ein Mann aus dem Wangener Raum erfahren. Er hatte sich vor dem Amtsgericht Wangen dafür zu verantworten, dass er zwei andere Männer mit dem Auto angefahren hat. Doch die Vorgeschichte hatte es in sich.

Alles habe damit begonnen, erklärt der Angeklagte, dass er im Dezember des vergangenen Jahres mit einem anderen Mann über ein Datingportal in Kontakt gekommen sei. Dieser habe ihm gegen Geld ein Rendevouz mit einem jüngeren Mann in Aussicht gestellt. Man wurde sich handelseinig, gegen die Zahlung von 125 Euro sollte die Zusammenkunft stattfinden. Der andere Mann sei dabei als Begleiter angekündigt gewesen, um den jüngeren Mann zu beschützen, da dieser – so wurde im Chat behauptet – bereits schlechte Erfahrungen gemacht habe.

Beim verabredeten Treffpunkt sei zunächst der ältere Mann ins Auto des Angeklagten eingestiegen und habe diesen aufgefordert das Geld auf das Armaturenbrett zu legen, was dieser auch gemacht habe. Erst dann sei auch der jüngere Mann in den Fond des Autos eingestiegen. Der Angeklagte schildert das weitere Vorgehen wie folgt: Zunächst habe sich der ältere der beiden Männer beim jüngeren versichert, dass es der Richtige sei. Nachdem der jüngere Mann dies bejaht habe, hätte der Begleiter nach dem Geld gegriffen und gegen den Angeklagten die Drohung ausgestoßen: „Wenn du sowas noch einmal machst, schneiden wir dir die Kehle durch.“ Daraufhin hätten beide Männer das Auto verlassen und seien weggelaufen.

Der Angeklagte wollte den Männern „Angst einjagen“

In einer Mischung aus Panik und Kränkung habe der Angeklagte dann sein Auto gestartet und sei auf die beiden Männer losgefahren, um ihnen, wie er sagt „Angst einzujagen“. Als er jedoch abwenden wollte, um eine Kollision zu verhindern, habe er zu spät reagiert. Beide Männer wurden durch das Manöver getroffen und blieben verletzt auf dem Gehweg liegen. Als der Angeklagte das realisiert habe, sei er sofort zur Polizei gefahren, um den Vorfall zu melden und sich zu stellen. Die beiden Männer mussten in der Folge im Krankenhaus ambulant behandelt werden. Der Führerschein des Angeklagten wurde eingezogen.

Eben jene Männer waren als Zeugen geladen. Sie konnten und wollten jedoch nicht allzu viel zur Vorgeschichte erzählen – aus gutem Grund. Gegen beide läuft nämlich ein Verfahren wegen gemeinschaftlichen Betrugs und Bedrohung in diesem und einem weiteren Fall. Sie hatten nicht nur den Angeklagten mit ihrer Masche um sein Geld gebracht, sondern bereits zwei Tage zuvor noch einen weiteren Mann, wie bekannt wurde.

Während der jüngere Mann sich nur zum Vorfall mit dem Auto äußerte, lieferte der ältere der beiden weitere Informationen. So habe gar nicht er die Nachrichten im Portal geschrieben, sondern der jüngere der beiden. Wer auf diese Idee gekommen sei, wisse er auch nicht mehr. Aber es sei nie geplant gewesen, das Treffen durchzuziehen. Deshalb habe er das Geld geschnappt und sei dann ausgestiegen. Ja, er könne sich daran erinnern, dass er energisch und laut gewesen sei. Ja, es könne sein, dass er eine Drohung ausgesprochen habe. Aber was er zum Angeklagten ganz genau gesagt habe, das wisse er nicht mehr.

Für den Angeklagten, der bis zu diesem Vorfall ein unbescholtener Bürger ohne Vorstrafen war, führten die weiteren Ereignisse dazu, dass sein bislang geordnetes Leben aus den Fugen geriet. Nachdem er im Dezember bereits seinen Führerschein abgeben musste, habe er nicht mehr seiner Arbeit als Monteur nachgehen können. Dadurch sei ihm sein Job gekündigt worden. In der Folge habe er seine Eigentumswohnung verkaufen müssen, da er den Kredit nicht mehr abbezahlen konnte. Nun sei er auf Arbeitssuche und wohne zur Miete.

Urteil: Acht Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung

Die Staatsanwaltschaft kam im Plädoyer zum Schluss, dass der objektive Ablauf der Tat zwar klar sei, aber er habe sein Auto bewusst als Waffe eingesetzt. Es liege deshalb eine gefährliche Körperverletzung vor und ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr. Das habe er sicherlich nicht so geplant, deshalb sehe man es als einen minder schweren Fall an. Als Strafmaß plädierte sie auf 14 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung und den Entzug der Fahrerlaubnis für insgesamt 24 Monate.

Die Verteidigung hingegen plädierte, dass der Auslöser für das Verhalten ihres Mandanten die vorherige Tat der beiden Männer gewesen sei. Man sehe daher eine Kurzschlusshandlung des Mandanten „im Grenzbereich zur Affekthandlung“. Außerdem sei er geständig und zeige sich kooperativ, er sei ohne Vorstrafen und es habe keine schweren Verletzungen gegeben. Auch die Verteidigung plädierte somit für einen minderschweren Fall und forderte eine Freiheitsstrafe von drei Monaten auf Bewährung sowie einen Entzug der Fahrerlaubnis für insgesamt zwölf Monate.

Bei der Urteilsverkündung äußerte der Richter Verständnis für den Angeklagten: „Die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen, schnell können diese Rollen wechseln. Sie waren zunächst Opfer und wurden dann zum Täter.“ Schlussendlich wurde der Angeklagte wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei tateinheitlichen Fällen sowie wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt mit einer Bewährungszeit von zwei Jahren.

Der Führerschein wird für weitere sieben Monate, und damit insgesamt zwölf Monate, eingezogen. Dazu kommen als Bewährungsauflage noch 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

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