Altenpflegeschüler aus der Region berichten über ihre zwiespältigen Corona-Erfahrungen

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 Pfleger kümmert sich um Seniorin
Altenpflegeschüler aus der Region Wangen haben bei ihrer Arbeit zwiespältige Erfahrungen in der Corona-Krise gemacht. (Foto: Symbol- Tom Weller)

„Ich bin doch nicht giftig“so die heftige Reaktion einer älteren Dame in einem Pflegeheim, als eines Morgens eine Pflegeschülerin mit Mund-Nasen-Schutz ihr Zimmer betrat.

Ein Beispiel für die vielen, unterschiedlichen, zwiespältigen Erfahrungen, über die 45 Altenpflege-Schüler der Fachschulen für Altenpflege (IfsB) in Wangen und Bad Wurzach berichten. Der Autor dieses Textes ist als Lehrer an beiden Schulen beruflich tätig.

Niederschmetternd und traurig

Die Folgen und Auswirkungen der strengen Schutzmaßnahmen wie Besuchsverbot, Quarantäne, Ausgangsbeschränkungen und Maskenpflicht in den Pflegeeinrichtungen waren aus Sicht der Schüler, die jetzt kurz vor ihrem Abschlussexamen stehen, teilweise niederschmetternd und traurig, teilweise aber auch überraschend positiv.

So gab es durchaus viele ältere Bewohner, die entspannter, ruhiger und ausgeglichener wirkten, weil sie durch das Besuchsverbot „endlich mal ihre Ruhe hatten vor den stressigen Angehörigen“.

Mit dem Inkrafttreten der Corona-Verordnung am 17. März wurden Besuchseinschränkungen von Kliniken, Alten-, Pflegeheimen und Einrichtungen der Behindertenhilfe festgelegt. Um die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sowie Einrichtungen für Menschen mit Behinderung zu schützen, wurden am 7. April strenge Ausgangsbeschränkungen für diese Menschen erlassen.

Ab dem 6. Mai wurde die Ausgangsbeschränkung für Bewohner gelockert, die Bewohner durften das Gelände wieder verlassen, jedoch nach der Rückkehr die Gemeinschaftsbereiche nur mit Maske betreten. Rückblickend betrachten die meisten Pflegeschüler die strengen Maßnahmen als sinnvoll und angemessen, trotz der teilweise „sehr befremdlichen“ Erfahrungen und schwierigen Situationen.

Am schwersten haben es jetzt diejenigen, die an Demenz erkrankt sind.

Eine Schülerin schreibt: „Am schwersten haben es jetzt diejenigen, die an Demenz erkrankt sind.“ Besonders deren Angehörige hätten Angst gehabt, nach dieser Zeit nicht mehr von ihnen erkannt zu werden, ja vergessen zu sein. Angehörige wurden gebeten, Fotos zu schicken, um die Erinnerung immer wieder wecken zu können.

Einige Bewohner suchen vermehrt die Nähe des Personals. Erschwerend sei für alle das Tragen des Mundschutzes. Gerade bei Menschen mit Demenz sind Mimik und Gestik ganz wichtig. Nun wird mehr gezwinkert, geklimpert und mit den Augen gelächelt.

Ganz schwierig wurde es, wenn ein Bewohner im Sterben lag, und keinen Abschied von seinen Angehörigen nehmen konnte: „Seine letzten Worte zur Situation insgesamt waren: ,Ich will es verstehen, ich kann es aber nicht. Wieso muss ich alleine sterben?’“

Andere Schüler berichten darüber, dass einige Bewohner sogar das Essen und Trinken verweigert haben, und mit der Zeit depressiv, traurig und apathisch wurden. Zuweilen auch aggressiv, was in ganz wenigen Einzelfällen auch in körperliche Gewalt gegenüber Pflegekräften mündete.

Manche Bewohner weinten viel, wieder andere wünschten sich gar den Tod herbei. Eine ältere Dame formulierte es ganz drastisch: „Lieber gleich an Corona sterben, als wochenlang einsam und allein wie in einem Gefängnis dahin zu siechen!“

Skype und moderne Medien fleißig genutzt

Es gab aber auch erfreuliche und schöne Erfahrungen, von denen die Schüler berichten. Die neuen Wege der Kommunikation über Skype und andere Medien wurden entdeckt und fleißig genutzt. Manche Bewohner entdeckten ihre Liebe zum Nähen wieder.

Eine ältere Dame setzte sich an die Nähmaschine, um Masken für Bewohner und Pfleger herzustellen. Manche Bewohner hätten dem Pflegepersonal beim Putzen oder beim Reinigen der Rollatoren geholfen, oder im Wohnbereich die Blumen gegossen.

Der Zusammenhalt im Pflegeteam und zwischen Pflegern und Bewohnern wuchs, und dabei entdeckte man gemeinsam viele kreative Lösungen, um mit der Ausnahmesituation umzugehen.

Schüler hinterfragen Strenge der Einschränkungen

Trotz mancher positiven Erfahrungen gibt es auch Schüler, die das strenge Besuchsverbot im Nachhinein hinterfragen: „Mit der Zeit wurde die Stimmung gereizter und drückender. Es gibt Bewohner, die ihre schlechte Laune an uns Pflegekräften auslassen. Da wir auch nur Menschen sind, geht das mit der Zeit auch nicht spurlos an uns vorüber. Es macht betroffen. Ich persönlich habe angefangen nachzudenken, ob das Besuchsverbot nicht hätte anders gelöst werden können. Mit Abstand halten, zum Beispiel.“

Auf einmal war ich fremd! Es wurde durch das Tragen der Maske alles sehr unpersönlich, da man nicht einmal den Menschen hinter der Maske erkannt hat, weder die Mimik noch ein Lächeln im Gesicht.

Ein anderer Schüler schreibt: „Auf einmal war ich fremd! Es wurde durch das Tragen der Maske alles sehr unpersönlich, da man nicht einmal den Menschen hinter der Maske erkannt hat, weder die Mimik noch ein Lächeln im Gesicht.“

Viele Bewohner erkannten ihre Pflegekräfte, die hinter der Maske und dem Gesichtsschutz steckten, nicht mehr: „Sie fragten immer wieder, was das genau ist und warum ich es tragen muss.“

In einem persönlichen Fazit brachte es schließlich eine Schülerin auf den Punkt: „Eine Situation wie diese wäre auf längere Sicht für Bewohner und Pflegekräfte nicht auszuhalten“. Darum freuen sich alle Betroffenen über die aktuellen Lockerungen, in der Hoffnung, dass eine zweite „Corona-Welle“ nicht erneut diese strengen Schutzmaßnahmen erforderlich macht.

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