Übers Internet in die Wohnzimmer

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OLYMPUS DIGITAL CAMERA (Foto: Stadt Wangen/Susanne Müller)
Susanne Müller
Redakteurin

Ortstermin Lesesaal Stadtbücherei: Auf dem Programm stehen die Produktionen für zwei Teile der neuen Wangener Reihe „Kultur am Freitag“. Schauspielerin Christine Urspruch wird an diesem Abend aus „Eine Woche voller Samstage“ lesen und die beiden Musiklehrer der Jugendmusikschule Württembergisches Allgäu, Vladimir Bussovikov und Alexej Krushchov, anschließend ein rund halbstündiges Konzert für Akkordeon und Saxophon aufnehmen. Dazwischen spricht Oberbürgermeister Michael Lang die Anmoderation für beide Ereignisse. Hinter den beiden Kameras und am PC sorgen Dennis Schwalm und Wolfgang Sefz von der Wangener Firma sprade.tv für Bild, Licht und Ton. Die fertigen Produkte werden immer freitags um 19 Uhr auf www.wangen.de/kultur zur Verfügung gestellt.

Binnen Kurzem hat sich der Lesesaal der Stadtbücherei in eine Art Fernsehstudio verwandelt. Die technische Ausstattung – zwei Kameras, Licht, Mikrofone, Kabel – füllen den Raum. Christine Urspruch nimmt auf einen grauen Stuhl vor der Bücherkulisse Platz. Während Techniker Wolfgang Sefz die Kamera und den Bildausschnitt einrichtet, macht sein Kollege Dennis Schwalm genau von diesem Ausschnitt ein Handyfoto und hält es der Schauspielerin mit der Frage hin: „Passt der Ausschnitt für Sie?“ – Er passt. Eine kurze Sprechprobe – und schon läuft die Aufnahme, ohne Pause, also auch ohne Schnitt. Eine vergleichsweise einfache Sache für die Techniker. Und eine besonders willkommene ebenso, denn Schwalm und Sefz kennen die Schauspielerin natürlich von ihren Fernsehrollen aus dem Tatort und aus Dr. Klein.

Es geht um Existenzen

Derzeit haben alle Künstler gezwungenermaßen Pause. Dies war ein Grund für die Stadt Wangen, Anfang Mai die Reihe „Kultur am Freitag“ im Internet zu starten. „Auf diese Weise können wir die Wangener Künstler ebenso wie die Firma Sprade.TV, die für uns die Aufzeichnungen macht, mit einem kleinen Honorar unterstützen“, sagt OB Lang. Weil es gerade jetzt unter den Kulturschaffenden um Existenzen geht, war es weder für die Kreissparkasse noch für die Bürgerstiftung Wangen im Allgäu eine Frage, die gute Sache finanziell gemeinsam mit der Stadt zu ermöglichen. Diese Botschaft kommt an. JMS-Musiklehrer Lenard Ellwanger, der zusammen mit seiner Kollegin Anni Poikonen am zweiten Freitag im Mai ein Konzert für Klarinette und Klavier bestritt, dankte im Namen aller Künstler sehr für die Initiative zu dieser Reihe.

2000 Zuschauer bei Auftaktkonzert

Dass das Publikum ein offenes Ohr und ein Herz für die Künstler hat, zeigte sich laut Mitteilung schon beim Auftaktkonzert auf der Baustelle in der St. Martinskirche mit Organist Georg Enderwitz und Trompeter und stellvertretendem Leiter der JMS, Tobias Zinser. An die 2000 Zuschauer dürften das erste Konzert zu Hause gesehen haben – bei der Erstausstrahlung oder später auf dem Youtube-Kanal der Stadt. Wobei die Reihe überhaupt nicht von Einschaltquoten abhängt, wie OB Lang sagt: „Es geht auch darum, den Menschen eine Freude zu machen.“ Deshalb nimmt er sich auch die Zeit für die jeweiligen Anmoderationen.

Inzwischen sind die letzten Besucher aus der Bücherei verschwunden und Vladimir Bussovikov und Alexej Krushchov spielen sich zwischen den Bücherregalen ein. Vor der Kulisse der mittelalterlichen Bleiglasscheiben des Lesesaals geben sie ihr Konzert. Möglichen Zuschauern sei gesagt, sie könnten den Teppich zurückrollen. Denn bei einigen der sieben kurzen Stücke könnte man auch tanzen, zum Beispiel einen Tango zu Piazzollas „Oblivion“ oder einen Muzette-Walzer zu Colombos „Indifference“. Und auch davor und dazwischen gibt es viel Lohnenswertes zu hören. Unter anderem beweist Alexej Krushchov mit Cockcrofts „Black and Blue“, dass es möglich ist, mit einem Altsaxophon eine Ein-Man-Band zu sein. Und zum Schluss gibt es mit „Tico-tico“ von Zequinha de Abreu einen Rausschmeißer mit Gute-Laune-Garantie.

Rausschmeißer mit Gute-Laune-Garantie

Für die beiden Techniker von Sprade.tv sind diese Ereignisse besonders, weil sie üblicherweise mit dem Aufnehmen und Schneiden von Eishockeyspielen der Zweiten Deutschen Eishockey Liga zu tun haben. So filmt Wolfgang Sefz in Memmingen, während Dennis Schwalm zu Hause in der Nähe von Bremerhaven, den großen Überblick über alle Spiele behält und neben vielem anderen die Höhepunkte eines jeden Eishockeytags zusammenstellt. Kopf der Firma Sprade.tv ist Christian Müller, der in Wangen lebt. Aktuell beschäftigt er sich mit der Erstellung einer Veranstaltungsplattform im Internet.

Warum er sich bei „Kultur am Freitag“ engagiert? Er sagt: „Ich finde die Idee spitze. Man holt die Künstler ab und für die Leute zu Hause ist es eine schöne Sache.“

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