Ein kleines bisschen Olympia im Allgäu
Schwäbische Zeitung
Redaktionssekretariat

Aufwärmgymnastik, Startübungen, Windschattenfahren – all‘ dies stand am Donnerstag im Allgäustadion auf dem Plan. Nichts Außergewöhnliches eigentlich in einer Sportstätte, wären die dazugehörigen Sportler nicht in Rollstühlen unterwegs. Unter den Fittichen des einstigen Paralympicsiegers Heinrich Köberle und dessen Frau Gudrun sind die acht jungen Sportlern zwischen zwölf und 25 Jahren seit 2012 aktiv - und haben sich durch und mit dem Nachwuchsprojekt des Deutschen Rollstuhlsportverbandes „Rio ruft“ vier Jahre lang weiterentwickelt.

Nicht ganz, sagt Gudrun Köberle, habe es für die am 7. September in Brasilien beginnenden Paralympics gereicht. Doch irgendwo ist diese Tatsache auch zweitrangig. „Der Weg war und ist das Ziel“, sagte Gudrun Köberle bei der Teambesprechung im Landhotel Allgäuer Hof in Wolfegg-Alttann, wo die „Rio ruft“-Truppe am Mittwoch Quartier bezogen hat.

Die Idee, Rollstuhlfahrer, die sonst eigentlich meist für sich alleine trainieren, zu einem Team zu formen, gärte schon lange bei den Köberles. Mitte 2011, ein Jahr vor den Spielen in London, nahm sie Formen an, wurden Sponsoren, Unterstützer, Sportler und ein Projektname gesucht.

Offene Türen bei Isnyer Firma

Offene Türen rannten Gudrun und Heinrich Köberle bei der Isnyer Firma Invacare ein, die Weltmarktführer im Produktbereich der Hilfsmittel für Mobilität, häusliche und institutionelle Pflege ist. Sie ließ sich auf das nicht alltägliche Projekt ein. „Wir haben mit 15 aus allen Ecken Deutschlands kommenden Nachwuchsportlern begonnen“, erzählt Gudrun Köberle.

In jedem Jahr gab es seit 2012 Teamlehrgänge, verschiedene Wettkämpfe, die Möglichkeit, die Weltelite des Rollstuhlsports zu treffen. „Heute sind wir noch zu zwölft, wobei nicht bei jedem Treffen alle zwölf dabei sein können.“ David Scherer und Denis Schmitz, mehrfache Junioren-EM- und –WM-Teilnehmer, scheiterten nur knapp an den Paralympics-Normen. Wenngleich sie, wie auch ihre Teamkameraden aus „Rio ruft“, in den vergangenen vier Jahren in ganz anderen „Disziplinen“ gewonnen haben.

„Alle sind gereift und besser geworden“, stellte Gudrun Köberle am Mittwochabend bei der Teambesprechung in Alttann fest. An die Sportler gewandt sagte sie: „Ihr seid alle gute Botschafter und Vorbilder des Behindertensports.“ Und: „Alle Medaillen, alle Rekorde, aller Applaus sind nicht so wichtig, als das, was ihr durch den Sport fürs Leben mitnehmt.“ Ein „Nebenprodukt“ sei beispielsweise, dass alle Rio ruft-Teammitglieder auch in Punkto Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein zugelegt haben.

Im Allgäu, in der Nähe der Firma Invacare, die am Donnerstagnachmittag noch besucht wurde, wird das Projekt nun abgeschlossen, bevor es am kommenden Wochenende gemeinsam zu den Schweizer Juniorenmeisterschaften geht. Gute Nachrichten brachte Sascha Bochmann, Marketingleiter der Firma Invacare, mit: „Es wird eine Fortsetzung von Rio ruft geben, wie auch immer sie aufgebaut sein wird.“

Zur Person: Heinrich Köberle

Heinrich Köberle ist eines der bekanntesten Gesichter des Behindertensports. Der heute 69-Jährige, gebürtige Allgäuer aus Obermaiselstein bei Fischen, ist fünffacher Paralympics-Teilnehmer und mehrfacher Deutscher Meister im Rennrollstuhlfahren.

Bei den Paralympics 1984 in Stoke Mandeville, 1988 in Seoul, 1992 in Barcelona und 1996 in Atlanta gewann er jeweils den Marathon. In Sydney 2000 beendete er seine Leistungssportkarriere mit der Silbermedaille.

23 Jahre alt war Köberle und zu der Zeit bei der Bundeswehr in Mittenwald stationiert, als im Mai 1969 durch einen Autounfall das Rückenmark unterhalb des fünften Halswirbels unterbrochen wurde. Schon die einfache Mobilität war in den damaligen Rollstühlen schwierig. Über die Sporttherapie bekam er erste, bessere Möglichkeiten geboten. Im Tischtennis und Bogenschießen sowie im Schwimmen versuchte sich Köberle und startete bereits 1971 zu den Anfängen des Rollstuhlsports. Das Fahren faszinierte ihn – und dabei besonders der Marathon. „Der Sport hat mir generell, aber auch im Alltag, viel gegeben“, sagt Heinrich Köberle.

Seine Leidenschaft gab und gibt der heute in Wiesloch lebende Heinrich Köberle, der 170 Marathons bestritt, auch seit langem an andere weiter. Zu seinen Schützlingen gehören beispielsweise der querschnittsgelähmte, frühere Turner Ronny Ziesmer oder der Wangener Gordian Frick, der durch Köberle zum Handbiken kam.

Mobilitätstrainings, Schnellfahrschnupperlehrgänge und andere Angebote und Information gibt es auch für andere, behinderte Kinder und Jugendliche. Weitere Infos:

www.rollikids.de

Ein kleines bisschen Olympia im Allgäu
Sie trainieren seit vier Jahren gemeinsam. Denn die Nachwuchssportler des Deutschen Rollstuhlsportverbandes haben ehrgeizige Ziele: sie wollen Medaillen gewinnen und an den Paralympics teilnehmen. Wir haben sie beim Training in Wangen im Allgäu besucht.
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