Wenn Figur und Licht zu einer Erscheinung werden

Lesedauer: 5 Min

Die Malerin Ute Reincke in ihrer Ausstellung „slow and scary” in der Stadtbücherei im Kornhaus.
Die Malerin Ute Reincke in ihrer Ausstellung „slow and scary” in der Stadtbücherei im Kornhaus. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Die Ausstellung „slow and scary“ von Ute Reincke in der Stadtbücherei im Kornhaus dauert bis 1. September. Sie ist dienstags und donnerstags von 11 bis 18.30 Uhr, mittwochs und freitags von 9 bis 18.30 Uhr und samstags von 9 bis 13 Uhr geöffnet.

Die Suche nach dem Atmosphärischen

Wangen - „Meine Motivwahl ist rein intuitiv. Ich male, was mein Auge anspricht“, sagt Ute Reincke aus Lindau über die Herangehensweise an ihre Bilder. Das tönt einfacher als es in Wirklichkeit ist. Wie komplex sich ihre Malerei gibt, beleuchtet die aktuelle Ausstellung „slow and scary“ in der Stadtbücherei im Kornhaus. Wandfüllende Formate wechseln mit kleinen Bildmotiven ab, die sich mit Landschaft, Porträt und Figürlichem beschäftigen.

Gruselig oder unheimlich seien ihre Bilder. Dafür steht das englische Adjektiv „scary“. Ob es das wirklich trifft, bleibt jedem Betrachter selbst überlassen. „Trübe“ würden die Farben wirken, die sich auf den Leinwänden im Falle einer überdimensionalen Bergschlucht und einem Haus vor Waldrand in dunklen Braun-Grau-Grüntönen ausbreiten. Stark abgemischt seien die Farben und extrem herunter gebrochen, erläutert sie den Prozess. 1967 in Offenbach am Main geboren, hat sie ein Studium der Sozialpädagogik absolviert. Von 2009 bis 2012 folgte ein Malerei-Studium an der Freien Kunstakademie Überlingen bei Sybille Werkmeister und ein Studium an der Alanus Hochschule in Bonn/Alfter, das sie mit dem Bachelor of Fine Arts abgeschlossen hat. Zurzeit lebt sie in Lindau.

Vom „Entleeren“ der Bilder

Häuser sind es, die sie auf Wanderungen in der Umgebung ansprechen und eine Art Vorlage für anschließend Gemaltes bilden. Besser gesagt ein Gerüst, eine Idee mit dem Ziel, Gesehenes auf der Leinwand so weit zu „entleeren“, das immer noch Gegenständliches erkennbar ist. Ihr geht es um die Wiedergabe von Atmosphären, von Licht und Dunkelheit, von Einsamkeit und Verlassenheit. Das macht das so genannt Unheimliche aus, das zugleich viel Ruhe widerspiegelt. In Anwendung bringt sie Ölfarbe, seltener Acryl entweder auf Leinwand oder Papier. Manche Bilder wie die kleinformatigen Landschaften und Studien geben sich in helleren Farbwerten und in durchaus scharfen Kontrasten.

„Ich mag es gern, wenn die Figur und das Licht wie eine Erscheinung sind“, erklärt sie und schaut auf das mittelgroße Hochformat mit einem leuchtenden Schwan in Rückenansicht. Mit der Malerei von Giorgio Morandi, Mark Rothko und Paul Cézanne habe sie sich intensiv beschäftigt. Habe deren Prinzip übernommen und es weiter entwickelt. Am Schwan-Motiv ist das gut nachvollziehbar. Dort, wo sich die Konturen des Körpers mit dem Atmosphärischen zu vermischen drohen. Hier baut sich die Spannung auf und hier kommt der Aspekt des Romantischen ins Spiel. „Ich suche in meiner Bildsprache nach diffusen Atmosphären, die einen Gefühlsraum öffnen“, sagt sie und spricht von Sehnsuchtsorten, die zugleich einladen und abstoßen. In das bis unter die Decke reichende Motiv einer engen Bergschlucht muss man sich lange einsehen, um die Details der aufwendigen nuancenreichen Schichtenmalerei zu entdecken. Erst dann öffnet sich das Bild in seiner ganzen Fülle. Daneben ist ein kleines Format platziert, auf dem zwei Arme nach etwas greifen. Geradezu hyperreal wirkt dieses Motiv, das nach einer Fotografie entstanden ist und das in seiner Art ein Pendant zu dem nicht weit entfernt gehängten „Pinguin-Mann“ darstellt.

Im weiteren Verlauf trifft der Besucher auf eine Reihe kleiner Porträts, deren Vorlagen aus Bildbänden, Zeitungen oder von eigenen Fotos her stammen. Die Gesichter blicken ruhig und entschleunigt, so als sei ihnen der hektische Mainstream völlig fremd. Einige unter ihnen sind gesichtslos und tragen stattdessen einen milchig leuchtenden Film. Ute Reincke geht es in allen diesen Fällen um die Malerei und das Ausloten von Farbwerten unter-, mit- und gegeneinander. Dafür schöpft sie die klassischen Bildmotive aus Landschaft, Stillleben und Porträts vollends aus.

Die Ausstellung „slow and scary“ von Ute Reincke in der Stadtbücherei im Kornhaus dauert bis 1. September. Sie ist dienstags und donnerstags von 11 bis 18.30 Uhr, mittwochs und freitags von 9 bis 18.30 Uhr und samstags von 9 bis 13 Uhr geöffnet.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen