Katrin Seglitz hat in der Bücherei Wangen ihr Erzählprojekt mit Geflüchteten vorgestellt. Gemeinsam mit Manfred Kohrs (links) u
Katrin Seglitz hat in der Bücherei Wangen ihr Erzählprojekt mit Geflüchteten vorgestellt. Gemeinsam mit Manfred Kohrs (links) und den beiden Syrern Mohamed (Zweiter von rechts) und Dersim hörten die Gäste Geschichten aus deren Heimat. (Foto: Claudia Bischofberger)
Claudia Bischofberger

Die Schriftstellerin Katrin Seglitz aus Ravensburg hat den Erzählungen ihrer syrischen Schüler zugehört und daraus ein beeindruckendes Buch entstehen lassen. Dieses wurde nun in der Wangener Bücherei vorgestellt.

„Im Verlauf der Präsentationen haben sich die Wände des Unterrichtsraums aufgelöst, und der Blick, der vom Alltag gefangen ist und sich in den Vordergrund drängt wie die Gegenstände, die wir täglich benützen, öffnete sich auf eine andere Welt – auf verstörende, verletzende, verheerende Erfahrungen, aber auch auf die Geschichte Syriens, auf philosophische Fragen, auf Erlebnisse und Erinnerungen.“ Mit diesem Empfinden war in Katrin Seglitz der Wunsch geboren, die Geschichten, die sie von ihren Schülern aus Syrien in deren Präsentationen hörte, niederzuschreiben und in einem Erzählband festzuhalten.

Mohamed aus Aleppo beginnt seine Geschichte mit dem Satz „Meine traurige Heimat war das schönste Land der Welt. Jetzt ist es das Unglücklichste“. Und dieser Beginn sollte auch den Titel des Buches tragen. Mohamed liest den zahlreich erschienen Gästen in der Wangener Bücherei über sein Leben in Aleppo vor. Er liebt Tiere und wäre gerne Fußballer geworden. In Aleppo wohnte er mit seiner Familie in einem Viertel, das von Assads Armee besetzt war. Die Familie seiner Tante wohnte im sogenannten Rebellenviertel. Der Weg von einem dieser Viertel in das andere sei so gefährlich gewesen, dass es nicht möglich war sich gegenseitig zu besuchen. Doch Mohamed wollte seinem Onkel helfen ein selbst gemachtes Getränk zu verkaufen und fuhr los.

Auf der Straße hatten sie einen Tisch mit Behältern stehen. „Plötzlich hörte ich ein Zischen, mein Onkel griff nach meiner Hand und hat mich auf den Boden gerissen.“ In nächster Nähe sei eine Bombe eingeschlagen, die explodierte. Die beiden haben überlebt. Der Sohn seines Onkels, Mohameds Cousin, der zugleich wie ein Bruder für ihn war, starb später bei einer Bombardierung in dem Viertel. In seinen 20 Jahren auf dieser Welt hat Mohamed schon sehr viel erlebt. Auch Dersim, ein angehender Arzt, liest aus dem Leben in seiner Heimat vor. Er ist Kurde und lebte in Syrien an der türkischen Grenze. Dersim hat in Ankara Medizin studiert und in kleinen türkischen Krankenhäusern nahe der syrischen Grenze Menschen aus den Kampfgebieten verarztet sowie als Übersetzer in den Sprachen Englisch, Arabisch, Kurdisch und Türkisch.

„Meine Heimat tut mir weh“, heißt die Überschrift eines seiner Kapitel. Und dennoch möchte er irgendwann als Arzt wieder zurück zu seinen Wurzeln. Neben spannenden und bewegenden Geschichten der Geflüchteten, gibt das Buch Einblicke in die Geschichte Syriens, auf Traditionen und Gebräuche. Katrin Seglitz möchte dieses Erzählprojekt zugänglich für die Öffentlichkeit machen, da sie davon überzeugt ist, dass Verständnis die Bedingung sei für Integration. Wenn erzählt und zugehört würde und ein Austausch von Erinnerungen stattfände, entstehe ein Gefühl von Zugehörigkeit, so Seglitz.

Der Einband des Buches wurde von der 13 jährigen Rusel gemalt. Eine kindliche Zeichnung von vertrauten Orten ihrer Heimat, wo man genauso leben könnte wie bei uns, wenn dieser zerstörerische Krieg nicht wäre. Manfred Kohrs, der sich auch für die jungen Leute engagiert hat, beendet den Abend mit einem Märchen, das eine bedeutungsvolle Botschaft vermittelt. Sinngemäß steht im letzten Satz: „Vielleicht sind schon morgen wir es, die vor fremden Gärten stehen und seufzen und erfreut sind, wenn uns aufgetan wird.“

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