Wenn der Strom der Geschichte nach oben kommt

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Am Marientor gibt es Risse im Mauerwerk.
Am Marientor gibt es Risse im Mauerwerk. (Foto: Stadt Wangen)
Redaktionsleiter

„Der stille Strom der Geschichte wird nach oben gebracht.“ Mit diesen Worten charakterisiert Stephan Wiltsche seine Arbeit als Ortsheimatpfleger. Denn Geschichte habe viel mit Identität zu tun – einem sehr aktuellen Thema, wie er sagt. Vor diesem Hintergrund mahnte er jüngst bei seinem Tätigkeitsbericht im Verwaltungsaussschuss: „Wer geschichtslos ist, hat nichts gelernt – und zahlt den Preis im Nachhinein.“

Der Ortsheimatpfleger zog damit Verbindungen zwischen der Historie und aktuellen gesellschaftlichen wie politischen Entwicklungen. Dass er seine Arbeit im Rahmen dieses Großen und Ganzen sieht, diese zugleich aber aus zahlreichen Bausteinen besteht, wurde ebenfalls deutlich. Denn es geht unter anderem darum, Bauliches zu bewahren, Material zu erforschen, zu sichten und einzuordnen, aber auch – im besten Wortsinn – ein Lobbyist für historische Belange in der Stadt zu sein.

Ältestes Fresko Wangens bedroht

Wiltsche veranschaulichte dies an einer Zusandsbeschreibung des ältesten Fresko Wangens. Es befindet sich am Lindauer Tor. Die Schädigungen hätten den „Anfangszustand“ überschritten. Hier müsse man schnell machen. Denn: „Wenn’s mal herabgefallen ist, dann ist es weg“, so Wiltsche. Deshalb sei er froh, dass das Fresko in den kommenden ein bis zwei Monaten saniert werde. Aber: „Ich bin dem Bauamt auf die Füße getreten.“

Stephan Wiltsche schilderte zusammen mit Siegfried Stampfer von der im Rechnungsprüfungsamt angesiedelten Stadtbildpflege, was zuletzt getan wurde und wo der Schuh drückt. Letzterer nicht nur am historischen Fresko, sondern auch sonst am Martinstor und anderen historischen Stadteingängen.

Der Heimatpfleger sprach von Ablösungen zum Teil in Fünf-Mark-Stück-Größe. Im Verein mit Siegfried Stampfer appellierte er an Verwaltung und Politik, schnell zu handeln. So auch am Marientor, das durch einen Riss geprägt wird. Werde die Reparatur jetzt angegangen, sei der Aufwand überschaubar. In wenigen Jahren aber komme es die Stadt schon richtig teuer. Schäden hat das Duo bei Rundgängen zudem am Weberzunfthaus sowie an Mauerwerken auf dem Kreuzplatz ausgemacht.

Auch die Stadtbrunnen sind bei der Stadtbildpflege Thema. Stampfer berichtete von einer Bestandsaufnahme im vergangenen Jahr. Dabei wurde eingeordnet, in welcher Reihenfolge was zu tun ist. Ergebnis: Noch 2018 wird der Brunnen am Kreuzplatz saniert. Dort hatte man dicke Kalkplatten, Rost und undichte Stellen am Sockel festgestellt.

Darüber hinaus wurde in diesem Jahr ein jährlicher Reinigungszyklus der Wangener Bronzebrunnen durch den Restaurator Dirk Nowak eingeführt – idealerweise jeweils vor dem Osterbrunnenschmücken. Hintergrund ist auch hier der Erhalt, sollen damit doch kostenaufwändige Sanierungs- und Reinigungsarbeiten schon im Vorfeld vermieden werden.

Bei der Stadtbildpflege geht es aber längst nicht nur die Bewahrung von Schönem und Historischem – sondern auch um die Beseitigung von Schandflecken. So wird Müll weggeräumt, werden Putz- und Farbschäden bearbeitet oder die Tordurchgänge von Spinnweben und Dreck gereinigt. Gleiches gilt für Wegkapellen. Besonders aber kümmern sich städtische Mitarbeiter um die Beseitigung von Graffitis. „Das beschäftigt uns dauernd“, erklärte Stampfer. Ganz besonders im Bereich von St. Martin. „Aber wir sind da auch vor der Altstadt hinterher.“

Zudem unterstützt die Stadt über ihn (private) Auffrischungen von Wegkreuzen und Bildstöcken. Dafür gab es jüngst einige Beispiele: etwa in Nieratz, an der Lindauer Straße oder in Lachen.

Stephan Wiltsche beschäftigt sich unter anderem auch mit der Aufarbeitung der Wangener Kirchengeschichte – und da insbesondere mit deren lange vernachlässigter Archivierung. Dass derlei Forschungen „nicht für die Katz“ sind, verdeutlichte er am Beispiel des Paramenten- oder Kolpinghauses. Zuletzt sanierungsbedürftig gewesen, weil das Gebäude in Bewegung war, hätten aus historischen Dokumenten abgeleitete Handzeichnungen den dort tätigen Statikern geholfen.

Blaser-Studie muss weichen

Gleichwohl kann nach seiner Einschätzung nicht alles erhalten werden, was wünschenswert wäre. So bei einem vor dem Abbruch stehenden Gebäude in Burgelitz, in dem einst der Wangener Maler und Bildhauer Willy Blaser wohnte. Unter dem Dach dort gibt es eine Wandmalerei des Künstlers, die Wiltsche als Studie bezeichnete. Dort habe Blaser vermutlich einst geübt.

Durch Wanddurchbrüche und Elektroinstallationen stark geschädigt, sei nicht sicher gewesen, ob die Wandscheibe hätte gesichert werden können – bei einem finanziellem Aufwand in sechsstelliger Höhe. Das Ergebnis von Untersuchungen und Beratungen: Auf die Sanierung wird verzichtet, das Werk ist aber fotografisch dokumentiert worden.

Durchaus offen zeigt sich der Heimatpfleger übrigens auch für den Erhalt zeitgeschichtlich prägender, wenn auch nicht schöner Bauwerke in Wangen. Zu einem Vorschlag von GOL-Fraktionschef Tilman Schauwecker, im Zuge der Sanierung des Auwiesenareals zumindest eine der dort stehenden Baracken zu erhalten, sagte Wiltsche: „Da sind auch tragische Geschichten mit verbunden. Da leben Menschen bis heute unter Bedingungen, unter denen die meisten weiß Gott nicht leben wollen.“

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