Vom Internetforum in die Druckerei

Lesedauer: 6 Min

Ihr Name steht auf dem Buch: Alexandra Scherer. Aus einer fixen Idee und der Unterstützung zahlreicher Schreiber hat sie ein Bu
Ihr Name steht auf dem Buch: Alexandra Scherer. Aus einer fixen Idee und der Unterstützung zahlreicher Schreiber hat sie ein Bu (Foto: Reichert)
Schwäbische Zeitung

Einen einzigen Beitrag hat Alexandra Scherer in einem Internetforum zur aktuellen Flucht- und Asyldebatte verfasst. Ein folgenreicher Beitrag: Denn seitdem ist die Wangenerin Herausgeberin eines Buches.

Das Buch „Grenzenlos“ sammelt Geschichten und Gedichte, die von Flucht, Vertreibung, Hilfe und Ängsten erzählen – 29 Texte, verfasst von 23 Schreibern aus ganz Deutschland mit unterschiedlichen Erfahrungen und Meinungen. Im Mai vergangenen Jahres keimte im Deutschen Schriftstellerforum dsfo.de das Thema Flucht auf. Das Thema stößt bei den Literatur-Interessierten und Hobby-Autoren auf Resonanz. Viele äußern sich, kommentieren.

Scherer nicht. Die Erste-Hilfe-Ausbilderin der Johanniter Unfallhilfe und Heilpraktikerin beobachtet – bis die Frage gestellt wird: Was können wir tun? Scherer antwortet: „Ihr seid Schriftsteller, wie wäre es, wenn ihr was schreibt? Egal ob positiv oder negativ.“ Mehr schreibt sie nicht. Doch ihre Idee kommt an, sie sollte etwas organisieren – und sie tut es. Innerhalb des Forums erstellt sie eine Gruppe, in der sich mehr als 20 Interessierte anmelden. Scherer setzt ein Ziel: „Schreibt Kurzgeschichten und Gedichte zum Thema Flucht. Noch vor Weihnachten werden diese veröffentlicht.“

Das Thema ist Flucht

„Jeder, der in der Geschichte involviert ist, hat Gründe warum er es macht“, sagt Scherer. Manche der Schreiber haben Migrationshintergrund oder sind in andere Länder ausgewandert, manche haben persönliche Erfahrungen gemacht, andere haben sich einfach viele Gedanken gemacht.

Scherer selbst hat sich mit „Flucht“ auseinandergesetzt: 1985 verlässt sie Wangen, kehrt Deutschland den Rücken. „Mein Gedanke war, ich wandere aus und alles ist schön.“ Mit ihrer Familie lebt sie im Inselstaat Tuvalu im Pazifik. Doch schnell verfliegt die Begeisterung für den Südsee-Traum. „Wenn du dort lebst, ist es knallharte Arbeit.“ Scherer hat Heimweh und schafft es nicht sich zu integrieren. „Ich war nicht die Einfachste. Ich habe die Sprache nicht gelernt und einfach meinen Lebensstil weitergeführt.“ Sie habe weder Hula getanzt noch sei sie zweimal am Tag in die Kirche gegangen. Die Leute dort hätten es zähneknirschend hingenommen.

„Im Nachhinein habe ich dort eigentlich gelernt, was Toleranz heißt.“ 1996 verlässt sie Tuvalu: „Integration ist wichtig, aber heißt nicht, dass du Fußball spielen oder „Ode an die Freude“ aufsagen musst. Aber du musst die Sprache und die Regeln kennen und die muss man beigebracht bekommen, und die wurden mir nicht beigebracht.“

Sie kehrt zurück nach Wangen – mit zwei Kindern, zwei Koffern, ohne Arbeit und angewiesen auf die Hilfe anderer.

Was bleibt ist die Erfahrung und das Interesse für Literatur. Schon in ihrer Jugend habe sie viel gelesen. Während der Zeit in Tuvalu dann noch mehr: „Es gab kein Fernsehen und nur wenige Stunden am Tag mal Radio. Dafür gab es eine Bücherei, bestückt mit englischsprachiger Literatur.“ Scherer liest alles; von der Schweinezucht im Zweiten Weltkrieg in England über Liebesromane bis hin zu Terry Pratchett. „Nach zehn Jahren war ich durch die Bücherei durch“, erinnert sie sich.

Das Projekt ist noch nicht beendet

Heute schreibt Scherer selbst – Kurzgeschichten oder Heimatkrimis. Obwohl sie schreibt, wollte sie beim Projekt die neutrale Person bleiben, die – wenn nötig – entscheiden sollte, ob ein Text in das Buch kommt oder nicht. Jeder Text wurde in der Gruppe besprochen und bearbeitet; jede Abstimmung, jede Diskussion fand im Internetforum statt. Nicht ein persönliches Treffen habe es gegeben. Nach ungefähr vier Monaten Arbeit ist Ende November das Buch auf den Markt gekommen. „Mit dem Buch ist es noch nicht zu Ende“, sagt Scherer – und ihre Arbeit auch nicht: Noch gibt es Lesungen, noch ist Scherer „Verwalter“, informiert und organisiert.

„Das Buch soll vor allem zum Nachdenken anregen“, sagt Scherer. So wie es auf dem Buchrücken steht: Diese Anthologie will bewegen. Nicht allein die Herzen der Leser, sondern die Köpfe. Sie will Grenzen und Begrenztes aufbrechen und das Thema Flucht als das zeigen, was es ist: Etwas das jeden von uns angeht. Als Betroffener, als Helfer, als Autor – als Mensch."

Der Reinerlös aus dem Verkauf der Bücher kommt karitativen Organisationen zu gute. Wohin das Geld geht und mehr Informationen zu dem Buch „Grenzenlos“ gibt es unter www.grenzenlosdieanthologie.wordpress.com.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen