Auf den Hof von Jungbauer Hähner soll der Fortschritt Einzug halten. Nicht alle sind damit einverstanden.
Auf den Hof von Jungbauer Hähner soll der Fortschritt Einzug halten. Nicht alle sind damit einverstanden. (Foto: Stiller)
Vera Stiller
Redakteurin

Was passiert, wenn auf einem Allgäuer Hof der Fortschritt Einzug hält? Klar, es geht turbulent zu. Doch das Deuchelrieder Theater hat mehr aus einer Vorlage von Peter Landstorfer gemacht. Wie Regisseur Josef Biggel eingangs erklärte, erstand unter dem Titel „Fortschritt 1.0“ kein typisches Bauernstück mit permanenten Schwänken, sondern ein Zeitdokument. Das Publikum wird mit hinein in die Mitte der 1920er-Jahre genommen.

Knechte und Mägde kommen von der Feldarbeit heim, nehmen zusammen ihr einfaches Essen ein, fangen an zu schwatzen. Weil sie gut geschafft haben, spendiert der Bauer einen Krug Most. Natürlich nur für die Mannsbilder. Gret, eine junge Stallmagd (Sarah Bitterwolf), sucht um Arbeit nach. Obwohl mitten im Jahr, wird sie eingestellt. „Das Alte darf dem Neuen nicht im Weg stehen“, erklärt Lore (Johanna Sigg). Die Schwester des Jungbauern Ferde Hähner (Benedikt Sigg) hatte zuvor schon damit angefangen: die dicken Zöpfe, die unverheiratete Frauen zu tragen hatten, sind einer Kurzhaarfrisur gewichen.

Von Gret, die zuvor bei einem Baron in Stellung war, erfahren Rossknecht Wendel (Klaus Harlacher), Magd Mathild (Yvonne Kling) und Knecht Lude (Jonas Thanner), was es mit einer modernen Dreschmaschine auf sich hat. In der Runde ist man sich einig darüber, dass mit so einer „Lokomotive ohne Räder“ der nicht mehr aufzuhaltende Fortschritt Einzug gehalten hat.

Elektrizität ist geplant

Im zweiten Akt kommt der „einzige Mauser in der Gemeinde“ auf den Hof. Valle (Marzell Biggel), dem Knödel und Kraut angeboten werden, versucht unter dem Gelächter der Besucher, das seiner Meinung nach „einzige Kulturgut“ beziehungsweise „Lustobjekt“ der Bauern den in der ersten Reihe Sitzenden anzudrehen. Natürlich vergebens.

Doch dann wird es interessant. Viehhändler Franz Sepper (Egon Klatte) berichtet von der geplanten Einführung der Elektrizität im Dorf. „Sie sind schon unten im Tobel und stellen Masten auf“, sagt er und steckt mit seiner Begeisterung den ebenso eifrigen wie vorausschauenden Jungbauer Ferde an. Sehr zum Missfallen seiner strengen Mutter und Altbäuerin (Margit Müller) will er Pionierarbeit leisten und das „geheimnisvolle Wunder“ nutzen.

Nachdem der „Stromer“ Heinrich Roth (Kilian Leonhardt) die Vorarbeiten hinsichtlich des elektrischen Anschlusses in allen Einzelheiten erklärt hat, steigt die Spannung. Unter den Klängen der Musik – Christoph Heidel und sein „Theater-Ensemble“ geben während der gesamten Aufführung den passenden Ton an – wird das Stromkabel inmitten des Publikums und über deren Köpfe hinweg verlegt. Da kann sich die Altbäuerin noch so sehr wehren und das „neumodische Glump“ verfluchen. Diese Szene gehört zweifellos zu einem der Highlights des Abends.

Kaum kann das Licht ein- und ausgeschaltet werden und die Petroleumlampe ist schneller als gedacht entsorgt, kommen Bedenken auf. Was ist, wenn durch den Fortschritt jetzt am Tag und in der Nacht gearbeitet werden muss? Oder umgekehrt: Wenn man die Hilfe der Knechte und Mägde gar nicht mehr benötigt? Wieder ist es Lore, die sich überzeugt zeigt: „Das Neue darf das Alte nicht zugrunde richten!“

Nach drei Stunden Spiel- und Pausenzeit herrscht Einigkeit im Saal des Dorfgemeinschaftshauses: Man hat eben ein brillant inszeniertes und großartig gespieltes Theaterstück gesehen. Jede Rolle ist bestens besetzt, Kostüme und Bühnenausstattung fabelhaft gewählt. Viel kann über Kräftiges und Deftiges gelacht werden. Dass hier und da Namen und Orte aus der nächsten Nähe von Deuchelried auftauchen, gibt dem Stück zusätzliche Würze.

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