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Die Störche sind zurück in der Region. Erst ließen sich Exemplare auf dem Amtzeller Schloss nieder, und kurz vor Ostern besiedelten andere Tiere auch den Erba-Kamin. Da hatte sich ein weiteres Paar bereits Neuravensburg ausgesucht, um seinen Nachwuchs auszubrüten. Erstmals seit Jahren wieder in der Ortschaft, hat dieser (laufende) Versuch dort aber schon jetzt für jede Menge Diskussionsstoff gesorgt. Denn die beiden Tiere bauten erst beim Brennerwirt ihr Nest, mussten dann aber „umziehen“ – und befinden sich jetzt auf dem Mobilfunkmasten direkt neben dem Neuravensburger Rathaus. Darüber streiten sich Naturschützer.

Der Brennerwirt an der Engelitzer Straße ist ein beliebtes Ausflugsziel für Hungrige und Durstige aus der Region. Idyllisch gelegen, hatte auch ein Storchenpaar an der Örtlichkeit Gefallen gefunden. Genauer gesagt: an einem Strommasten auf dem Hofgelände. Damit begann ein Problem, dass derzeit Natur- und Storchenfreunde entzweit.

„Dann gibt es verkohlten Vogel“

Denn bei der Stromtrasse handelt es sich um eine Mittelspannungsleitung. Und die ist „aufgeladen“ mit 20000 Volt. Vor allem für noch nicht flugerfahrene Jungstörche kann dies offenbar lebensbedrohend sein: „Wenn sie mit ihren Flügeln zwei Leitungen berühren, dann gibt es einen verkohlten Vogel und möglicherweise einen Stromausfall in der Region“, sagt Ulrich Stark, Sprecher von Netze BW.

Mit dieser Erkenntnis begann für das Storchenpaar eine aufregende Karwoche. Denn vergangene Woche Montag entfernten Netze-BW-Mitarbeiter das angefangene, aber noch nicht vollendete Nest. Anstelle dessen montierten sie Abspannisolatoren sowie eine Sitzstange oberhalb der Traverse auf etwa 80 Zentimeter Höhe.

Bauarbeiten an Ostern

Laut Stark war dies nötig. Denn die Stange soll einen erneuten Nestbau an dem Masten verhindern. In der Folge machte sich das Vogelpaar auf die Suche nach einem neuen Nistplatz. Den fand es im Zentrum Neuravensburgs. Unterhalb der Burgruine und direkt neben dem Rathaus befindet sich nämlich ein Mobilfunkmast auf einem Wohngebäude. Und dort fingen die Störche an zu bauen.

Das taten sie besonders kräftig über die Osterfeiertage, wie Ortsvorsteher Hermann Schad berichtet. Noch am Dienstag konnte man die Tiere dabei beobachten, allerdings auch, wie sie es sich zunehmend bequem machen auf dem Mobilfunkmasten.

Das hat auch Georg Heine beobachtet. Der Vorsitzende der Ortsgruppe Wangen des Naturschutzbundes (Nabu) sagte am Dienstag: „Seit gestern vermuten wir, dass ein Ei drin liegt, weil das Weibchen sitzt.“ Heine hält den neuen Nistplatz weder für die Tiere gefährlich noch für die Mobilfunktechnik abträglich.

Gleichwohl übt er deutliche Kritik am Vorgehen der EnBW-Tochter. Diese hatte der Wangener Nabu ursprünglich selbst über den ersten Nistplatz beim Brennerwirt informiert. Allerdings lediglich mit der Bitte, dort für die Isolation zu sorgen. Keineswegs habe man dabei einen Abbau des Nests oder den Aufbau einer Nestbau verhindernden Stange im Sinn gehabt. Denn, so Heine: „Das darf man nicht machen, das ist naturschutztechnisch ein Fiasko.“ Schließlich habe man mit derlei Eingreifen eine geschützte Vogelart bei der Fortpflanzung behindert.

„Da war Gefahr im Verzug“

Netze BW verteidigen indes die Maßnahmen: „Selbst mit einer Isolierung der Leitungen wäre das Risiko einer Berührung zu groß gewesen“, erklärt Sprecher Stark. Mit dieser Haltung erhält er nicht nur Kritik von Tierschützern, sondern auch argumentativen Beistand: „Da war Gefahr im Verzug. Denn auf 20 KV-Leitungen sollen grundsätzlich keine Nester sein“, sagt Ute Reinhard, Storchenbeauftragte des Regierungspräsidiums Tübingen. Von Netze BW über die Situation beim Brennerwirt informiert, habe sie deshalb ihr Einverständnis zum Vorgehen gegeben.

Unterdessen hätte die Brennerwirt-Familie Gauß es gern gesehen, wenn die Störche bei ihnen hätten nisten und brüten dürfen. Sie halten die Abbauaktion für übereilt. Zumal am Gründonnerstag der städtische Bauhof und die Feuerwehr tätig geworden seien. Die Männer schafften eine in Wangen nicht benötigte Nestvorrichtung heran und installierten sie auf dem Dach eines Hofgebäudes.

Dort hatte auch das Storchenpaar ein paar Tage verbracht, nachdem sein Ursprungsnest auf dem Strommasten abgebaut worden war. Offenbar ungeduldig geworden, hatten die Tiere sich dann aber zuvor Richtung Ortskern auf den Mobilfunkmasten verabschiedet.

Ortsvorsteher Hermann Schad findet: „Dort sollte man sie jetzt auch brüten lassen. Es ist schön, dass wir im Dorf mal wieder Störche haben.“ Umso mehr, als der letzte Brutversuch vor drei Jahren bei Föhlschmitten eher halbherzig ausfiel und damit erfolglos geblieben war.

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