Pro & Contra zum WG-Kennzeichen

Lesedauer: 6 Min
Pro & Contra zum WG-Kennzeichen
Pro & Contra zum WG-Kennzeichen (Foto: Roland Rasemann)
Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiter
Redaktionssekretariat

Die Debatte um die Wiedereinführung des alten WG-Kennzeichens ist erneut entbrannt. Lesen Sie hier, was dafür und was dagegen spricht:

Pro:

Zugegeben: Es gibt wirklich wichtigere Probleme als die Beantwortung der Frage, ob Autos aus dem Altkreis Wangen wieder mit dem einstigen „WG“-Kennzeichen herumfahren dürfen. Schließlich handelt es sich nur um zwei mit schwarzer Farbe in weiß getünchtes Blech gestanzte Buchstaben. Vor diesem Hintergrund könnte man fragen: Was soll das? Die erneute Debatte ist doch unsinnig wie ein Kropf!

Allerdings: Seit der Bund 2012 die Kennzeichen „liberalisierte“, hat sich die Zahl verschiedener Autoschilder bundesweit fast verdoppelt. Das drückt aus: Der Wunsch nach sichtbar spazieren gefahrenen Identitätsbekundungen ist groß – eben in Städten, Gemeinden und Landesteilen, die zu Zeiten der Kommunalreformen in den 1970er-Jahren „eingemeindet“ worden und deren Altkennzeichen damals sang- und klanglos verschwanden. Vielfach unter massivem Protest übrigens. Nicht nur hier, sondern auch anderso, wie etwa im Ruhrgebiet.

Dort sind jetzt etwa wieder Wittener mit WIT, Gladbecker mit GLA und Lünener mit LÜN unterwegs anstatt mit den vergleichsweise anonymen Kreisbezeichnungen EN (Ennepe-Ruhr-Kreis), RE (Kreis Recklinghausen) oder UN (Kreis Unna).

Warum also soll im Württembergischen Allgäu nicht möglich sein, was in anderen Landstrichen Deutschlands von Autofahrern freudig angenommen worden ist? Ganz auf freiwilliger Basis übrigens. Denn gezwungen wird dazu niemand bei der Anmeldung eines fahrbaren Untersatzes. Warum also nicht WG statt RV? Und selbstverständllich nur für den, der mag.

Mit einer Rückkehr zur „Klein-staaterei“ hat die Kennzeichenfrage übrigens nichts zu tun. Oder fordert wirklich jemand ernsthaft die Wiederaufspaltung des Landkreises Ravensburgs? Wohl kaum. Nein, es geht vielmehr um das „Ja“ zu einem Stück Heimat, deutlicher als es für manch überzeugten Lokalpatrioten mit einem RV am Auto ausgedrückt werden kann. Warum also nicht vorwärts zu WG? Es spricht nichts wirklich dagegen.

Contra:

45 Jahre war es zur Jahreswende nun her, dass der Altkreis Wangen im Landkreis Ravensburg aufgegangen ist. Das mag man nun gut oder schlecht finden, aber es ist Fakt. Ich habe es nie verstanden, für was es 2012 eine so genannte Kennzeichenliberalisierung gegeben hat und geben musste. Aus den einst knapp 400 Ortskennzeichen sind inzwischen etwa doppelt so viele geworden. Betrachte ich heute entsprechende Schilder, verwirren mich Ortskürzel, von denen ich noch nicht mal annähernd weiß, was dahinter stecken soll und wo die entsprechenden Städte oder Verwaltungsgemeinschaften in Deutschland liegen.

Ja, ich weiß, das Wort Identität macht die Runde. Doch welche Identität ist gemeint? Jene, die dem Ravensburger sagen soll: Ich bin aber aus Wangen. Oder jene, die auch dem Bad Waldseer im Urlaub in Südfrankreich signalisiert und verkündet: Hey, ich komm’ auch aus deiner Ecke! Schön, dich hier zu treffen. Zu viele Fragen tun sich für mich im Zusammenhang mit (alten) neuen Ortskennzeichen auf: Was ist mit dem Ravensburger, der vielleicht auch ein WG aus welchen Gründen auch immer gerne hätte? Ist es jetzt nur mein Privileg, weil ich im Allgäu lebe? In Zeiten, in denen sogar der Hamburger hier sein Kennzeichen behalten darf?

Die junge Generation, die rund um den Globus reist, sich zu Recht und Gott sei Dank über ein offenes und sich näher rückendes Europa freut, zuckt bei der Diskussion um „WG“ mit der Schulter. „Die beiden Buchstaben sind in erster Linie ein Teil einer Identifikationsnummer für ein Kraftfahrzeug“, erklärte mir mein Sohn nüchtern und sachlich. Und weiter: „Da können wir ja auch gleich wieder mit den alten Postleitzahlen anfangen.“

Wohlgemerkt: Auch meine Familie und ich lieben unser „WG“, leben gerne hier und identifizieren uns mit der Heimat. Daran ändern aber auch zwei Buchstaben am Autokennzeichen nichts. Geht es nach mir, will ich kein „Kleinklein“ oder ein nostalgisches „Zurück in die Vergangenheit“. Es würde, gerade hier bei uns, nur alte Gräben wieder öffnen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen