Was wäre das Silvesterkonzert ohne den Radetzky-Marsch und bunte Luftballons zum Abschluss?
Was wäre das Silvesterkonzert ohne den Radetzky-Marsch und bunte Luftballons zum Abschluss? (Foto: rahn)
Johannes Rahn

Das Silvesterkonzert im Festsaal der Waldorfschule hat eine lange Tradition. Daher ist es wichtig, immer wieder neue Akzente zu setzen. Der Stadtkapelle unter der Leitung von Tobias Zinser gelang das diesmal dadurch, dass ein ungewöhnliches Soloinstrument zum sinfonischen Blasorchester hinzutrat: Eine Violine, gespielt von Sandra Marttunen, der ersten Geigerin der Bamberger Sinfoniker, die in Kißlegg ihre Elternzeit verbringt. Die Moderation übernahm gekonnt und humorvoll Wolfgang Wanner.

Zunächst sorgte die Stadtkapelle mit der festlichen Ouvertüre von Dimitri Schostakowitsch (1906-1975) für einen farbenprächtigen und lebendigen Einstieg in den Abend. Festliche Blechbläserfanfaren, wirbelnde Holzbläser, rasche Wechsel von Motiven und Stimmungen zeigten, dass das Stück von einem Feingeist ersonnen wurde, der mit dem aufgestzten Pathos des stalinistischen Regimes nichts am Hut hatte.

„Der Zauberlehrling“ von Paul Dukas (1865-1953) setzte Goethes Gedicht mit seinem unablässig vorandrängenden Hauptmotiv ungemein eindrucksvoll in Töne um. Das langsame Abgleiten ins Durcheinander und Chaos folgte einer feinen Dramaturgie, die die Stadtkapelle mit viel Fingerspitzengefühl und zugleich kompromisslos in ein gestochen scharfes Klangbild umsetzte.

In den „Zigeunerweisen“ von Pablo Sarasate (1858-1924) glänzte Sandra Marttunen mit ihrer Violine. Tiefer Gesang, dicht gewobene Töne, dunkel glühende Leidenschaft und dann technisch perfekte, grandiose Effekte, die einer ausgeklügelten Choreographie untergordnet blieben: es war Emotion pur, träumerisch, sehnsuchtsvoll, schwärmerisch und feurig.

Die sinfonischen Tänze aus der „West Side Story“ von Leonard Bernstein (1918-1990) waren ebenso emotional aufwühlend, aber durch ihre Direktheit. Kraftvoll, an der Oberfläche ungeschliffen, zuweilen musikalisch gewalttätig und brachial, brachten sie das Leben und die Erfahrungswelt der Straßengangs auf die musikalische Bühne.

Nach der Pause versöhnt die Ouvertüre zum „Zigeunerbaron“ von Johann Strauß (Sohn) (1825-1899) mit einem unbeschwerten, wienersich locker gespielten melodischen Festschmaus. Der „Czárdás“ von Vittorio Monti (1868-1922) ist ein geigerisches Paradestück – oft gespielt, oft totgespielt. Sandra Marttunen verlieh den langsamen Teilen einen bratschenhaften, erdigen Klang und legte in den schnellen Teilen eine bewundernswert beiläufige Eleganz an den Tag, die nur begeistern konnte.

Dass sich spielerischer und persönlicher Charme gegenseitig bedingen, zeigte Sandra Martunen im Gespräch mit Wolfgang Wanner und dass sie im Allgäu bleiben will, spricht für die Möglichkeiten, die unsere Region ausgezeichneten Musikern bietet.

Die Stadtkapelle stürzte sich dann in die „Yiddish Dances“ von Adam Gorb (geb. 1958) – anders kann man es nicht nennen. Die komplexe Durchdringung von Klezmermusik und sinfonsicher Blasmusik faszinierte durch ausgelassene Fröhlichkeit, orientalichen Einschlag, zündende Rhythmen und eine immer transparent bleibende Instrumentierung. „Riverdance“ von Bill Wehlan (geb.1950) beendete den offiziellen Teil mit irisch-keltischen Klängen. Auch hier ging es Schlag auf Schlag und die hypnotischen Tanzrhythmen gingen unter die Haut und in die Beine.

Als Zugabe gab es den „Trepak“ aus Tschaikowskys „Nussknacker-Suite“, tänzerisch, halsbrecherisch flott und überschäumend wie ein entkorkte Sektflasche, bevor der Radetzky-Marsch im Luftballonregen wie immer das Konzert zu einem bunten, knallenden Abschluss brachte.

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