Vor dem Wangener Amtsgericht musste sich ein Mann unter anderem wegen Körperverletzung verantworten.
Vor dem Wangener Amtsgericht musste sich ein Mann unter anderem wegen Körperverletzung verantworten. (Foto: Scharpenberg)

Weil er Polizisten bedrohte, Körperverletzungen beging oder diese unternehmen wollte, hatte sich ein Mann aus dem Raum Wangen vor dem Amtsgericht zu verantworten. Erst während der Verhandlung wurde deutlich: Der Angeklagte muss sich während der Taten in einem psychotischem Ausnahmezustand befunden haben. Darauf deuteten seine eigenen Aussagen, wie die eines Polizisten und auch ärztliche Einschätzungen hin.

Der Angeklagte war frisch aus dem Strafvollzug entlassen worden und direkt am Tag darauf erneut straffällig geworden. Vor einer Gaststätte im Waltersbühl habe er einen Mann grundlos angegriffen. Als ein Fußgänger dazwischen ging, sei er in einen nahegelegenen Supermarkt gerannt. Dort traf die Polizei ein, um ihn abzuführen. Im Dienstwagen allerdings griff er aus dem Nichts einen Polizisten neben ihm an und versuchte, dessen Pistole an sich zu reißen. „Du bist tot“, soll er zu dem Beamten gesagt haben.

Methadon und Kokain festgestellt

Die Gründe für dieses Verhalten wurden erst nach und nach deutlich. Der Angeklagte war aus dem Gefängnis entlassen worden. Dann musste er feststellen, seine alte Wohnung war aufgelöst worden und er sollte ab nun in einem Obdachlosenheim wohnen. Zudem habe er genau an den zwei Tagen vor der Tat vergessen, seine Medikamente zu nehmen. Weiter führte er aus: Vor vielen Jahren habe er eine durch Drogenkonsum verursachte Psychose erlitten, die aus ihm einen anderen Menschen gemacht habe. Nur durch Einnahme von Medikamenten könne er seinen Zustand kontrollieren. Zudem wurden direkt nach der Tat in seinem Blut Methadon und Kokain festgestellt.

Die Einnahme der Drogen, die Nicht-Einnahme seines Medikamentes und die aufgelöste Wohnung sowie weitere Dinge, die ihn aufregten, hätten in ihm eine Art Psychose entstehen lassen. Dieser Ausnahmezustand habe etwa eine Woche lang angedauert. Der Angeklagte selbst sprach davon, „Tag und Nacht wie ein Irrer durch die Straßen gerannt zu sein“. „80 bis 90 Prozent der Sachen, die passiert sind, weiß ich nicht mehr. Ich denke da, ich bin Jesus, werde von Stimmen und vom Teufel geleitet.“

Auch der als Zeuge vorgeladene Polizist bestätigte einen solchen Zustand: „Er ist da vorm Rewe mit nacktem Oberkörper rumgesprungen. Man merkte, mit ihm stimmt was nicht, er befand sich in einem psychischen Ausnahmezustand.“

Eine Frage der Schuldfähigkeit

Für die Urteilsbildung musste nun abgeschätzt werden, ob eine eingeschränkte Schuldfähigkeit oder gar eine Schuldunfähigkeit zur Tatzeit bestand. Ärzte diagnostizierten dem Mann paranoide Schizophrenie und ein Oberarzt gab sogar an, der Mann sei „nicht gewahrsamsfähig“. Er sei also aufgrund seines Zustands nicht in der Lage, eine Haftstrafe zu verbüßen. „Das ist eigentlich ein groteskes Ergebnis“, sagte der Richter dazu. „Der Zustand des Mannes ist so krass, dass der Oberarzt sagt, es sei kein Gewahrsam möglich und man lässt ihn frei.“

Am Ende verurteilte ihn der Richter zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung. Der Richter erkannte zwar die Schuldunfähigkeit des als Angeklagten an. Allerdings hatte er illegal Drogen konsumiert, die mitverantwortlich für seinen Zustand seien. „Der Mann kam aus dem Strafvollzug, und seine Wohnung war nicht mehr da. Da hat er sich umgangssprachlich ,abgeschossen’. Er hätte im Voraus wissen müssen, dass er Straftaten begeht, wenn unter Drogen ist“, so der Richter. Deswegen sei er dennoch wegen fahrlässigem Vollrausch zu verurteilen, auch wenn der Richter die Strafe nicht ohne Bedenken zur Bewährung aussetzte, wie er angab.

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