Firma Fidel Hiller besteht seit 110 Jahren

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Schwäbische Zeitung
Vera Stiller
Redakteurin

Ob Einheimische oder Touristen: Wer durch die Wangener Innenstadt geht, der ist begeistert von den altehrwürdigen Gebäuden, deren Entstehung bis in das Mittelalter zurückgeht. Beim Betrachten der zum Teil kunstvoll bemalten Fassaden fragt man sich unwillkürlich, welche Geschichte dieses oder jenes Haus wohl erzählen könnte.

Die Wangener Stadtansicht von Johann Andreas Rauch, die seit ihrer Entstehung zu Beginn des 17. Jahrhunderts im Rathaus hängt, hat für das Gedächtnis der Stadt einen unschätzbaren Wert. Wer wüsste sonst, dass auf der heutigen Parzelle Paradiesstraße 6 zwei Gebäude zu unterscheiden sind? Der Blick in alte Steuerbücher gibt weitere Aufschlüsse. Bereits ab 1505 wurde in diesem Haus durch Weber Lienhar Hysslin ein Gewerbe betrieben.

Gebäude war früher Braustätte

1625 war es, als Wilhelm Goldbach das Anwesen erwarb. Der Betrieb einer „Preustatt“, also einer Bräustätte, ist für 1646 urkundlich belegt. Für einige Jahre nach 1780 gehörte auch der „Goldene Bär“ zur Paradiesstraße 6. Die Geschossgleichheit lässt darauf schließen, dass einige Jahrzehnte lang beide Anwesen in den Obergeschossen zusammengeschlossen waren. Der erste „Löwensaal“ hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach im zweiten Geschoss befunden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es einen häufigen Besitzerwechsel. 1905 erfolgten diverse Umbauten in den Geschossen, die für kurze Zeit dem Kaufhaus Dahlberg zur Verfügung standen.

1919 nun kommt Fidel Hiller ins Spiel. Er, der 1905 am Argenwuhr seinen ersten Tapezier- und Polsterbetrieb eröffnet hatte und um 1909 in die Braugasse – heute Stoffhaus Hiller – umgesiedelt war, kauft das Anwesen Paradiesstraße 6. Zunächst noch zusammen mit Friseur Wilhelm Kerner als Mieter, später dann allein, wird diese Adresse zum Stammhaus der Familie Hiller und zum Mittelpunkt des Unternehmens mit dem damals noch klassischen Umfang der Raumausstattung einschließlich Tapeziererei, Polsterei und Matratzenherstellung.

Nach einer positiven Entwicklung gibt es erste schmerzhafte Einschnitte, als Sohn und Nachfolger Emil im Zweiten Weltkrieg in Russland fällt und Firmengründer Fidel Hiller fünf Jahre später stirbt. Betrieb und Anwesen gehen jetzt an Tochter Wilhelmine und deren Mann Raimund Kolb über.

Die Nachkriegszeit nimmt unter ihnen einen erneuten Aufschwung. Bis zu vier Angestellte sind allein im Werkstattbereich tätig. In den 1960er-Jahren sind größere Umbaumaßnahmen unerlässlich. Unter anderem bekommt die Fassade das noch heute gültige Gesicht.

1970 steht der nächste Generationenwechsel ins Haus. Die Töchter Elisabeth mit Ehemann Robert Scheidler und Brigitte Wörndle nehmen die Geschicke des Unternehmens in die Hand. Jetzt wird es Zeit, den Betrieb neu auszurichten. Weg vom Tapezier- und Polsterhandwerk und hin zu Orientteppichen und Wohnaccessoires. Später kommen mit der Boutique „Textil und Design“ im Martinstor (1995 bis 2013) auch Mode und Lifestyle-Artikel hinzu.

Im Frühjahr 1993 erfolgt eine grundlegende Umgestaltung der Ladenräume. 2006 und 2007 wird der Dachstuhl gesichert, saniert und ausgebaut. 2014 nimmt dann Hausarchitekt Michael Scheidler eine Erweiterung und Umstrukturierung des Ladenbereichs vor.

Ursula Scheidler, die seit 2010 zusammen mit Vater Robert Scheidler das Geschäft führt und die „Fidel Hiller oHG“, das „Fachgeschäft für Raumausstattung“, nach außen vertritt, hat klare Vorstellungen für dessen Ausrichtung. Wobei sie den Schwerpunkt auf Vorhänge und Tischwäsche, Teppiche und Bodenbeläge, Kleinmöbel und Accessoires wie auch Mode legt. Eine individuelle Beratung ist ihr ebenso wichtig wie sie fest von den Vorzügen eines reinen Familienbetriebs überzeugt ist.

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