Für Mut, gegen Gewalt

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Die Träger des Zivilcouragepreises 2014 präsentierten sich am Ende der Veranstaltung auf der Bühne der Wangener Stadthalle.
Die Träger des Zivilcouragepreises 2014 präsentierten sich am Ende der Veranstaltung auf der Bühne der Wangener Stadthalle. (Foto: Susanne Müller)
Jan Peter Steppat

Der Landkreis Ravensburg und die Stadt Wangen haben die diesjährigen Vorbilder für Mut und den Einsatz für Andere mit dem Zivilcouragepreis 2014 ausgezeichnet. Mit den zum siebten Mal vergebenen Auszeichnungen soll „die Kultur des Hinsehens“ gefördert werden, wie Kreissozialdezernentin Diana Raedler am Donnerstagabend in der mit fast 300 Menschen bestens gefüllten Wangener Stadthalle sagte.

Den Hauptpreis erhielt, wie bereits am Freitag berichtet, der Zehnjährige Moritz Buchmeier. Er hatte seinem Schulfreund geholfen, als dieser auf dem Pausenhof von Mitschülern in den Schwitzkasten genommen wurde und einen Asthma-Anfall bekam. Mit der Auszeichnung für den Niederwangener Schüler wollte die Jury ein Zeichen für die Hilfe von Mobbing-Opfern setzen.

Dass die Wahl des Hauptpreisträgers eine schwierige Entscheidung war, zeigen die Taten, mit denen sich auch die in den einzelnen Kategorien Ausgezeichneten durch Mut und Engagement hervorgetan hatten.

Kategorie Öffentliches Interesse

Erwachsene: Franz Dressler und Stefan Ringer halfen einem Mann, dem in Bad Wurzach seine Motorsäge gestohlen worden war. Ringer verfolgte den flüchtenden Dieb mit einem Mountain-Bike und brachte ihn letztlich dazu, anzuhalten. Dressler nahm die Verfolgung per Auto auf. Ergebnis: Die Polizei fasste den Täter, und der Besitzer der Motorsäge hat sein Eigentum wieder.

Jugendliche: Sonja Ganal und Nina Hoffmann aus Berg und Ravensburg schafften es, einen so genannten „Shitstorm“ in Internet-Netzwerken zu unterbinden, der über zwei Jugendliche hereingebrochen war. Ihnen war per Video die grausame Tötung einer Katze angedichtet worden. Die Folge: Die beiden Jugendlichen aus Fronreute und Berg erhielten sogar Morddrohungen. „Der Hass hat etwa ein bis zwei Wochen gedauert“, berichteten die Mädchen auf Nachfrage von Moderator Dominik Schick.

Kategorie Notruf und Erste Hilfe

Erwachsene: Sascha Metzdorf, Jannik Wachter und Johannes Briegel setzten sich ein, als bei einem fatalen Grillunfall in der Wangener Praßbergsiedlung im März ein Mädchen buchstäblich in Flammen stand. Der zufällig vorbeifahrende Metzdorff beispielsweise stoppte sein Auto, holte eine Decke aus dem Kofferraum und löschte mit dieser die Flammen, die das Mädchen ergriffen hatten. „Ohne dieses couragierte Eingreifen hätte unsere Tochter den Unfall wahrscheinlich nicht überlebt“, hatte die Mutter des Mädchens im Bewerbungsschreiben ihren Vorschlag begründet.

Jugendliche: Anna Weiß aus Leutkirch rettete im Sommer in einem Badesee bei Ulm einen Freund vor dem Ertrinken, der wegen eines Sonnenstichs nicht mehr schwimmen konnte. Sie schwamm zu ihm und hielt ihn fest, bis Hilfe kam. „Die Wartezeit von wenigen Minuten kam mir vor wie Stunden“, sagte sie mit bewegenden Worten bei der Preisverleihung. Wie alle anderen Preisträger erhielt sie viel Applaus.

Kategorie Gewalt gegen Menschen und Sachen

Neben Moritz Buchmeier bei den Jugendlichen ging dieser Preis an Arnel Cousevic, Minh Hieu Stefan Hoang und Erkan Kücük bei den Erwachsenen. Das Trio bemerkte zu nächtlicher Stunde eine Schlägerei vor einer Gaststätte in Weingarten. Durch ihr beherztes Eingreifen gelang es, die Streithähne zu trennen, berichtet die Polizei. Doch dann wurde es richtig brenzlig. Einer der an der Schlägerei Beteiligten zog ein Messer. Dennoch griffen sie ein und hielten den Mann fest, bis die Polizei vor Ort war. „Wir haben total vergessen, dass es dabei auch uns hätte treffen können“, erzählte das Trio.

Kategorie Projekte

Hier wurden die Ravensburger Johannes, Markus und Tobias Gerster sowie Theresa Wilhelm mit dem Zivilcouragepreis bedacht. Bei einem Urlaub auf den Philippinen zu Jahresbeginn mussten sie miterleben, wie ein gewaltiger Taifun ihre Urlaubsinsel zerstörte. Das Quartett überlebte und blieb sogar über die Ferienzeit hinaus dort, um zu helfen. Die Ravensburger starteten übers Internet die Spendenaktion Malapascua für die notleidenden Menschen dort, in der Hoffnung 1000 Euro zusammenzubekommen. Am Ende waren es über 21 000 Euro. Wie wichtig ihre Hilfe war, wurde bei der Preisverleihung deutlich. Denn abseits der Feriendomizile sind immer noch weite Strecken der Insel zerstört.

Sonderpreise

Die Wangenerin Weini Semere bot im Frühjahr an, einen 16-jährigen eritreaischen Flüchtling zu begleiten. Sie half dem Jugendlichen ohne Deutsch-Kenntnisse bei Kontakten mit Behörden und Ärzten. Zudem ist es ihr gelungen, eine Bindung zu dem traumatisierten Flüchtling aufzubauen. Ebenfalls aus Eritrea stammend, sagte Weini Semere: „Ich weiß selbst, wie schwer es ist, wenn man die Sprache nicht kennt.“ Die Wangenerin wurde stellvertretend für Menschen ausgezeichnet, die sich um Flüchtlinge kümmern.

Die Initiative „Oberschwaben ist bunt“ erhielt einen Sonderpreis, weil sie eine digitale Menschenkette für Tolerenz und gegen Rechts ins Leben gerufen hatte. 4000 Menschen nahmen daran teil, 2000 Menschen kamen Anfang Februar zur Abschlussveranstaltung in der Ravensburger Oberschwabenhalle. Die Organisatoren kündigten an, im kommenden Jahr ihre Aktivitäten auf Österreich und die Schweiz auszudehnen und Kontakt zu Fußball-Bundesligavereinen aufzunehmen, die Probleme mit rechtsradikalen Gruppierungen haben.

Alle Ausgezeichneten erhielten Sachpreise oder Gutscheine, die von Sponsoren gestellt wurden. Ärger hatte es im Vorfeld der Preisverleihung gegeben, weil die Initiative Prozessbeobachter fälschlicherweise als einer der Sieger eingeladen worden war. Nachdem das Landratsamt den Fehler eingeräumt hatte, demonstrierte die Initiative vor der Stadthalle für ihre Anliegen. Zu Problemen kam es dabei aber nicht.

Ein Video finden Sie unter:

schwaebische.de/wangen

Es wurde von Mitgliedern des Wangener Jugendgemeinderats gedreht und zeigt Stimmen von Bürgern zum Thema Zivilcourage.

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