Zuweilen bitterböse geriet der Auftakt zur neuen Kleinkunstsaison mit Max Uthoff.
Zuweilen bitterböse geriet der Auftakt zur neuen Kleinkunstsaison mit Max Uthoff. (Foto: Edgar Rohmert)
Edgar Rohmert

„Man lacht über Sachen, über die man eigentlich heulen müsste.“ So brachte es einer der Zuhörer in der Pause auf den Punkt. Der bissig-knallige Kabarettabend mit Max Uthoff am Samstagabend in der Häge-Schmiede war ein Frontalangriff auf alles, was in unserer Welt in Schieflage geraten ist: die Globalisierung, die repräsentative Demokratie, der gesellschaftliche Zusammenhalt, Konsumverhalten, Freiheitsverständnis, Solidarität, Klima und Gerechtigkeit.

Das Sprachwerk des Kabarettisten arbeitete an diesem Abend wie ein Maschinengewehr, und so mancher im Publikum hatte Schwierigkeiten, den blitzschnell eingestreuten Pointen zu folgen. Die bissigen Seitenhiebe und knalligen Pointen waren temporeich, unterhaltsam, teilweise überragend und überzeugend böse.

Mental Gassi geführt

„Es kann alles passieren, ich hoffe, Sie wissen, worauf Sie sich einlassen…“ Vorpremiere! Max Uthoff nahm sich das Recht, sein Wangener Publikum („Das beste Publikum Deutschlands“) „zwei Stunden lang mental Gassi zu führen“. Und dabei ging er über zu einem Frontalangriff auf alle, die sich in der deutschen Politikerszene bewegen: Angela Merkel („Merkel hält die Vergangenheit an, bis die Zukunft vorüber ist.“), Horst Seehofer und Markus Söder („…wenn die sich christlich nennen, bekommen Ordensschwestern eine Gürtelrose.“), Scheuer, Lindner oder Olaf Scholz („…auf Olaf Scholz haben sie keinen Anspruch – soviel Geld haben sie nicht bezahlt.“).

Alle bekamen ihr Fett ab. Die CDU und SPD genauso wie die FDP und insbesondere die AFD. Dabei wurde Alexander Gauland zu Uthoffs Zielscheibe: Dessen „Vogelschiss-Zitat“ zum Dritten Reich sei eine „Form von Melancholie“, unter der Gauland leide. Es hänge mit seinem „Älterwerden“ und seinen verpassten Chancen und Möglichkeiten zusammen. Und was die deutsche Fremdenfeindlichkeit betrifft: „Deutsche machen alles hundertprozentig.“

Überhaupt – Politik und repräsentative Demokratie: Für Uthoff ist die „Demokratie die Herrschaftsform der Besitzenden“, in der die Minderheit der Reichen vor der Mehrheit geschützt wird. Politiker seien nicht Volksvertreter, sondern Interessenvertreter. Und was den Faschismus angeht – er habe auch gewisse Vorteile, beispielsweise durch die Uniformen für die, die in herkömmlichen Klamotten schlecht aussehen.

Von einem Rundumschlag gegen Demokratie, Faschismus, Fremdenfeindlichkeit, Hundebesitzer, Katzenhalter und Donald Trump ging Uthoff über in einen Angriff auf das System der Globalisierung, in dem der „globale Norden“ den „globalen Süden“ der Erdhalbkugel aushungern lässt: „Gib mir deine Rohstoffe, oder ich lasse dich verhungern.“

„Kreuzfahrtschiff Verdrängung“

Die Früchte dieses ausbeuterischen Verhaltens mache sich dann die Reise-Industrie zunutze, nach dem Motto: „Wir bringen Sie zu den Früchten und Opfern ihrer Lebensweise.“ Kinder auf Elektroschrotthalden, ausgebeutete Näherinnen, krebskranke Arbeiter in den Kobaltminen. Das „Kreuzfahrtschiff Verdrängung“ bringe die westlichen Touristen an all die Orte, die von Ungerechtigkeit und Ausbeutung zeugen. Sensationstourismus!

Max Uthoffs Resumee ist niederschmetternd und ernüchternd: Die Menschheit sei nicht in Richtung Klugheit unterwegs. Irgendetwas laufe in die falsche Richtung. Klimawandel, Drogen, Ungerechtigkeit, Einsamkeit, Waffenhandel, grenzenloser Konsum, der Zerfall der Gesellschaft – für Solidarität sei kein Platz. Auch nicht für ein gesundes Freiheitsverständnis: „Freiheit bedeutet im digitalen Zeitalter, so viel zu verdienen wie es geht.“ Fazit am Ende eines spannenden Kabarettabends: „Wir sind weit entfernt von dem, was uns als gelungen erscheint.“

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