Eine Dichterin, die auch Romane schreibt

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Ulrich Schmilewski von der Stiftung Kulturwerk Schlesien in Würzburg übergab am Sonntag in der Kornhausbücherei den Eichendorff
Ulrich Schmilewski von der Stiftung Kulturwerk Schlesien in Würzburg übergab am Sonntag in der Kornhausbücherei den Eichendorff-Literaturpreis 2018 an Kerstin Preiwuß. (Foto: Vera Stiller)
Vera Stiller
Redakteurin

Höhepunkt jeder „Wangener Gespräche“ ist die Verleihung des mit 5000 Euro dotierten Eichendorff-Literaturpreises. In diesem Jahr wurde die Auszeichnung mit Kerstin Preiwuß einer Autorin überreicht, der die Jury „eine Verwandlung von Wahrnehmung und Denken in tragende Worte und Sätze“ bescheinigt. So würde das Fundament für ein „Haus aus Sprache“ gelegt, in dem die Fenster „weit offen sind, insbesondere mit Blick für den Osten Europas.“

Beate Tröger, die als Literaturkritikerin und als Moderatorin und Jurorin arbeitet, hielt am Sonntag die Laudatio. Gleich zu Beginn zitierte sie einen Satz von Kerstin Preiwuß, den diese in einem Essay in der Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“ geschrieben hat: „Die Sprache kann man nicht anzweifeln, die Sprache ist immer das Erste und Letzte, was gilt. Sie ist Netz, Seil und Balancierstange in einem.“

Und doch, so Beate Tröger, müssten gerade Dichter die Sprache „immer neu finden“. Um mit den im Osten Deutschlands angesiedelten Romanen „Restwärme“ und „Nach Onkalo“ zwei Beispiele zu benennen, die angesichts derzeitiger Wahlergebnisse und Umfrageprognosen „von hoher Aktualität sind“. Tröger wollte die beiden Bücher aber nicht auf ihre gesellschaftliche Dimension reduziert wissen. Was die Werke auszeichne, sei die Art und Weise, wie Preiwuß „die Sprachkleider schneidert“, wie sie für die eine Figur „eine Sprache der Sprachlosigkeit findet“, und für die andere eine Sprache, „die der Hilflosigkeit trotzt“.

Dann richtete die Laudatorin ihren Blick auf einige Gedichte. Wobei sie den Vergleich zu Friedrich Hölderlin zog, der mittels seiner Kunst das Handwerkliche nur derart zu überwinden vermag, „dass sich der Blickende und das Erblickte, der Dichter und das Bedichtete in einem kunstlosen Modus befinden“. Das Vermögen, „Lieder von kunstloser Kunstlosigkeit“ zu singen, das sieht Beate Tröger auch in den Gedichten von Kerstin Preiwuß „artikuliert und realisiert“.

Und doch sei Kunstlosigkeit bei Hölderlin wie auch bei Eichendorff eine andere, sagte Tröger und schlussfolgerte: „Die Welt hat ihre Unschuld verloren – falls sie sie je hatte.“ Der organisierte Massenmord der Nationalsozialisten an den Juden, den Theodor Adorno als „Zivilisationsbruch durch Auschwitz“ bezeichnet und der die Welt verändert hat, habe den Glauben an und den Umgang mit Sprache und Gedicht „unhintergehbar“ erschüttert.

Was sich in vielen Gedichten von Kerstin Preiwuß realisiert, das ist für Beate Tröger „neben dem Wunsch nach dem Singen von Liedern, die unsere Welt angemessen zum Klingen bringen, auch ein Sprechen aus einer weiblichen Perspektive heraus“. Die Rednerin war sich bewusst, dass hier gerne die Etikettierung „Frauenliteratur“ winken würde. Doch das, so Tröger, sei verfehlt.

Nicht nur, weil mit Preiwuß immerhin schon die zwölfte Frau seit 1956 den Eichendorff-Literatur-Preis erhalte, sondern auch, weil beispielsweise in der Verszeile „Wie kann man sich denn so verfühlen?“ etwas artikuliert würde, „was mir im Zusammenhang mit der Wahrnehmung und dem Umgang mit Körper, Geist und Seele alles andere als fremd ist“. Ebenso nehme sie aus den Gedichten das Lied, das in allen Dingen – und auch in den weiblichen Wesen – schliefe, mal als brüchigen und mal leisen, mal zum Schrei sich erhebenden „kunstvoll-kunstlosen Protestsong“ wahr.

Kerstin Preiwuß, die sich selber eine „Dichterin, die auch Romane schreibt“, nennt und die in der DDR verbrachte Kindheit als „Verbindung mit dem Osten“ beschreibt, erheiterte die Zuhörerschaft mit der Tatsache, dass gerade der Roman „Nach Onkalo“ als ein „Männerbuch“ erkannt worden sei.

Aus diesem Buch las die Preisträgerin zwei Abschnitte vor. Zunächst begab sie sich mitten hinein in die ostdeutsche Provinz. Gemeinsam mit ihren Figuren durchstreifte sie die Ränder der mecklenburgischen Seenlandschaft – und damit eine Gegend voller Widersprüche. Schon nach wenigen Sätzen war zu erkennen, dass die Autorin eine feine Empfindung für die atmosphärischen Schwingungen der Gegend und für das Gefühl der Menschen dort hat.

Ein Gedicht, in dem es um das Gespür für Licht geht, beendete die Lesung. Nicht, ohne noch einmal von Jana Volz, Michael Schmid und Steffen Volz Klezmer-Musik gehört zu haben.

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