Mit einer Flasche Wein bedankte sich der Wangener Wirtschaftskreis, vertreten durch die Vorstandsmitglieder Marcus Eberlei (Mi
Mit einer Flasche Wein bedankte sich der Wangener Wirtschaftskreis, vertreten durch die Vorstandsmitglieder Marcus Eberlei (Mitte) und Paul Schwarz (links), bei Stadtarchivar Rainer Jensch für dessen Ausführungen über die historische Entwicklung des Industriestandorts Wangen. (Foto: Susi Weber)
Redaktionssekretariat

Auf Einladung des Wangener Wirtschaftskreises (Wawi) hat Stadtarchivar Rainer Jensch am Dienstagabend beim monatlichen Wawi-Afterwork im Hotel Farny seine Zuhörer mit auf eine „Reise“ durch die industrielle Geschichte Wangens genommen. Jensch erläuterte den 25 Besuchern den breiten Bogen von 1000 Jahren Vorindustrie bis zu seiner Einschätzung für die Zukunft.

Eines zog sich wie ein roter Faden durch den eineinhalbstündigen Vortrag von Jensch: Immer dann, wenn sich wirtschaftlich betrachtet schwere Einschnitte ergaben, taten sich in der Folge Neuerungen auf, die fortan das Leben der Menschen und ihre Arbeit bestimmten. Der von Jensch als „Rundumschlag der Wangener Wirtschaftsgeschichte“ bezeichnete Vortrag begann in den rund 1000 Jahren Vorindustrie, in der Leinwände, Sensen, Korn, Fisch und Pferde als „Exportschlager“ galten. Auch der Markt hatte seine Bedeutung, lag Wangen doch an der Handelsstraße Kempten-Ravensburg und der Verbindung Augsburg-München-Lindau-Mailand, die Jensch als „die zentrale Handelsachse“ bezeichnete. Mit den Webern, den Schmieden, den Metzgern und den Bäckern waren vier Zünfte in Wangen angesiedelt, denen beispielsweise auch Berufe wie Gerber, Gastwirte, Brauer oder Müller angehörten. Schon in der Vorindustrie wurde in Wangen mit Wasserkraft gearbeitet. Der Dreißigjährige Krieg brachte eine erste Zäsur. Jensch: „Wangen fiel danach in einen Dämmerzustand, hat sich bis etwa 1850 nicht weiterentwickelt.“

Elektrische Straßenbeleuchtung noch vor Stuttgart

1863, und damit laut Jensch „relativ spät“, zog die Industrie in Wangen ein. Im „äußersten Zipfel des Königreichs Württemberg“ habe man damals „händeringend versucht, mitzuhalten“. Eduard Widmer und Johannes Blattmann, zwei Schweizer Fabrikanten aus Schaffhausen gründeten in Wangen die Baumwollspinnerei, die später von der Baumwollspinnerei Erlangen übernommen wurde. „Diese Firma hat die Stadt geprägt“, sagte Jensch. Verknüpft ist ihre Entwicklung auch mit der Papierfabrik Sigmanns, der späteren „Ausrüstungsanstalt“, und dem Eisenbahnanschluss, der 1880 eröffnet wurde, und für den 1890 auch ein Anschluss nach Hergatz geschaffen wurde. „Mit der Industrialisierung hat sich Wangen kolossal verändert“, sagte Jensch. Und weiter: „In zehn Jahren hat man das aufgeholt, was man in 100 Jahren versäumt hat.“

In diese Zeit der Industrialisierung fällt auch die Ansiedlung der Zellstofffabrik (1881), deren endgültiges Ende 1962 in der Folge auch der Beginn des Industrie- und Gewerbegebietes Atzenberg war. Ausgerechnet der in Wangen lang ersehnte Eisenbahnanschluss brachte aber auch Veränderungen in der Landwirtschaft mit sich. „Mit der Eisenbahn ist der Kornmarkt zusammengebrochen.“ Ausgewichen wurde in die Milchwirtschaft, aus der heraus zahlreiche Käsereien entstanden. 1892 gründeten die Gebrüder Wiedemann mit bescheidenen Mitteln ihr Käse- und Buttergeschäft, das später als Adler-Käse bekannt wurde. 1893 gab es in Wangen – und damit noch vor der Landeshauptstadt Stuttgart – eine elektrische Straßenbeleuchtung. Einher gingen sie mit Wasserkraftwerken in Neumühle, Thalerschachen, Au und später Gottrazhofen, die auch heute noch funktionieren.

Als „Wirtschaft in schwierigen Zeiten“ beschrieb Jensch die Jahre 1914 bis 1945. Der Wohnungsnot wurde mit dem Bau der Eisenbahnwaggon-Wohnungen begegnet, Firmengründungen sind nicht vermerkt: „Vor 90 Jahren entstand die Kinderheilstätte (heute: Fachkliniken).“ Die Friedrichshafener Firma Maybach-Motorenbau verlagerte einen Teil ihres Werkes in die Wangener Ausrüstung. Gefestet wurde in Wangen erst 1950 wieder – bei der 800-Jahr-Feier. Der Tourismus kam auf. Jensch: „Und damals auch die Marketing-Idee des Spruchs: In Wangen bleibt man hangen.“

„Heutige Generation wird in eine Krise stürzen“

„In den 50er- und 60er-Jahren veränderte sich der Einzelhandel. Die Selbstbedienung kam“, erinnerte Jensch an die jüngere Vergangenheit. 1982 endete mit der Eröffnung der Gallusbrücke die zuvor unumgängliche Fahrt durch die Innenstadt. Mit dem großen Stadtsanierungsprogramm in den 70er- und 80er-Jahren wurde, so Jensch, aus der „grauen Maus Wangen“ eine „lebenswerte Stadt“. Verschwunden sind hingegen der Saumarkt oder die Vielzahl an Brauereien.

Einschneidend war auch der Bau der Autobahn. Durch die Aufgabe der Pläne für eine Aus- und Auffahrt Wangen-Süd wurde auch ein eigentlich geplantes Industriegebiet in diesem Bereich nicht weiterverfolgt – und später in Geiselharz errichtet. Adler-Quartier, die VKD in Ahegg oder nun auch das Erba-Areal: Dür vieles wurden neue Nutzungen gefunden. „Wir sind aber auch an den Grenzen unseres Wachstums angekommen“, sagte Jensch zum Abschluss.

Auf die Bitte eines Besuchers, doch einen Blick in die Zukunft zu wagen, antwortete Jensch: „Das wird mal mein Nachfolger feststellen müssen, wie Sie Ihre Zeit gestaltet haben.“ Persönlich glaube er nicht, dass die heutige Generation ihr Leben beende, ohne noch in eine wie auch immer geartete, größere Krise zu stürzen: „Wie die sich auswirkt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass wir diese nicht aus eigener Kraft meistern können.“ Schon allein deshalb, weil die Landwirtschaft eine Revolution durchlaufen habe und auf ein paar wenige Produzenten reduziert sei: „Früher war sie Ernährungsgrundlage für das ganze Volk.“

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